Skepsis gegenüber Strategie

Tesla an der Börse erstmals mehr wert als Volkswagen

+
Teslas-Chef Elon Musk bei der Enthüllung des "Modell Y" im Designstudio des Unternehmenns in Hawthorne, Kalifornien. Foto: Jae C. Hong/AP/dpa

Die Schwelle ist zunächst einmal nur symbolischer Natur: Der Börsenwert des US-Elektroautobauers Tesla überschritt die Marke von 100 Milliarden Dollar. Damit zieht die Firma an VW vorbei. Doch wie viel Substanz steckt dahinter?

Hannover/New York - Es ist eine Wette auf die Zukunft des Autos - befeuert durch heißgelaufene Erwartungen, aber auch die Angriffslust des Underdogs. Tesla zog beim Börsenwert an Volkswagen als größtem Hersteller der Welt vorbei.

Der Elektroautobauer an der Wall Street knackte am Mittwoch erstmals die Marke von 100 Milliarden US-Dollar. Schon seit Anfang des Jahres ist Tesla mehr wert als die beiden US-Branchenriesen General Motors und Ford zusammen.

So eindrucksvoll dies für die Fans des Unternehmens aus Fremont in Kalifornien sein mag: Die reine Börsenbewertung ist oft stark von der wirtschaftlichen Lage einer Firma entkoppelt. Branchenbeobachter Frank Schwope betont etwa, dass der starke Tesla-Kurs zunächst einmal nur eine Momentaufnahme sei. "100 Milliarden sind schon eine starke Hausnummer", räumt der Analyst der NordLB ein. Aber man müsse stets auch die realwirtschaftliche Entwicklung der Firma im Auge behalten.

Tesla war bisher über weite Strecken unprofitabel, die kostspielige Einführung neuer Modelle riss Löcher in die Bilanz. Zwar konnte im dritten Quartal 2019 ein Gewinn erzielt werden - Schwope bezweifelt aber, dass die Geschäftszahlen den Auslöser für den aktuellen Höhenflug gaben: "Der Anleger honoriert ja vor allem Erwartungen." Mit Blick auf die Schwierigkeiten, die Tesla in der Produktion großer Stückzahlen für den Auto-Massenmarkt habe, sei der zwischenzeitliche Börsenwert "doch wohl etwas überzogen". "Ich stehe dem durchaus skeptisch gegenüber", so Schwope.

Wertvollster Autobauer an der Börse ist Toyota mit mehr als 200 Milliarden Dollar. VW kommt aktuell auf umgerechnet etwa 99 Milliarden Dollar, Daimler auf um die 53 Milliarden Dollar, Angaben für BMW liegen je nach Handelsportal zwischen 46 und 51 Milliarden Dollar.

Allerdings kann die Forderung nach Augenmaß auch in umgekehrter Richtung greifen: Nur weil Tesla noch nicht dauerhaft ertragreich ist und in Teilen von einem Finanzmarkt-Hype getragen wird, bedeutet das nicht, dass Konkurrenten die Amerikaner auf die leichte Schultern nehmen dürfen. Im Gegenteil. VW-Chef Herbert Diess hat Musk bei mehrfacher Gelegenheit Respekt gezollt. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos sagte er: "Wir glauben, dass Tesla eine sehr wichtige Rolle im Wandel (der Autoindustrie) spielt, weil sie ein Wegbereiter sind." Gemeint ist der grundlegende Umbau der Branche vom Autobau zur Integration neuer Technologien wie Vernetzung und E-Mobilität.

Kürzlich hatte Diess schon seinen Managern deutlich ins Gewissen geredet. In einer internen Runde sagte er Mitte Januar vor Führungskräften: "Der Sturm geht jetzt erst los. (...) Sind wir schon gut genug vorbereitet auf das, was da kommt?" Bezogen auf den steigenden Börsenwert von Tesla meinte der VW-Chef: "Das Auto wird das wichtigste "Mobile Device". Wenn wir das sehen, dann verstehen wir auch, warum Tesla aus Sicht der Analysten so wertvoll ist. (...) Die Zeit klassischer Automobilhersteller ist vorbei." Auch Volkswagen solle daher zu einem "digitalen Tech-Konzern" geformt werden.

Mit Blick auf die schärfere CO2-Regulierung der EU ist dieser Schritt durchaus sinnvoll, denn den Herstellern drohen beim Reißen der noch zulässigen Flottengrenzwerte hohe Strafen. Der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sagte Diess, er setze sich auch für einen deutlich höheren CO2-Preis ein: "Ich wünsche mir weiterhin eine höhere CO2-Steuer von der Politik. Es hilft uns derzeit eher, dass Tesla zeigt, wie es geht."

Im vergangenen Jahr konnte Tesla die Auslieferungen um satte 50 Prozent auf 367.500 Fahrzeuge steigern. Die Grundlage dafür ist das Model 3, das dem Elektroauto-Pionier den Weg aus der Nische in einen breiteren Markt ebnen soll. Nicht zuletzt einer der Gründe, warum ein deutscher Wirtschaftsexperte mit einer umstrittenen These für Aufsehen sorgt.

Derweil rückt Tesla den deutschen Platzhirschen auch in deren Heimat auf die Pelle. In Grünheide bei Berlin soll eine neue "Gigafactory" mit tausenden Jobs entstehen, zur Produktion des Kompakt-SUV Model Y. In den USA soll die Fertigung des Model Y in den kommenden Monaten beginnen - eine Möglichkeit für Musk zu beweisen, dass Tesla ein neues Fahrzeug auch ohne große Dramen und hohe Kosten in Serie bringen kann.

Musk ist denn auch einer, der von dem hohen Kurs persönlich profitieren kann. Hält sich der Börsenwert sechs Monate lang über der Marke von 100 Milliarden Dollar, kann der Starunternehmer auf eine mehr als 300 Millionen Dollar schwere Tranche aus seinem auf zehn Jahre ausgelegten Vergütungs-Fahrplan hoffen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare