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IfW-Präsident Felbermayr: „Die EZB wird nicht unendlich auf die Finanzen einiger Länder Rücksicht nehmen“

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Von: Thomas Schmidtutz

Verbraucher müssen sich im laufenden Jahr auf weitere Preissteigerung einstellen. Das machte der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft, Gabriel Felbermayr, gegenüber Merkur.de deutlich.

München - Der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Prof. Gabriel Felbermayr, rechnet mittelfristig mit einem höheren Preisauftrieb als noch vor Ausbruch der Corona-Pandemie. „Wir glauben, dass wir uns in den nächsten Jahren auf eine etwas höhere Inflation einstellen müssen, als wir sie in den vergangenen Jahren gewohnt waren“, erklärte Felbermayr gegenüber Merkur.de.

Zuletzt war die Inflation weltweit in vielen Ländern deutlich gestiegen. Im August erreichte die Inflationsrate etwa in Deutschland mit 3,9 Prozent den höchsten Stand seit fast 30 Jahren. Neben steigender Energiepreise schlug sich dabei unter anderem auch die Rücknahme der temporären Mehrwertsteuer-Senkung nieder.

Zugleich rief Felbermayr die hoch verschuldeten EU-Länder zur Sanierung ihrer Staatshaushalte auf. Die Europäische Zentralbank (EZB) werde „nicht unendlich auf die Finanzen einzelner Länder Rücksicht nehmen können“, mahnte der scheidende IfW-Chef. Der aus Steyr in Oberösterreich stammende Wirtschaftswissenschaftler übernimmt zum 1. Oktober die Leitung des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung in Wien.

Herr Prof. Felbermayr, im August lag die Teuerungsrate in der Euro-Zone bei drei Prozent, in Deutschland sogar bei 3,9 Prozent. Die Bundesbank hält bis zum Jahresende auch eine Inflationsrate zwischen vier bis fünf Prozent für möglich. Teilen Sie diese Einschätzung?

Ja, wir rechnen in den kommenden Monaten mit Inflationsraten in dieser Größenordnung. Dabei kommen aber einige Sondereffekte zu tragen, die vorübergehend sind. Wir rechnen mittelfristig nicht mit einer Inflation in dieser Höhe. 

Wann könnte sich die Lage denn endlich wieder entspannen?

Wir gehen nicht davon aus, dass sich die Inflationsraten in der derzeitigen Höhe im nächsten Jahr fortsetzen. Wir glauben aber auch, dass wir uns aufgrund einiger struktureller Faktoren in den nächsten Jahren auf eine etwas höhere Inflation einstellen müssen, als wir sie in den vergangenen Jahren gewohnt waren. Die Verteuerung von Produkten aus Asien trägt dazu bei, aber auch der Mangel an Arbeitskräften und höhere Tarifabschlüsse. Wir werden voraussichtlich eine Inflationsrate von um die zwei Prozent haben, manchmal auch darüber. Eine Hyper-Inflation erwarte ich aber nicht. Es gibt keinen Grund für Panikmache.

Nun fluten die Notenbanken die Märkte mit billigem Geld, viele Länder haben zudem gigantische Corona-Hilfspakete aufgelegt, es gibt massive Lieferengpässe in vielen Bereichen und die Konjunktur läuft auf Hochtouren. Das Umfeld ist also ziemlich angespannt, oder?

Ja, deshalb sehen wir auch keine Rückkehr zu den Inflationsraten von vor der Corona-Krise, die ja Richtung null und zum Teil ins Negative tendierten. Es wird höhere Werte geben, aber kein Durchschießen nach oben, wie es einige Untergangspropheten immer wieder vorhersagen.

IfW-Präsident Felbermayr sieht Gefahr von „deutlichem Kosten- und Preisschub“

Angesichts der besseren Konjunkturaussichten wachsen nun aber auch bei den Beschäftigten die Begehrlichkeiten. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi peilt für die 1,1 Millionen Beschäftigten der Länder ein Plus von fünf Prozent an, mindestens aber 150 Euro. Auch die IG Metall will im Herbst einen ordentlichen Nachschlag. Wie gefährlich ist das?

Die Position der Arbeitnehmer wird tendenziell stärker, weil es einen zunehmenden Mangel an geeigneten Arbeitskräften gibt. Deshalb ist es plausibel, dass wir künftig höhere Lohnabschlüsse sehen werden. Damit steigen die Produktionskosten für Unternehmen, was sich letztlich in höheren Preisen niederschlagen wird. Wenn dazu noch die von einigen Parteien versprochene Anhebung des Mindestlohns kommt, die auch weitere Anhebungen in unteren Lohngruppen nach sich ziehen wird, dann kann das schon einen deutlichen Kosten- und Preisschub bedeuten.  

Einige Beobachter zeichnen vor diesem Hintergrund inzwischen sogar das Gespenst einer Lohn-Preisspirale, bei der hohe Preise zu höheren Löhnen führen, die steigende Nachfrage der Haushalte auslösen, was zu weiter steigenden Preisen führt. Ist das nicht ein bisschen übertrieben?

Man muss das zumindest im Blick behalten. Aber noch sind dafür keine Anzeichen erkennbar. Wie schon gesagt, zur Panik besteht kein Anlass. Auch die Europäische Zentralbank ist durchaus mächtig, dem Inflationstrend entgegen zu wirken.

Neben kurzfristigen Risiken wachsen ja auch die strukturellen Inflationsgefahren. Im Kampf gegen den Klimawandel setzen viele Länder auf eine – auch von vielen Ökonomen befürwortete - CO2-Steuer. Gleichzeitig gehen die Babyboomer in Rente. Dazu dürfte auch das sinkende Angebot an Arbeitskräften mittelfristig die Inflation treiben, warnt die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Wie sehen Sie ein solches Szenario?

Das sind genau einige der Faktoren, die für ein längerfristig etwas höheres Inflationsniveau sprechen. Wenn sich einige Verwerfungen durch die Corona-Krise zurückbilden, werden aber auch preisdämpfende Faktoren wie der internationale Wettbewerb wieder in eine andere Richtung wirken.

IfW-Präsident Felbermayr: Euro-Länder sollten sich wetterfest machen

Im Kampf gegen die Teuerung setzen viele Beobachter vor allem auf die Notenbanken. Aber hat die EZB wirklich diesen Spielraum angesichts der inzwischen horrenden Verschuldung in wichtigen Ländern wie beispielsweise Italien?

Die EZB wird sehr vorsichtig agieren müssen, das ist klar. Aber es ist nicht so, dass sie völlig machtlos ist. Die finanzpolitisch Verantwortlichen in allen Euro-Ländern sollten sich jedenfalls darauf einstellen, dass die Zinsen über längere Sicht auch wieder steigen werden. Es gibt Zeitfenster von einigen Jahren, um sich darauf vorzubereiten. Die müssen aber auch genutzt werden.

Die Notenbanker in Frankfurt machen im Zweifelsfall also Ernst?

Ja, das ist ja ihre Aufgabe. Sie haben sich gerade etwas mehr Spielraum gegeben, indem sie das Inflationsziel auf „um die zwei Prozent“ festgelegt haben – bislang war es leicht darunter. Aber die Aufgabe der Notenbank ist die Preisstabilität, und sie ist von politischen Vorgaben unabhängig. Sie wird nicht unendlich auf die Finanzen einzelner Länder Rücksicht nehmen können. Die Finanzpolitik sollte sich jetzt wetterfest machen, wie man hier an der See vielleicht sagen würde. 

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