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Galoppierende Energiepreise setzen Unternehmen zu – Stahlverband: „Rückgrat der deutschen Industrie stirbt“

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Stahlkocher am Hochhofen: Die steigenden Energiepreise setzen der Branche immer stärker zu.
Stahlkocher am Hochhofen: Die steigenden Energiepreise setzen der Branche immer stärker zu. © Julian Stratenschulte/dpa

Die schnell steigenden Energiepreise versetzen nun auch die Betriebe in Alarmstimmung. Wenn sich die Lage nicht bessere, müssten viele energie-intensive Unternehmen Deutschland verlassen.

Wiesbaden - Der schnelle Anstieg der Energiepreise schlägt voll auf die deutsche Industrie durch. Im September haben die Hersteller ihre Preise nach neuen Zahlen des Statistischen Bundesamts so stark erhöht wie seit fast 50 Jahren nicht mehr. Im Jahresvergleich stiegen die Erzeugerpreise um 14,2 Prozent, so schnell wie seit Oktober 1974 nicht mehr.

Hauptursache der Entwicklung sind die Preissprünge bei Energie. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) geht davon aus, dass die derzeit stark erhöhte Inflation nicht von Dauer sein wird, allein die Sorge vor Preissteigerungen aber die Teuerung weiter anheizen könnte.

Energiepreise: Gas mit großem Preissprung

Besonders stark verteuert hat sich laut Statistischem Bundesamt im September Gas, dessen Durchschnittspreis um knapp 59 Prozent in die Höhe schoss. Abgesehen davon steigen aber auch die Preise vieler Materialien und Vorprodukte, die die Industrie verarbeitet. So waren Metalle im Schnitt 35,5 Prozent teurer als ein Jahr zuvor. Der Wirtschaftsverband Stahl- und Metallverarbeitung warnte bereits vor einem drohenden Firmensterben großen Stils.

Energiepreise: Ökonomen warnen vor Lohn-Preisspiral

Viele Ökonomen gehen nach wie vor von einem vorübergehenden Phänomen aus, doch halten die Wirtschaftsforscher des DIW einen selbstverstärkenden Effekt für möglich, wenn Angst vor Inflation um sich greift. Die Studien-Autoren Kerstin Bernoth und Gökhan Ider argumentieren, dass der sprunghafte Preisanstieg vor allem auf einmalige Maßnahmen und Ereignisse zurückzuführen sei, darunter die Rücknahme der Mehrwertsteuersenkungen.

„Gefahr droht eher von den Erwartungen“, warnte Bernoth. Gehen Verbraucher und Unternehmen davon aus, dass die Preise weiter steigen, „werden die Menschen Käufe vorziehen und höhere Löhne fordern. Die Unternehmen wiederum werden auf ihre Preise aufschlagen, wenn sie damit rechnen, höhere Löhne und höhere Erzeugerpreise zahlen zu müssen.“ Das könnte nach Einschätzung der Ökonomin eine Lohn-Preis-Spirale in Gang setzen. „Höhere Inflationserwartungen könnten dann zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden und die tatsächliche Inflation ankurbeln.“

Inflation auf höchstem Stand seit 28 Jahren

In Deutschland hatte die Inflationsrate im September*mit 4,1 Prozent erstmals seit knapp 28 Jahren wieder die Vier-Prozent-Marke übersprungen. Im gesamten Euroraum erreichte die Inflationsrate im September mit 3,4 Prozent den höchsten Stand seit 13 Jahren. Die Statistikbehörde Eurostat bestätigte am Mittwoch ihre vorangegangene Erhebung. Höher war die Inflation zuletzt im September 2008.

Die so genannte Kernteuerungsrate ohne Energie und Lebensmittel stieg ebenfalls und erhöhte sich von 1,6 Prozent im August auf 1,9 Prozent. Auch die Europäische Zentralbank betrachtet den Inflationsanstieg als vorübergehend und verweist auf zahlreiche Sondereffekte, die überwiegend auf die Pandemie zurückgehen. Allerdings hatten viele Ökonomen im vergangenen Jahr noch erwartet, dass es nicht zu einem merklichen Anstieg der Inflation kommen werde.

Der scheidende Bundesbank-Präsident Jens Weidmann appellierte im Rahmen seiner Rücktrittserklärung an seine Kollegen in der EZB, „nicht einseitig auf Deflationsrisiken zu schauen, sondern auch perspektivische Inflationsgefahren nicht aus dem Blick zu verlieren“.

Verband malt düsteres Szenario

Der Wirtschaftsverband Stahl- und Metallverarbeitung malte ein düsteres Szenario an die Wand. „Der rasante Anstieg der Preise für Industriestrom und Erdgas bedeutet für viele mittelständische Industriebetriebe der Stahl- und Metallverarbeitung, dass sie nicht mehr in Deutschland produzieren können“, hieß es in einer Stellungnahme des Verbands, der nach eigenen Angaben gut 5000 Betriebe vertritt, überwiegend Familienunternehmen. „Das Rückgrat der deutschen Industrie stirbt.“

Der Verband appellierte an die großen Konzerne, die Lage ihrer mittelständischen Zulieferer „anzuerkennen“. Von der Bundesregierung forderte der Verband, vorübergehend auf staatliche Abgaben wie die EEG-Umlage zu verzichten, die die Energiepreise verteuern. *Merkur.de ist Teil von IPPEN.MEDIA.

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