1. come-on.de
  2. Wirtschaft

Dienstpflicht-Forderung offenbart Missachtung der Qualifikationen in Bundeswehr und sozialem Sektor

Erstellt:

Von: Prof. Dr. Friedrich Heinemann

Kommentare

Prof. Dr. Friedrich Heinemann leitet den Forschungsbereich „Unternehmensbesteuerung und Öffentliche Finanzwirtschaft“ am ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung
Prof. Dr. Friedrich Heinemann leitet den Forschungsbereich „Unternehmensbesteuerung und Öffentliche Finanzwirtschaft“ am ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung © ZEW/N. Bruckmann/M. Litzka

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat sich für die Einführung eines sozialen Pflichtdiensts ausgesprochen. Doch anders als von vielen erhofft, würde ein solcher Schritt keine Kosten sparen, sondern den Fachkräftemangel weiter verschärfen und wäre auch für den Fiskus ein schlechtes Geschäft, warnt Prof. Dr. Friedrich Heinemann im Gastbeitrag.

In Deutschland ist mit dem Vorstoß des Bundespräsidenten die Debatte um ein soziales Pflichtjahr junger Menschen entbrannt. Eine allgemeine Dienstpflicht, so die scheinbar plausible Idee, könnte den Mangel an Arbeitskräften in Bundeswehr, Kindergärten und Altenheimen zu überschaubaren Kosten bekämpfen. Außerdem würden junge Menschen wichtige soziale Kompetenzen erlernen und einen Beitrag für das Allgemeinwohl leisten.

Die Beurteilung dieser Idee hängt zunächst stark von gesellschaftspolitischen Grundüberzeugungen ab. Aus einer Denkrichtung heraus, die autonome Entscheidungen über Bildung, Entfaltung und Berufswahl als Freiheitsrecht betrachtet, muss die Dienstpflicht als paternalistische Verirrung erscheinen. Demgegenüber billigen Verfechter einer stärker kollektiven gesellschaftlichen Ausrichtung dem Staat das Recht zu, an der Bildung und Erziehung junger Menschen mit bestimmten normativen Zielsetzungen mitzuwirken. Hinzu kommen kontroverse Verteilungserwägungen. So würde das soziale Pflichtjahr verteilungspolitisch eine Umverteilung zulasten der jungen Generation bedeuten, deren Arbeitskraft der Staat für ein Jahr in Anspruch nehmen würde.

Stimme der Ökonomen

Klimawandel, Lieferengpässe, Corona-Pandemie: Wohl selten zuvor war das Interesse an Wirtschaft so groß wie jetzt. Das gilt für aktuelle Nachrichten, aber auch für ganz grundsätzliche Fragen: Wie passen die milliarden-schweren Corona-Hilfen und die Schuldenbremse zusammen? Was können wir gegen die Klimakrise tun, ohne unsere Wettbewerbsfähigkeit aufs Spiel zu setzen? Wie sichern wir unsere Rente? Und wie erwirtschaften wir den Wohlstand von morgen?

In unserer neuen Reihe Stimme der Ökonomen* liefern Deutschlands führende Wirtschaftswissenschaftler in Gastbeiträgen ab sofort Einschätzungen, Einblicke und Studien-Ergebnisse zu den wichtigsten Themen der Wirtschaft – tiefgründig, kompetent und meinungsstark.

Darüber hinaus geht es in der Debatte aber auch um Arbeitsmarkt- und Finanzpolitik. Und hier muss man den Befürwortern der Dienstpflicht grobe Fehleinschätzungen vorwerfen. Die Sicht, dass eine Dienstpflicht von Schulabgängern Kosten spart oder geeignet wäre, den zunehmenden Mangel an Arbeitskräften in Armee, Kindergärten und Pflegeheimen zu bekämpfen, überzeugt nicht.

Sozialer Dienstpflicht würde bestehenden Arbeitskräftemangel verschärfen

Vieles spricht für das Gegenteil. Ein soziales Pflichtjahr würde den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften verschärfen. Mit der Einführung einer solchen Dienstpflicht würde ein ganzer Jahrgang von Schulabgängern dem Arbeitsmarkt erst mit einem Jahr Verspätung zur Verfügung stehen. Junge Männer und Frauen würden erst später ihre Ausbildungen oder Studiengänge beginnen. In einer Zeit, in der die Jahrgangsstärken ohnehin abnehmen und Unternehmen ein Klagelied über fehlende Bewerber für Ausbildungsplätze singen, wäre das kontraproduktiv.

Wer diese Verknappung als ein einjähriges Übergangsphänomen betrachtet, liegt falsch. Die Dienstpflicht würde die Erwerbsbiographien aller zukünftigen Nachwuchsjahrgänge beeinträchtigen. Mit einer Verzögerung von einem Jahr würde die Ausbildung abgeschlossen. Über die gesamte Erwerbsbiographie hinweg ginge letztlich ein Jahr an qualifiziertem Arbeitseinsatz im selbst gewählten Beruf verloren.

Forderung nach Dienstpflicht offenbart Missachtung der Qualifikationen in Bundeswehr und sozialem Sektor

Im Gegenzug leisten die jungen Menschen im aufgezwungenen Pflichtjahr notgedrungen lediglich die Arbeit von ungelernten Arbeitskräften. In einem Zeitraum von maximal einem Jahr ist nicht mehr als ein Schnellkurs möglich, um überhaupt noch Zeit für den eigentlichen Arbeitseinsatz zu haben. Das reicht weder in der Bundeswehr mit ihren heutzutage anspruchsvollen Aufgaben noch im sozialen Sektor für eine Arbeit, die über Handlangerdienste hinausgeht. Dieser umfassende Tausch von qualifizierter gegen ungelernte Arbeit würde Wertschöpfung vernichten und das deutsche Wachstumspotenzial weiter verringern, das ohnehin demographiebedingt schrumpfen wird.  

Im Grunde offenbart die Forderung nach einem Pflichtdienst auch eine Missachtung der Qualifikationen in den betreffenden Sektoren. Hier schwingt die Fehleinschätzung mit, dass man Menschen zu Soldaten macht, indem man ihnen ein Gewehr in die Hand drückt und Befehle erteilt; oder dass jeder nach einer kurzen Einweisung als Pflegekraft oder Erzieher arbeiten könnte. All das entspricht in keiner Weise mehr den beruflichen Realitäten mit ihren vielfältigen fachlichen Anforderungen. Die Bundeswehr bekäme nicht die notwendigen hoch qualifizierten Soldaten und Soldatinnen, sondern in Schnellkursen ausgebildete Hilfstruppen. Und im sozialen Sektor oder in Schulen und Kindergärten könnten die Dienstverpflichteten allenfalls als Assistenten der qualifizierten Kräfte mitlaufen.

Dienstpflicht kann ungewollte Folgen haben

Es ist stark zu bezweifeln, dass all dies der Leistungsfähigkeit der Einrichtungen helfen würde. Der Einsatz der scheinbar billigen und aufgrund des Zwangscharakters nicht besonders motivierten Arbeitskräfte könnte sogar Schaden anrichten. Der Gesundheitssektor etwa hinkt in seiner Digitalisierung immer noch dem Rest der Wirtschaft weit hinterher. Wenn wieder kostengünstige Laufburschen zum Aktenschleppen zur Verfügung stehen, ist das alles andere als ein Innovationsanreiz.

Für die Bundeswehr kommt hinzu, dass mit einem hohen Anteil an Wehrpflichtigen letztlich die Glaubwürdigkeit der Abschreckung sinkt. Sogar im heutigen Russland der Putin-Diktatur tut sich die Armee schwer mit dem Einsatz von Wehrpflichtigen im Krieg. Umso schwerer würde es für eine Demokratie, Bundeswehr-Brigaden mit Wehrpflichtigen im Nato-Beistandsfall auf riskante Missionen oder gar in den Kampf zu schicken.

Kostengünstige Dienstverpflichtungen sind eine Mär

Es kommt hinzu, dass der Pflichtdienst für den Fiskus viel teurer ist, als das die Mär von den kostengünstigen Dienstverpflichteten suggeriert. Die Befürworter übersehen immer wieder die immensen Opportunitätskosten. Der verspätete Zugang junger Menschen in ihren Ausbildungsberuf kostet ein Jahr qualifizierter Arbeit im Einsatzgebiet der eigenen Wahl und Ausbildung bis zum Renteneintritt. Der Fiskus tauscht in der Gesamtbetrachtung damit die jährliche Steuer- und Beitragszahlungen eines qualifizierten Erwerbstätigen mit den (nicht vorhandenen) Abgaben eines ungelernten und schlecht bezahlten Hilfsarbeiters. Die Dienstpflicht wäre damit auch fiskalisch ein immens kostspieliges Minusgeschäft.

Zum Autor: Prof. Dr. Friedrich Heinemann leitet den Forschungsbereich „Unternehmensbesteuerung und Öffentliche Finanzwirtschaft“ am ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung und lehrt Volkswirtschaftslehre an der Universität Heidelberg.

Auch interessant

Kommentare