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Chinas Null-Covid-Politik: Wenig Rücksicht auf die Wirtschaft – Europas Firmen erwägen Abkehr

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Von: Christiane Kühl

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Ein Containerschiff wartet an einer Kaianlage in Shanghai
Auslaufen verboten: In Shanghai stecken hunderte Containerschiffe wegen des Lockdowns im Hafen fest. Die Null-Covid-Politik lastet auf Chinas Wirtschaft © Chen Jianli/picture alliance/dpa

Die Fallzahlen im abgeriegelten Shanghai sinken; ebenso die Zahl der Städte im Lockdown. Doch die Zukunft ist ungewiss. In China aktive Unternehmen arrangieren sich notgedrungen mit der Lage.

Peking/München – Resignation macht sich breit unter internationalen Firmen in China. Eine Abkehr von der Null-Covid-Politik ist kurzfristig ebenso wenig in Sicht wie ein Ausweg aus dem Kreislauf immer wiederkehrender Ausbrüche. Statt einer großen Impfkampagne plant die Regierung, alle Städte mit einem dichten Netz von „PCR-Testkiosken“ zu überziehen. Ohne aktuellen negativen Test wird ein normales Leben bis auf Weiteres kaum möglich sein. Die Zukunft ist ungewiss. Internationale Firmen im Land müssen sich mit der Lage notgedrungen arrangieren. Doch für neue Projekte und globale Talente wird China immer weniger attraktiv.

Euphorie will sich unter den europäischen Firmen im Land nicht einstellen. Das für einige Wochen abgeriegelte Shenyang sei nun beinahe wieder offen, erzählt Harald Kumpfert, EU-Kammervorsitzender für Nordostchina. „Aber dafür gibt es jetzt Tests mindestens alle 48 Stunden. Und viele Städte akzeptieren nicht die Testergebnisse aus anderen Städten.“ Geschäftsreisen seien daher nicht ohne Risiko, so Kumpfert. „Wer mit dem Zug oder dem Auto durch eine Stadt mit einem Covid-Fall kommt, kann danach in Quarantäne genommen werden.“ Und das bedeute in Shenyang noch immer 28+28 Tage: Erst volle Quarantäne und anschließend vier weitere Wochen zu Hause.

Null-Covid-Politik in China: Vier Tests innerhalb von 24 Stunden

Ähnliche Geschichten gibt es aus ganz China. „Man braucht vier Covid-Tests binnen 24 Stunden für einen Kurztrip zwischen Chengdu und Chongqing, da es in beiden Städte Hochrisiko-Gegenden gibt“, berichtet Massimo Bagnasco von der EU-Kammer für den Südwesten des Landes. Die beiden Metropolen liegen nur zwei Stunden mit dem Hochgeschwindigkeitszug voneinander entfernt. In der Provinz Jiangsu bei Shanghai wiederum müssen Lastwagenfahrer nach Angaben der lokalen EU-Kammer in manchen Städten nach der „Einreise“ drei Tage in Quarantäne. Das Yangtse-Delta in Jiangsu ist eine Hochburg der Produktion deutscher Unternehmen. Dort sind Transport und Logistik seit dem Beginn des Lockdowns in Shanghai vor mehr als sechs Wochen auf ein Fünftel zusammengeschrumpft.

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Durch die Schiffsstaus vor Chinas Küste wird auch die Lieferung von Waren nach Europa ausgebremst: Die letzten Schiffe, die vor dem Lockdown in Shanghai abgefertigt worden waren, müssten in diesen Tagen in Deutschland angekommen sein. Wie leer in Europa die Regale werden, wird sich also demnächst erst erweisen.

China: Null Covid wichtiger als Wirtschaftswachstum

Es hat sich gezeigt, dass selbst der wochenlange Lockdown der Wirtschaftsmetropole Shanghai die Regierung nicht zum Umdenken bringt: Für die Null-Covid-Politik opfert Peking offenbar sogar das Wachstum. Seit April zeigt sich die ganze Wucht dieser Strategie auf die Wirtschaft. Die Industrieproduktion ging gegenüber dem Vorjahresmonat um mehr als drei Prozent zurück, die Einzelhandelsumsätze um elf Prozent, die Autoverkäufe gar um 48 Prozent. Chinas Exportwachstum fiel im April auf den niedrigsten Stand seit zwei Jahren. „Alles weist in die falsche Richtung“, sagt EU-Kammerpräsident Jörg Wuttke. Ökonomen erwarten für Mai noch heftigere Einbrüche.

Ausländische Unternehmen haben zu Beginn der Omikron-Welle noch gekämpft. Immer wieder verlangten sie mehr Planbarkeit und Transparenz bei den Maßnahmen, eine Impfkampagne auch mit internationalen Impfstoffen – und idealerweise ein Ende von Null-Covid. Inzwischen dürfte jedem klar sein, dass nichts davon kurzfristig zu erwarten ist. Das größte Problem ist die Unsicherheit, wie es weitergeht, das klingt aus den Aussagen der EU-Kammervertreter heraus. Neue Projekte schiebt derzeit kaum jemand an, die meisten Firmen warten ab.

Es sei ein Problem, sagt Wuttke, dass die Vorstände der Firmen sich mögliche Standorte für künftige Projekte nicht persönlich ansehen könnten. „Wir wünschen uns, dass unsere Vorstände nach China ebenso unkompliziert einreisen können, wie sie es derzeit in den Ländern Südostasiens tun können.“ Die EU-Kammer warnt schon seit längerer Zeit vor einer Neuorientierung vieler Firmen nach Südostasien. Dort gibt es zwar weniger ausgereifte Lieferketten als in China, und die Kosten seien höher. Doch Null-Covid löscht eben viele Vorteile Chinas aus.

Null-Covid: Firmen und Expats erwägen Abkehr von China

In einer Blitzumfrage der EUCCC gaben 23 Prozent der befragten Unternehmen kürzlich an zu erwägen, aktuelle oder geplante Investitionen aufgrund der Covid-19-Maßnahmen in andere Länder zu verlagern. Eine noch aktuellere Umfrage der American Chamber of Commerce in China zeigte ebenfalls, dass mehr als die Hälfte der befragten US-Firmen ihre Investitionen bereits verschoben oder reduziert hatte.

Laut einer kürzlich veröffentlichten Umfrage der Deutschen Handelskammer in China (AHK) planen zudem 28 Prozent der ausländischen Mitarbeiter der befragten Unternehmen, China wegen Null-Covid zu verlassen. Zigtausende in China für internationale Firmen arbeitende Ausländer und ihre Familien haben China seit Beginn der Pandemie verlassen. Ein weiterer Exodus steht nach Ansicht der EU-Kammer diesen Sommer bevor.

Die Isolation des Landes zerrt an den Nerven. Jüngste Ankündigungen verheißen zudem nichts Gutes: Bis auf Weiteres dürfen Chinesen nicht mehr ohne Grund ins Ausland reisen; Pässe werden nur bei Angabe triftiger Reisegründe ausgestellt. „Das war ein Riesen-Schock für viele unserer Angestellten“, sagt Kammer-Vizepräsidentin Bettina Schön-Behanzin aus Shanghai. Und Jörg Wuttke fügte hinzu: „Es ist schon ironisch, dass wir unser Management lokalisieren, aber dann dieses Management nicht mehr ins Ausland reisen darf.“

China will kein Konjunkturpaket schnüren

Manche Experten warnen China bereits vor einer „Wachstumsrezession“ – einem sehr langsamen Wirtschaftswachstum bei gleichzeitig steigender Arbeitslosigkeit. Die Arbeitslosigkeit stieg im April auf gut sechs Prozent; unter den 16-24-Jährigen lag sie bei über 18 Prozent. Andere glauben, China drohe eine sogenannte Double-Dip-Rezession, ähnlich wie in den USA Anfang der 1980er Jahre – eine Rezession, gefolgt von einer Expansion, gefolgt von einer erneuten Rezession.

Und mit einem groß angelegten Konjunkturprogramm will Peking dieses Mal nicht reagieren. Dazu fehlt schlicht das Geld: Der Staat und die Kommunen sind viel höher verschuldet als in früheren Krisen – nicht zuletzt wegen der früher aufgelegten Konjunkturprogramme. In der im April veröffentlichten Quartalsanalyse versprach das Politbüro Steuersenkungen und andere unterstützende Maßnahmen. Die Kammervertreter berichten von punktueller Unterstützung vor Ort, die durchaus hilfreich sei. Doch solange nach dem Lockdown stets vor dem Lockdown ist, wird unter den Firmen kein Optimismus einkehren. (ck)

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