Allianz-Chefvolkswirt: „Risiken sind in unserem Interesse“

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Michael Heise Chefvolkswirt der Allianz Group

München - Nach zwei Jahren fulminanten Wirtschaftswachstums wird nach Ansicht vieler Ökonomen 2012 die Flaute eingeläutet. Die Unwägbarkeiten sind sehr groß. Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise heißt bestimmte Risiken willkommen.

In Europa konzentrieren sich derzeit viele düstere Prophezeiungen für das kommende Jahr auf das Ende des Euro. Es sei aber „nicht gut, sich von solchen Horrorszenarien leiten zu lassen“, sagt Michael Heise, Chefvolkswirt des Versicherungskonzerns Allianz, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Panikkäufe von Gold oder Immobilien aus Angst vor Inflation hält er ebenfalls für übertrieben und Wachstumsprognosen für die deutsche Wirtschaft von einem halben Prozent für womöglich allzu skeptisch. „Es könnte durchaus sein, dass wir eine weitaus bessere Entwicklung bekommen, als die meisten jetzt sehen.“

Heise geht davon aus, dass Deutschlands Wirtschaft im nächsten Jahr um ein Prozent wachsen wird. Das ist wenig im Vergleich zu den drei Prozent in diesem Jahr. Allerdings liegt er mit seiner Prognose weit über der des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts mit 0,5 Prozent oder des Münchner ifo-Instituts mit 0,4 Prozent. „Angesichts der Risiken wie der Euro-Krise oder der Konjunkturabschwächung in vielen Ländern ist es gerechtfertigt, vorsichtige Prognosen zu machen“, sagt der Ökonom. „Auf der anderen Seite wird meines Erachtens nach zu wenig über auch mögliche positive Überraschungen gesprochen.“

So könnte es nach Heises Meinung „durchaus sein, dass wir endlich diese Euro-Schuldenkrise in den Griff kriegen“. Die Entwicklung in Deutschland hänge allerdings auch von den Reformprozessen in Griechenland und Italien ab. Krisenländer wie Griechenland mit Milliarden zu stützen und weitere Bürgschaften für den Fall der Fälle vorzuhalten, hält Heise für den richtigen Weg. „Diese Risiken einzugehen, ist in unserem eigenen Interesse“, betont der Ökonom. Von den Kritikern werde vielfach unterschätzt, welche Konsequenzen Deutschland tragen müsse, wenn der Euro wirklich in Gefahr geriete.

Inflation 2012 "sicher kein Thema"

Dann drohe eine Kapitalflucht aus schwachen Ländern nach Deutschland und eine tiefe Depression, die Deutschlands Wirtschaft massiv treffen würde. Eine Rückkehr zu nationalen Währungen würde nach Heises Überzeugung nicht nur Exporte deutscher Produkte verteuern, sondern auch Produktionskosten an heimischen Standorten. „Die Konsequenz wäre ein massiver Lohnkostendruck, um die Aufwertung zu kompensieren“, warnt er. „Das ist nicht das, was die meisten Menschen erwarten, wenn sie nach der D-Mark rufen.“

2012 ist Inflation nach Meinung des Volkswirts „sicher kein Thema“. Aufgrund der bereits gesunkenen Rohstoffpreise und der wegen der Abschwächung der Weltkonjunktur auch eher schwachen Nachfrageentwicklung werde die Inflation stattdessen „mit Sicherheit deutlich runter gehen“. Langfristig müsse jedoch die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank (EZB) abgesichert werden. „Sonst läuft man Gefahr, dass inflationäre Prozesse einsetzen.“

Heise will den massiven Aufkauf von Staatsanleihen durch die EZB deshalb auch nur als „Begleitschutz für die nächsten Monate“ akzeptieren, bis die beim Euro-Krisengipfel im November beschlossenen Reformen greifen. Auch für die von zahlreichen Staaten geforderten Euro-Bonds, gebe es „im Moment überhaupt keinen Anlass“. Der Rückgriff auf solche gemeinsamen Staatsanleihen europäischer Länder sei nur in unerwarteten Extremszenarien denkbar, wenn ein Auseinanderbrechen des Euro drohe. Wenn die Politiker in Europa zusammenhielten, hätten selbst Spekulanten keine Chance, ist Heise überzeugt. „Die Macht der Märkte ist nicht so weitgehend.“

dpa

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