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Absturz vermieden, doch die Deutsche Wirtschaft strauchelt

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Deutsche Wirtschaft
Baukräne am Abendhimmel über Berlin. Das Bruttoinlandsprodukt ist im ersten Quartal um 0,2 Prozent gewachsen. © Gerald Matzka/dpa-Zentralbild/dpa

Mini-Wachstum - immerhin. Die deutsche Wirtschaft ist mit einem leichten Plus in ein schwieriges Jahr gestartet. Der Ukraine-Krieg dämpft die Erwartungen an die nächsten Monate allerdings deutlich.

Wiesbaden/Frankfurt - Omikron-Welle, Ukraine-Krieg, Preis-Schock - in Zeiten wie diesen ist es eine gute Nachricht, dass die deutsche Wirtschaft zu Jahresbeginn mit 0,2 Prozent zum Vorquartal zumindest leicht gewachsen ist.

Das befürchtete zweite Minusquartal in Folge und damit eine sogenannte technische Rezession blieb aus. Dennoch: Der Jahresauftakt war schwach, der Krieg im Osten Europas und seine Folgen bremsen den erhofften kräftigen konjunkturellen Aufschwung nach der Erholung vom Pandemietief aus. Volkswirte halten die Gefahr einer Rezession nicht für gebannt.

Investitionen retten die Wirtschaft

War die Wirtschaftsleistung im Schlussquartal 2021 noch um 0,3 Prozent gesunken, profitierte das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den ersten drei Monaten des neuen Jahres von der Lockerung der Corona-Beschränkungen und leichten Zuwächsen bei der Industrieproduktion. Vor allem höhere Investitionen sorgten nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes vom Freitag für Wachstum, während der Außenbeitrag das Wirtschaftswachstum bremste. Im Vergleich zum ersten Quartal 2021 lag die Wirtschaftsleistung um 3,7 Prozent höher.

„Das zeigt, was im Sommerhalbjahr ohne Putins Angriffskrieg möglich gewesen wäre“, analysierte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. „Aber der Krieg verunsichert Unternehmen und Konsumenten massiv, treibt die Energiepreise nach oben und spricht zusammen mit der Null-Corona-Politik Chinas lediglich für eine Stagnation der deutschen Wirtschaft im zweiten Quartal.“

Energiepreise und Lieferengpässe

Die wirtschaftlichen Folgen des Ukraine-Krieges potenzieren die Probleme, die Europas größte Volkswirtschaft schon zuvor belasteten: allen voran kräftig steigende Energiepreise sowie Lieferengpässe bei wichtigen Rohstoffen und Vorprodukten.

Im März lagen die Preise für nach Deutschland importierte Waren nach Berechnungen der Wiesbadener Statistiker um 31,2 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats. Es war der stärkste Anstieg seit September 1974. Aus dem Ausland eingekaufte Energie verteuerte sich binnen Jahresfrist um 160,5 Prozent. Erdgas (plus 304,3 Prozent), Steinkohle (plus 307 Prozent), Strom (plus 440,8 Prozent) - im Vergleich zum März 2021 explodierten die Preise für viele Importwaren geradezu.

Gaslieferstopp befürchtet

Über allem schwebt die Sorge, dass Russland als wichtiger Rohstofflieferant möglicherweise auch Deutschland den Gashahn zudreht. „Eine Rezession in diesem Jahr ist weiterhin möglich“, sagt Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der Union Investment. „Beispielsweise hat ein abrupter Gaslieferstopp das Potenzial, uns in eine Phase der wirtschaftlichen Schrumpfung zu führen.“

Ein weiteres Problem: Die mit zuletzt 7,4 Prozent im April rekordverdächtig hohe Inflation. Viele Verbraucherinnen und Verbraucher schränken ihren Konsum - teils notgedrungen - bereits ein. Die Verbraucherstimmung ist nach jüngsten Erhebungen der Konsumforscher der Nürnberger GfK auf den tiefsten Stand seit Beginn der Erhebungen im Jahr 1991 abgesackt. Die Chefvolkswirtin der staatlichen Förderbank KfW, Fritzi Köhler-Geib, prognostiziert: „Durch die extrem hohen Energie- und Lebensmittelpreise wird vom einst erwarteten postpandemischen Konsumboom (...) nur wenig übrig bleiben.“

Guter April macht Hoffnung

Immerhin: Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich im April überraschend aufgehellt. Das Ifo-Geschäftsklima stieg gegenüber März um einen Punkt auf 91,8 Zähler. „Nach dem ersten Schock über den russischen Angriff zeigt die deutsche Wirtschaft sich widerstandsfähig“, kommentierte Ifo-Präsident Clemens Fuest Anfang der Woche. Die Stimmung habe sich auf niedrigem Niveau stabilisiert.

In diesem Umfeld sei es wichtig, „jetzt hierzulande Impulse für mehr Stabilität, Investitionen und Wachstum zu setzten“, mahnte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Martin Wansleben, am Freitag. „Dazu brauchen wir Sicherheit bei der Energieversorgung und eine Beschleunigung bei Planung und Genehmigung von Investitionsprojekten.“

Der Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), Dirk Jandura, sprach von kräftigen Bremsspuren für die Konjunktur infolge des Ukraine-Krieges. Jandura äußerte dennoch Zuversicht: „Mit entschlossenem Handeln und gezielten politischen Maßnahmen zur Abfederung der Folgen des Ukraine-Krieges werden unsere Unternehmerinnen und Unternehmer die enormen Herausforderungen meistern können.“

Prognosen werden laufend angepasst

Noch sind Volkswirte zuversichtlich, dass die deutsche Wirtschaft trotz des angespannten globalen Umfelds im Gesamtjahr 2022 wachsen wird. Allerdings wurden die Erwartungen zuletzt reihenweise nach unten geschraubt. „Die deutsche Wirtschaft steuert durch schwieriges Fahrwasser und durchläuft die höchsten Inflationsraten seit Jahrzehnten“, stellten beispielsweise führende Wirtschaftsforschungsinstitute fest. Sie erwarten für das Gesamtjahr nun 2,7 Prozent Wachstum. Im Herbst war noch ein Plus von 4,8 Prozent vorhergesagt worden. Die Bundesregierung senkte ihre Wachstumserwartungen für 2022 von 3,6 Prozent auf 2,2 Prozent.

Die „Wirtschaftsweisen“ als Beratungsgremium der Bundesregierung sagen für dieses Jahr sogar nur noch 1,8 Prozent Plus voraus. Im vergangenen Jahr hatte die deutsche Wirtschaft nach dem Konjunktureinbruch in der Corona-Krise 2020 wieder Tritt gefasst und war um 2,9 Prozent gewachsen.

Der größte Unsicherheitsfaktor aktuell ist der Ukraine-Krieg und das Verhältnis zu Moskau: Bei einem Lieferstopp von Energie aus Russland droht der deutschen Wirtschaft nicht nur nach Einschätzung des Sachverständigenrates der Absturz in eine Rezession. dpa

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