„Auf alles, was sich bewegte, wurde geschossen“

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Reiner Rutenbeck erinnert sich noch gut an den Angriff auf die Schnurre.

Schalksmühle – An das genaue Datum des Angriffs kann sich Reiner Rutenbeck, der vor geraumer Zeit Erinnerungen an das Ende des Zweiten Weltkriegs zum Offenen Gesprächskreis der Evangelischen Kirchengemeinde Schalksmühle-Dahlerbrück beisteuerte, nicht mehr erinnern.

Er war noch ein Kind, als Jagdbomber die „Schnurre“ im Hälvertal unter Beschuss nahmen. „In den letzten Kriegswochen flogen Jagdbomber der Typen Lightning P 38 und Thunderbolt ständig Tieffliegerangriffe auf das noch nicht besetzte Reichsgebiet“, erzählt er. „Dabei wurde auf alles, was sich bewegte, geschossen – egal ob militärische oder zivile Ziele.“ Im März oder April 1945, genau weiß er es nicht, geriet dabei auch die Kreis Altenaer Eisenbahn (KAE), im Volksmund liebevoll „Schnurre“ genannt, ins Visier der Bomber. Ein Bericht der Lüdenscheider Nachrichten über den verheerenden Luftangriff auf die KAE in Altroggenrahmede, bei dem am 28. März 1945 mehr als 70 Menschen ums Leben kamen und über 100 Verletzte zu beklagen waren, rief bei ihm Erinnerungen an einen ähnlichen Vorfall auf Schalksmühler Gebiet wach

Glücklicherweise fielen diesem Angriff nicht so viele Menschen zum Opfer wie bei dem Angriff in Altena, an dem amerikanische Jagdbomber das Feuer auf die Kleinbahn eröffneten – Opfer gab es dennoch zu beklagen. Auf drei Strecken – von Altena nach Lüdenscheid, von Werdohl nach Lüdenscheid und von Schalksmühle nach Halver – war die KAE, die seit 1887 in Betrieb war, in dieser Zeit unterwegs. Die Hälvertalbahn, auf der sich das von Reiner Rutenbeck geschilderte Unglück ereignete, war – abgesehen von der kurzen privaten Anschlussstelle der Firma Plate zwischen Augustenthal und Brüninghausen – die kürzeste der drei Strecken, auf denen die Schmalspurbahn die Region erschloss. Als erste der KAE-Bahnen stellte sie 1949 den Personen-, 1952 den Güterbetrieb ein.

Unterhalb von Ackermanns Hammer, wie sich Reiner Rutenbeck erinnert, griff der mit vier Maschinengewehren und einer Kanone bewaffnete Jagdbomber, eine doppelrumpfige Lightning, in den letzten Kriegstagen die aus Halver kommende Schnurre an. „Der Schaffner Schulte wurde schwer verletzt, eine Schalksmühlerin tödlich getroffen. Am nächsten Tag haben wir in der Wiese die Patronenhülsen gesucht.“ Aus einer dieser Hülsen fertigte sich der damals Zwölfjährige ein Feuerzeug an. Dazu stellte er im elterlichen Betrieb ein entsprechendes Feuerzeugrädchen her, das er auf die mit Watte und Benzin gefüllte Patrone aufsteckte. „Das funktionierte.“

Wie Reiner Rutenbeck weiß, war die inzwischen verstorbene Elisabeth Werthmann Augenzeugin des Angriffs. „Zusammen mit zwei anderen Frauen und meinem kleinen Sohn im Kinderwagen gingen wir die Hälverstraße hoch, als wir plötzlich das Brummen eines Flugzeugs hörten“, erzählte sie ihm bei Gelegenheit. „Wir haben uns blitzschnell in den Tannen verkrochen, so passierte uns nichts, als die Schnurre beschossen wurde“, zitiert er sie.

Glimpflich kamen die Schalksmühler zudem bei einem Angriff mit Bomben und Phosphorkanistern auf den Bahnhof davon. Ziel waren vermutlich Lokomotiven, die auf einem Abstellgleis des Bahnhofs standen. Wie sich Reiner Rutenbeck erinnert, fiel ein Kanister mit Phosphor vor dem Haus Hollweg auf den Bürgersteig.

Zum Glück war die Werksfeuerwehr der Firma Jäger damals schnell zur Stelle, um den brennenden Phosphor mit Sand zu löschen. Unmittelbar vor dem Haus seiner späteren Schwiegereltern ereignete sich der Vorfall. „Bäume vor dem Haus und die Haustür waren schwarz“, erinnert sich Reiner Rutenbeck an die Gefahren am Ende des Krieges.

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