Wenig Hoffnung für Afghanistan - ein Journalist erzählt

Ahmad Mustafa Ariz kam Ende 2014 aus Afghanistan nach Deutschland und lebt jetzt in Schalksmühle.	Foto: görlitzer
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Ahmad Mustafa Ariz kam Ende 2014 aus Afghanistan nach Deutschland und lebt jetzt in Schalksmühle. Foto: görlitzer

„Ich sehe keine leuchtende Zukunft.“ Ahmad Mustafa Ariz stammt aus Afghanistan und lebt als anerkannter Flüchtling in Schalksmühle. Der 36-Jährige arbeitete vor seiner Flucht im Dezember 2014 als Journalist in seinem Heimatland und war bereit, uns zu erzählen, wie er die Situation in dem seit mehr als vier Jahrzehnten von Krieg und Machtkämpfen gebeutelten Land einschätzt.

Schalksmühle –„Es ist furchtbar, was man in den Videos sieht“, sagt er. Dass die Taliban so schnell die Macht an sich reißen und das Land überrennen, hätte er nicht gedacht, auch wenn der Vormarsch insgesamt zu erwarten gewesen ist. Aber er sieht auch die westlichen Mächte in der Verantwortung, allen voran die USA. Es sei gesagt worden, „wir lassen Afghanistan nicht im Stich“. Aber genau das trete jetzt ein.

Ariz geht davon aus, dass alle Versprechungen der Taliban, sie hätten sich geändert und wollten ein demokratisches Land aufbauen, nicht richtig sind. „Die warten, bis die westlichen Mächte weg sind“, dann würden sie ihr wahres Gesicht zeigen. Das sei der Grund, warum die Menschen aus Afghanistan weg wollten, insbesondere aus Kabul. „Die Intelligenz flieht.“ Aber noch hätten Menschen Mut, sich gegen die Taliban zu stellen. Frauen, die ihre demokratischen Rechte einfordern, Menschen, die die afghanische Flagge anstelle der der Taliban zeigen: „Das gibt es aber nur in der Hauptstadt, weil dort die Welt hinschaut“, sagt Ariz. Ein wenig Hoffnung setzt er auf Vizepräsident Amrullah Saleh, der den Kampf gegen die von Pakistan unterstützten Taliban fortsetzen will, und auf die Verhandlungen, die der frühere Präsident Hamid Karsai führt. Dieser habe bereits während seiner Amtszeit einen Weg eingeschlagen, die verschiedenen Kräfte im Land in Einklang zu bringen.

Falsche Versprechen der Taliban

Aber Ahmad Mustafa Ariz weiß auch, dass sich jetzt viele Menschen in Afghanistan kaum noch vor die Tür trauen. Vor allem für die Frauen werde sich vieles ändern, auch wenn die Taliban jetzt noch behaupten, sie würden beispielsweise keine Schulen für Mädchen schließen. Da viele Menschen jetzt nicht mehr arbeiten, weil etliche Firmen und Büros geschlossen haben, geht Ariz davon aus, dass sich auch die Versorgungslage verschlechtern wird. Noch sei vieles zu bekommen, aber wer nicht arbeitet, verdient auch kein Geld für den Lebensunterhalt.

Ob und wie es eine Lösung für dieses Land geben kann, weiß Ariz nicht. Ganze Generationen kennen inzwischen nichts anderes mehr als Krieg. Dabei spielen in diesem von Großmächten umgebenen Land viele weltpolitische Interessen eine Rolle. Die Lage in Zentralasien zwischen Pakistan und dem Iran – zum Teil immer noch ein Erbe der einstigen Kolonialgroßmacht Großbritannien, wie Ariz betont – sowie Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan im Norden, bildet eine Gemengelage, in der auch Russland und China Einfluss geltend machen wollen. Das macht Afghanistan zu einem Spielball von Großmächten.

Sein Vater lebt noch in Kabul

Unmittelbare, wenn auch nicht offene Bedrohung komme aus Pakistan, dem traditionellen Feind Afghanistans. Von dort werden die Taliban unterstützt. Sie rekrutierten sich vielfach aus sogenannten Madrasas, traditionellen islamischen Bildungseinrichtungen, in dem Nachbarland. „Die Taliban kommen nicht aus Afghanistan.“ Die USA wiederum pflegten ihre Verbindungen zu Pakistan und unterbinden deshalb nicht das Engagement des Landes für die Taliban. Alles das führt dazu, dass Ahmad Mustafa Ariz sich eben keine „leuchtende Zukunft“ für Afghanistan vorstellen kann, wie er es nennt.

Aber er blickt auch aus ganz persönlichen Gründen jeden Tag mit großer Sorge auf die Nachrichten aus Afghanistan. Denn sein Vater lebt noch in Kabul. Er stand kurz davor, zu seiner Familie nach Deutschland zu kommen, als die Taliban kamen. „Wir hatten gerade alle Papiere zusammen und warteten auf das Visum“, erzählt Ahmad Ariz. Jetzt weiß er nicht, ob sein Vater es noch schafft, das Land zu verlassen. Seine Mutter und seine Schwester kamen rund ein Jahr nach ihm nach Deutschland, sind jetzt in Siegen zuhause und haben ebenfalls den Status anerkannter Flüchtlinge. Der Vater, durch Erkrankungen geschwächt, blieb zunächst in Kabul. Jetzt sollte er nachkommen, aber die Nachrichten aus Afghanistan schüren bei der Familie die Angst, dass er es nicht schaffen könnte.

Ariz selbst hat in Deutschland Fuß gefasst, die Sprache gelernt, Arbeit gefunden. Allerdings bisher nicht in seinem Beruf als Journalist, den er gerne wieder ausüben würde.

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