Die Gefahr ist noch nicht vorbei

Was ist es uns wert? Arzt aus MK kämpft für mehr Corona-Schutz für Kinder

Dr. Walter Lehne ist Facharzt für Innere Medizin und Vater.
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Dr. Walter Lehne ist Facharzt für Innere Medizin und Vater.

Dr. Walter Lehne ist Arzt und Vater von drei Kindern im Grundschulalter. Er hat eine klare Forderung: Es ist Zeit, den Kindern und Eltern, die auf so vieles in der Corona-Pandemie verzichtet haben, etwas zurückzugeben. Vor allem Schutz.

Schalksmühle – Dr. Walter Lehne ist einer der Elternvertreter der Grundschule Spormecke, die sich für den Einsatz von Luftfilteranlagen in den Schalksmühler Schulen einsetzen. Im Ausschuss am 8. September konnten sie einen Teilerfolg verbuchen. Die Politik sprach sich gegen den Beschlussvorschlag der Verwaltung aus, nach dem kein Handlungsdruck bestehe (wir berichteten). Am heutigen Montag steht das Thema erneut auf der Tagesordnung im Hauptausschuss (17.15 Uhr, Ratssaal). Jan Schmitz sprach mit dem Vater von drei Kindern im Grundschulalter, der als Facharzt für Innere Medizin am Nierenzentrum Lüdenscheid seit Beginn der Pandemie täglich sich und seine Patienten vor einer Ansteckung schützen musste und muss.

Wie haben Sie die vergangenen Monate als Vater erlebt und welche Auswirkungen hatte der Lockdown auf ihre Kinder?

Es war sehr anstrengend, hart und frustrierend. Die Kinder haben nicht ohne Weiteres akzeptiert, dass Mama und Papa auf einmal auch die Lehrer sind, es gab viel Streit. Nebenbei mussten wir Eltern auch weiterarbeiten, was nicht einfach war. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, hat man schon vieles wieder verdrängt. Es war keine schöne Zeit.

Haben die getroffenen Maßnahmen wie Homeschooling gewirkt?

Am Anfang der Pandemie war niemand vorbereitet. Es fehlten die digitalen Voraussetzungen, um einen Distanzunterricht zu ermöglichen. Im ersten Lockdown wurden Arbeitsblätter von der Schule herausgegeben, es gab zu wenig Kontakt zu den Lehrern. Mit der Zeit wurde es auch seitens der Schulbetreuung im Distanzunterricht besser. Eine Lernplattform wurde installiert und Videounterricht zumindest stundenweise durchgeführt. Am Ende mussten aber einige Kinder die Klasse wiederholen, andere entschieden sich freiwillig dafür. Neben der bereits erwähnten persönlichen Belastungen wird ausgeblendet, dass die Kosten, die der Schulausfall verursacht hat, für uns alle in die Milliarden geht.

Welche Lehren haben Sie für sich als Vater aus den vergangenen Monaten gezogen – und welche als Arzt?

Als Vater dass Präsenzunterricht enorm wichtig ist. Ich mache mir Vorwürfe, nicht noch mehr für die Schulen und meine Kinder getan zu haben. Als Vater und Arzt habe ich gesehen, dass der persönliche Einsatz sich lohnt, um Sachen zu verändern, auch wenn dies manchmal enorm schwierig ist und man nicht immer erfolgreich ist. Die gute interne Teamarbeit in der Praxis und auch mit dem Impfzentrum und deren Auswirkungen auf politische Entscheidungen waren kleine Erfolgsgeschichten.

Sie setzen sich für den Einbau von Raumluftfilteranlagen in den Schalksmühler Schulen ein. Warum?

Weil wir nach mehr als anderthalb Jahren Pandemie endlich wirklich alles für einen möglichst sicheren Schulunterricht machen sollten. Ich kann es nicht mehr hören, wenn Politiker sagen, die Schulen seien sicher, oder die Kinder seien für sie das Wichtigste. Wenn es so ist, muss man auch danach handeln. Wir wollen alle, dass möglichst wenig Kinder in Quarantäne gehen. Ob dies durch die beschlossenen Regelungen gelingt, bezweifle ich, weil die Erkrankung hauptsächlich durch Aerosole übertragen wird. Die Spezies Mensch ist so erfolgreich gewesen, weil man in der Gemeinschaft stärker ist und man sich gegenseitig hilft. Die Schulschließungen haben zwar geholfen, die Ausbreitung der Pandemie zu bremsen, aber den Preis dafür haben die Kinder und deren Eltern bezahlt. Jetzt können die Kinder und deren Eltern zurecht verlangen, dass sie beschützt werden.

Warum sind Luftfilteranlagen besser als Fenster öffnen oder andere Maßnahmen wie Maskentragen?

Weil sie einfach das Risiko für Infektionen weiter reduzieren. Sie sorgen sowohl mobil wie auch fest installiert für eine kontinuierliche Luftreinigung. Beim Stoßlüften erreiche ich zwischenzeitlich zu hohe Viruskonzentrationen in der Luft. Allerdings sind aktuell Masken die sicherste Maßnahme. Die Empfehlungen des Umweltbundesamtes zum Lüften gehen von optimalen Bedingungen aus, zum Beispiel dass die Raumluft innerhalb einer bestimmten Zeit dreimal komplett erneuert wird. Das dies unter Alltagsbedingungen aus verschiedenen Gründen nicht funktioniert, haben wir bei der Ausschusssitzung am 8. September dargestellt. Die Wirklichkeit ist: Es funktioniert nicht. Durch die Deltavariante haben sich zudem die Spielregeln verändert.

Sie haben eine Abänderung der Beschlussfassung im Ausschuss erreicht. Ein Erfolg? Hat Sie das überrascht?

Ja. Wir denken, dass bestimmte Aspekte, die für Luftfilter in der Schule sprechen, deutlicher geworden sind. Trotzdem waren wir überrascht. Wir müssen zwischen den mobilen Luftfilteranlagen und den festeingebauten RLT-Anlagen unterscheiden. Zunächst wurde beschlossen, die Beschaffung von mobilen Luftfilteranlagen zu überprüfen, was meiner Meinung nach auch Sinn macht, weil es leichter und schneller gelingt, diese zu beschaffen. Langfristig wird auch die Umrüstung der Schulklassen mit Raumluftanlagen ebenfalls überprüft. Dies ist aber teurer und würde deutlich länger dauern. Trotzdem: Zum einen kann niemand vorhersagen, wann die Pandemie endet. Zum anderen ist leider Corona gekommen, um zu bleiben. Aber jetzt zu denken, nach Delta kommt nichts mehr, ist trügerisch. Die Delta-Variante hat es in nur sechs Monaten geschafft, hier die dominante Art zu werden, davor war es die Alpha-Variante und nächstes Jahr? Wer weiß es... Kinder unter zwölf Jahren können noch kein Impfangebot erhalten. Dies wird wahrscheinlich erst 2022 der Fall sein.

Von der Grundschule Spormecke waren mehrere Eltern im Ausschuss anwesend, von der Primusschule niemand. Dennoch setzen Sie sich auch dort dafür ein. Warum?

Zuerst denke ich, dass viele Eltern gar nicht wussten, dass sie zu der Sitzung hätten kommen dürfen. Ich bin sicher, einige Eltern von der Primusschule wären auch gerne dabei gewesen. Wir sitzen alle im gleichen Boot. Die Kinder sollten jetzt im Mittelpunkt stehen, unabhängig vom Schulstandortr. In unserem Fall kommt dazu, dass meine Kinder auch Freunde und Nachbarn haben, die auf die Primusschule gehen, also schützen wir uns damit gegenseitig.

Eine erste Kostenschätzung für alle Klassen beläuft sich auf knapp 400 000 Euro. Ist es das wert?

Wenn man das den Folgekosten weiterer Lerndefizite gegenüberstellt, ist das eine gute Investition. Welche Summe ist uns denn wert, um weitere Schäden von unseren Kindern abzuwenden? Mit wie viel Euro sollen wir die Gesundheit der Kinder berechnen? Wenn ein Kind ins Krankenhaus muss, kostet das alleine einige hundert bis tausende Euro pro Tag. Wenn wir durch die Lüftungsanlagen erreichen, dass sich weniger Kinder infizieren und in Quarantäne gehen müssen, haben wir schon gewonnen. Und noch einmal: Nach Lockdowns, Schulausfall, Schuldefiziten, doppelten Belastungen und Schutz der Älteren haben sich die Kinder und deren Eltern einen angemessenen Schutz verdient.

Sind Sie im Hauptausschuss und im Rat auch wieder dabei? Wie ist Ihr Gefühl, wie es weitergeht?

Ja. Die Eltern, die bei der ersten Sitzung dabei waren, sind erneut präsent. Ich hoffe, dass trotz der Investitionskosten die mobilen Luftfilter angeschafft werden und wir Eltern weiter Gehör finden. In den vergangenen zwei Jahren hat die Politik auf Bundes- und Landesebene versprochen, alles zu tun, um den Unterricht in Pandemiezeiten zu gewährleisten. Zweimal wurde dieses Versprechen gebrochen. Ich hoffe es gelingt uns, dies auf lokaler Ebene besser zu machen.

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