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Tätowierer ist sauer: „Ein Eingriff in die Kunst“

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Von: Carolina Ludwig

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Ein Mitarbeiter eines Tattoo-Studios tätowiert eine Kundin am Unterarm.
Ein Mitarbeiter eines Tattoo-Studios tätowiert eine Kundin am Unterarm. © Marijan Murat/dpa

In der Tattoo-Branche herrscht Unmut über eine neue EU-Verordnung. Aufgrund einer Anpassung der Chemikalienverordnung sind in der Europäischen Union viele, besonders bunte Tätowierfarben, verboten – nach coronabedingten Ladenschließungen ein schwerer Schlag für viele Tattoostudios. Der Schalksmühler Tätowierer Frank Schokolowski sieht die Situation für sich persönlich etwas gelassener, Sorgen macht er sich dennoch um Kollegen.

Insgesamt geht es um mehr als 4000 Chemikalien, die unter anderem in Tattoofarben enthalten sind. Die Verwendung wird laut der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA), die diese Stoffe untersucht und bewertet hat, lediglich eingeschränkt. „Mit der Beschränkung werden Höchstkonzentrationsgrenzwerte für einzelne Stoffe oder Stoffgruppen eingeführt, die in Tätowierfarben oder Permanent- Make-up verwendet werden“, heißt es. Für die Tattoofarben kommt das jedoch einem Verbot gleich, da viele Hersteller die sogenannten Reach-konformen Farben erst entwickeln müssen.

„Das ist ein Eingriff in die Kunst des Tätowierens“, findet Frank Schokolowski deutliche Worte. Er selber sei zwar nicht besonders von den neuen Regeln betroffen, in seiner „Farbmühle“ an der Mühlenstraße tätowiere er überwiegend in schwarz-weiß. Bei vielen Kollegen sei das jedoch anders, und vor allem die Kunden, die sich bunte Bilder auf der Haut wünschen, würden in ihrer Freiheit eingeschränkt. „Ich bin Künstler, ich muss nicht tätowieren. Wenn ich das nicht mehr machen kann, dann male ich eben auf Papier“, sagt Schokolowski.

Nachvollziehen kann er die Neufassung der Chemikalienverordnung nicht. Bisher seien die Tattoofarben schließlich nicht als gefährlich eingestuft worden. Tatsächlich wurden die Farben 2009 in einer EU-Verordnung über kosmetische Mittel und in der deutschen Tätowiermittelverordnung von 2008 noch nicht verboten. 2015 beauftragte dann die Europäische Kommission die ECHA, die Gesundheitsrisiken von Chemikalien in Tätowierfarben und Permanent-Make-up zu untersuchen, woraufhin Ende 2020 schließlich die mehr als 4000 Stoffe in die Liste aufgenommen wurden. Dem Verbot am 4. Januar 2022 ging eine zwölfmonatige Übergangsfrist voraus, um den Herstellern laut ECHA „die nötige Zeit zur Anpassung ihrer Arbeitsweise“ zu geben. Für zwei häufig genutzte blaue und grüne Pigmente wurde diese Zeit verdoppelt, da es noch keine sicheren Alternativen für diese Farbtöne gebe.

Ein Tattoofarben-Hersteller rühmt sich aktuell jedoch damit, auch bunte Tätowierungen nach der neuen Reach-Verordnung anbieten zu können: Die Firma Edding eröffnete im Oktober 2020 ihr erstes Tattoostudio in Hamburg, tätowiert wird mit eigenen Farben. Laut Edding-Angaben forschte man etwa fünf Jahre an der Entwicklung der Farbe, verwendet werden soll diese laut Medienberichten nur in eigenen Studios, um den sicheren Umgang kontrollieren zu können.

Wir sind ja nicht dumm, natürlich achten wir darauf, was wir den Menschen unter die Haut bringen

Frank Schokolowski

In der Tattoo-Szene sorgt vor allem die mögliche unterschwellige Botschaft, herkömmliche Tattoofarben und -studios seien unsicher, für schlechte Stimmung. „Wir sind ja nicht dumm, natürlich achten wir darauf, was wir den Menschen unter die Haut bringen“, sagt Frank Schokolowski und verweist auf Erfahrungswerte und die lange Tradition des Tätowierens. „In 5000 Jahren ist kein Mensch aufgetaucht, der durch Tätowierfarbe Krebs bekommen hat“, sagt er. Bei anderen Stoffen wie Alkohol und Tabak sei die gesundheitsschädigende Wirkung jedoch bekannt und sie würden nicht verboten. Besonders, dass das Tätowieren als Kunst nun zunächst stark eingeschränkt wird, stört ihn: „Keine andere Kunstrichtung bekommt so ein Gesetz“, dabei seien viele Künstlerfarben ebenfalls bedenklich.

Trotz der Verärgerung behält Schokolowski seine positive Grundeinstellung: „Das Verbot kam vielleicht ein bisschen abrupt und hat uns auf dem falschen Fuß erwischt. Ich glaube aber, dass das ein Neuanfang ist, wir finden Wege“, sagt er. Die Farben könnten für die Kunden zwar teurer werden und einige Tattoostudios besonders nach den Corona-Schließungen in Existenznot geraten, aber Schokolowski ist sich sicher, dass auch diese zurück-kommen, wenn es genügend REACH-konforme Farben gibt. „Ich vertraue da auf die Zeit, die Menschen haben immer einen Weg gefunden.“

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