Urteil der Angehörigen ist wichtiger als gute Note

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Schwester Claudia Wildenhorn (l.), hier im Gespräch mit einer Bewohnerin, ist Qualitätsbeauftragte im Seniorenpark Reeswinkel, Leiter Andreas Mischnick legt mehr Wert auf den persönlichen Kontakt als auf Benotungen. ▪

SCHALKSMÜHLE ▪ Mit der Note 1,8 und einem klaren „gut“ hat der Seniorenpark Reeswinkel in Schalksmühle bei der Bewertung durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherungen abgeschnitten.

Dieses geht aus dem „Pflegeheim-Navigator“ hervor, der im Internet abgerufen werden kann. Mit dieser guten Note liegt das Haus über dem Landesdurchschnitt von 2,4.

Der Leiter des Hauses, Diakon Andreas Mischnick, freut sich zwar über die positive Bewertung für sein Haus, steht dieser zusätzlichen Qualitätsprüfung aber kritisch gegenüber. Werbung für sein Haus macht er damit nicht.

Mischnick ist der Ansicht, dass die Prüfungen in verschiedenen Bereichen – angefangen vom medizinischen Dienst und Heimaufsicht bis zum Brandschutz –, denen Pflegeheime schon seit langem unterzogen würden, völlig ausreichend seien. Die zusätzliche Benotung nach schematisch verteilten Schulnoten werde der Realität nicht gerecht. Dabei erinnert er sich auch an seine eigene Schulzeit mit einem starren Notenssystem, das für andere Begabungen keinen Raum gelassen habe. Außerdem gebe es in der Pflege immer noch den entscheidenden menschlichen Faktor – sowohl bei den Bewohnern als auch bei den Mitarbeitern. Jeder sei ein eigener Charakter.

Nicht zuletzt verweist Mischnick darauf, dass das Urteil schon im nächsten Jahr ganz anders ausfallen könnte: „Man kann ganz tief fallen“, sagt er, denn seiner Meinung nach sei die Bewertung reine Glückssache. Das liege unter anderem daran, dass die Bewohner, die für die Prüfung herangezogen werden, ausgelost würden. Außerdem seien die Antworten auf alle Fragen nur schematisch und ließen den Prüfern keinen Spielraum.

Wenn zum Beispiel eine Bewohnerin am Morgen nicht gebadet worden sei, weil die Mitarbeiterin, der sie am besten vertraut, an diesem Tag nicht im Haus war, bedeute das gleich eine „Sechs“ – auch wenn die Heimleitung entschieden habe, das Baden um einen Tag zu verschieben, um der Patientin den Stress zu ersparen, von einer anderen Person gebadet zu werden. Das können laut Mischnick eine große, unter Umständen sogar gesundheitsgefährdende Belastung für die Pflegebedürftige darstellen.

Ein weiterer Aspekt, den Mischnick kritisiert, ist der zusätzliche Druck auf das Personal. Heimleitungen würden bei einer schlechten Bewertung ausgetauscht, sofern der Träger der Einrichtung Konsequenzen zieht. Das „Personal an den Betten“ werde täglich bei der Arbeit mit dem negativen Urteil und den Folgen konfrontiert. Es gebe bereits jetzt einen Mangel an Fachkräften in der Kranken- und Altenpflege – mit weiteren Prüfungen werde der Beruf nur noch unattraktiver.

Für Mischnick gibt es für die Bewertung von Pflegeheimen außerdem ein wichtiges Kriterium, das oftmals vergessen werde: Das Urteil der „Kunden“, das heißt der Bewohner und ihrer Angehörigen. Wenn ein Heim schlecht sei, spreche sich das schnell herum. Seiner Erfahrung nach gebe es kaum Angehörige, die eine Einrichtung wegen einer Benotung auswählen. Dagegen zähle der persönliche Eindruck viel mehr. ▪ gör

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