Eiscafé Venezia der Familie Sapere feiert 20-jähriges Bestehen

Bruno und Beatrice Sapere. ▪

SCHALKSMÜHLE ▪ Januar 1991. Winter, eisige Temperaturen. Ein kleiner Fiat Uno kämpft sich über die Alpen. Am Steuer sitzt durchgefroren ein junger Mann, neben ihm seine Frau, die versucht, sich mit Decken warm zu halten – die Heizung des Kleinwagens ist ausgefallen.

Das junge Paar ist erst seit kurzem verheiratet, stammt aus der sonnigen Region Kalabrien und fährt einer ungewissen Zukunft entgegen. Ihr Ziel: Deutschland.

Februar 2012, zwei Jahrzehnte später. Bruno und Beatrice Sapere, das junge Ehepaar von damals, schließen ihr Café auf, ziehen die Rollläden hoch. Während Beatrice Sapere den Kaffeeautomaten anstellt und die Tische und Stühle noch einmal richtet, bevor die ersten Gäste kommen, verschwindet ihr Mann im Hinterraum. Dort mischt er Zutaten, gibt Milch hinzu, rührt und vermengt. Anschließend kommt das Gemisch in eine Maschine – zehn Minuten später ist eine der beliebtesten Speisen weltweit hergestellt: das Eis.

Heute feiert die Familie Sapere das 20-jährige Bestehen ihres Eiscafés Venezia am Rathausplatz. Das Ehepaar ist den meisten in Schalksmühle als Beatrice und Bruno bekannt, wird für ihre Herzlichkeit von vielen geschätzt. Wer in der Volmegemeinde Lust auf italienisches Eis oder Espresso hat, trifft sich „bei Bruno“. Dabei war damals, vor zwanzig Jahren, noch gar nicht abzusehen, dass die Saperes heute noch in Deutschland leben. „Unser Plan war ursprünglich, ein paar Jahre in Deutschland zu arbeiten, Geld zu sparen und uns danach in Italien etwas aufzubauen“, erinnert sich Bruno. Doch es kam anders.

Bruno und Beatrice heirateten im Dezember 1990. In ihren italienischen Dörfern Pazzano und Monasterace Marina herrschte Arbeitslosigkeit. „Von Luft, Liebe und Sonne kann man nicht leben“, erzählt Bruno. Das junge Paar beschloss auszuwandern, nach Deutschland.

Brunos Bruder Telemaco lebte zu diesem Zeitpunkt bereits in Breckerfeld, wo er ein Eiscafé betrieb. Er erzählte den beiden von einem leerstehenden Café in Schalksmühle, das man anmieten könne. Beatrice und Bruno, damals 22 und 26 Jahre alt, entschlossen sich, zuzuschlagen und machten sich im Januar 1991 auf den Weg in eine völlig andere Welt. „Ich bin vorher schon ein paar Mal in Deutschland gewesen und habe meinen Bruder besucht, aber Beatrice wusste überhaupt nicht was sie erwartet“, erzählt der heute 46-jährige Bruno. „Als wir in Breckerfeld ankamen, lag Schnee“, erinnert sich seine Frau und fügt lachend hinzu: „Das war das erste Mal, dass ich Schnee gesehen habe, und ich fragte erst einmal, wie das Wort dafür heißt.“

Am 8. Februar 1991 eröffnete Bruno mit einem weiteren Bruder, Salvatore, das Eiscafé Venezia am Rathausplatz. Beatrice arbeitete die ersten zwei Jahre im Café in Breckerfeld und lernte dort den Service kennen. Ihr Mann wurde derweil von seinem älteren Bruder Telemaco in die Kunst der Eisherstellung eingeführt.

Doch der Anfang in Deutschland war für die beiden sehr schwer. „Wir haben mit Mühe Deutsch gelernt“, erzählt Beatrice, „wir haben keinen Kurs besucht, sondern im Umgang mit den Kunden die Sprache gelernt.“ „Es war alles anders hier, und wir haben uns anfangs sehr schwer getan“, fügt ihr Mann hinzu. „Wenn wir etwas erledigen wollten, musste immer jemand mitkommen, der übersetzt.“

Schwieriger Start schweißt zusammen

Die Auswanderung hat die beiden jedoch als Paar zusammen geschweißt. „Und unsere Kunden haben uns von Anfang an freundlich aufgenommen, wir wurden nie angefeindet, sondern immer gut behandelt, was uns wirklich Kraft gab“, sagt die heute 42-Jährige. Ihr Mann ergänzt: „Wir haben immer versucht, die Freundlichkeit, die uns entgegen gebracht wurde, auch zurück zu geben.“

1998 entschloss sich Salvatore Sapere, ein weiteres Eiscafé in Bochum zu eröffnen. Zu diesem Zeitpunkt waren Beatrice und Bruno bereits zu dritt: ihre Tochter Valentina kam 1995 auf die Welt. Doch der Umsatz des Schalksmühler Cafés reichte nicht aus, um zwei Familien zu ernähren. Mit der Geburt ihrer Tochter und der vollen Selbstständigkeit stellte sich nun nicht mehr die Frage, ob die Familie nach Italien zurückkehrt. Aus langjährigen Kunden waren mittlerweile Freunde geworden und Schalksmühle ihre Heimat. Sie wollten bleiben.

Ein Nachfolger ihres alten Fiats, mit dem sie damals über die Alpen kamen, lange ein Stück Italien in der Fremde, wurde vor Jahren ersetzt. Stattdessen fuhr Bruno auch mal Audi, „gegen deutsche Qualität habe ich nichts einzuwenden“, lächelt er. Obwohl er sonst nicht viel auf Materielles gibt. „Für uns zählt, dass sich unsere Kunden wohl fühlen.“ Daher führten die Saperes über die Jahre auch drei Renovierungen in ihrem Café durch – die letzte vor vier Jahren. Seitdem wohnt die Familie auch direkt über dem Eiscafé. Ihre Familien in Kalabrien werden regelmäßig besucht. Aus Schalksmühle wegziehen würden Saperes aber nie, auch nicht zurück in den Süden. Beatrice sagt zum Schluss: „Wenn wir aus Italien zurückkommen, rufe ich beim Aufschließen der Tür: Endlich wieder zuhause!“. ▪ aka

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