Über poetische Polizeiberichte

SCHALKSMÜHLE ▪ Obwohl er froh ist, der Kleinstadt entflohen zu sein, kehrt der Autor und Satiriker Wiglaf Droste für seine Lesungen immer wieder an den vermeintlichen Ort des Schreckens zurück. Am Freitag, 11. November, kommt er nun für eine Lesung nach Schalksmühle.

„Auf Sie mit Idyll“ heißt das neueste Werk des 1961 in Herford/Westfalen geborenen Autors, das er unter anderem an diesem Abend vorstellen wird. Und die Zuhörer können sich laut Droste darauf einstellen, „auf sehr hohem Sprachniveau freundlich und gut unterhalten zu werden“. In seinen Texten geht er aber keinswegs immer freundlich mit denen um, die er dort bis ins letzte Detail beschreibt und denen er Spiegel vorhält.

In seiner Jugend arbeitete Droste als Redakteur für „taz“ und „Titanic“ – Erfahrungen, die ihre Spuren hinterlassen haben. Er hält wenig von der „tagesaktuellen Schnelligkeit“, mit der im Journalismus gearbeitet wird und ist der Meinung, dass „von wenigen Ausnahmen abgesehen und nur wenn der Verleger das gestattet“ Journalisten ihren Beruf wirklich ausüben können. „Aber es gibt andere Plätze, an denen man Substantielles sagen kann“ – und deswegen schreibt er heute Bücher, Kolumnen oder veröffentlicht CDs mit eigenen Texten und Liedern.

Dem Lokaljournalismus kann er dann aber doch einiges abgewinnen: „Was ich liebe, sind Polizeiberichte.“ Die seien zum Teil „derart komisch verfasst“, dass es den Anschein habe, als „sitzen dort freiwillige oder unfreiwillige Poeten“. In solchen Fällen sei eine „Liebe zur Sache erkennbar“, die „Freude macht“. Und: „Lokaljournalismus soll leben.“

Weniger gnädig fällt sein Urteil zu Kleinstädten im Allgemeinen aus: „Das Beste an Kleinstädten ist, dass man sie verlassen kann – was man auch muss.“ Eine geistige Entwicklung sei sonst nicht möglich. Allerdings gibt es in seinen Augen auch „nichts Provinzielleres als Berlin“. Droste sei schockiert gewesen, als er in der Hauptstadt ankam und gefragt wurde, ob er nicht an einem Westfalenstammtisch teilnehmen wolle – „Willkommen im eigenen Mief.“ Viele „Leute fühlen sich in ihrer Eingeschränktheit und Beschränktheit am wohlsten“ – und nehmen diese selbst bei einem Ortwechsel mit. Für Droste stellt sich da die Frage: „Warum sind sie nicht dort geblieben?“

Bei einer Lesung erwartet der bekannte Autor von seinen Zuhörern erst einmal nichts: „Die Leute reagieren, wie sie reagieren.“ Er sei gleichzeitg Gast, aber auch Gastgeber und ein guter Gastgeber „schreibt seinen Gästen nichts vor“ – aber: „Es gibt immer Überraschungen für jeden.“ Doch wer zu seiner Lesung geht, sollte keine Unterhaltung wie bei den bekannten Comedians erwarten. Bei Droste geht es nicht ums „Ablachen“, ganz im Gegenteil. So mancher kann mit den Beobachtungen, Beschreibungen und Analysen nichts anfangen, einige „rufen manchmal 'Pfui'“. Aber im Grunde genommen seien seine Lesungen „gedeihliche und freundliche Abende“, an denen er „mit dem Material, was einem das Leben so hinstellt,“ spiele.

Zu einer Lesung gehört auch immer ein gewisses Maß an Vorbereitung, aber „man kann nicht so tun, als kenne man sich aus.“ Ein beliebter Trick von Kollegen sei es – laut Droste – vor einer solchen Veranstaltung jemanden aus der Gegend anzurufen und alles Wichtige der letzten Tage zu erfragen, um somit Pluspunkte beim Publikum zu erhaschen. Auch hier fällt Drostes Urteil vernichtend aus: „Eine ziemlich billige Nummer.“ Wenn er in solchen Dingen um Rat gefragt werde, laute seine Antwort: „Tut mir leid, da kannst du deinen Frisör fragen.“ Zwar gebe es in der Regel schon eine „Anschleimphase“ bei Lesungen und vergleichbaren Veranstaltungen – hier zitiert Droste seinen Kollegen Harry Rowohlt. Aber diese müsse nicht zwingend mit Lokalkolorit gewürzt sein: „Wenn man etwas weiß, ist das schön. Es zu simuliern ist peinlich und blöd.“

Vor allem auch in sprachlicher Hinsicht wird der Abend mit Wiglaf Droste unterhaltsam und auch beeindruckend sein. Der Autor interessiert sich nicht nur dafür, wie andere sprechen oder schreiben. Lokale oder regionale Idiome sind seiner Meinung nach viel „poetischer als die sogenannte Hochsprache.“ Wer mit „offenem Ohr“ unterwegs sei, entdecke immer neues und schönes. In Stuttgart lernte er so vor kurzem das Wort „lommelig“ kennen, das meint, dass sich etwas weitet. „So etwas finde ich natürlich schön“, bringt Droste seine Liebe zur Sprache zum Ausdruck.

Wer einen humorvollen Abend mit viel Sprachwitz und intelligenten Beobachtungen verleben will, sollte sich Karten für die Lesung, die von der Gemeinde Schalksmühle und der katholischen Bücherei veranstaltet wird, sichern. Beginn am Freitag11. November, ist um 20 Uhr.

Eintrittskarten zum Preis von zwölf (ermäßigt neun beziehungsweise sechs Euro) sind im Bürgerbüro der Gemeinde Schalksmühle erhältlich. Der Erlös kommt der katholischen Bücherei zu Gute.

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