Interview mit Tobias Schönenberg

TV-Star aus Schalksmühle: „Mein Hobby ist es nicht, Männer zu küssen“

Tobias Schönenberg kennt man aus dem Fernseher – oder aus Halver und Schalksmühle.
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Tobias Schönenberg kennt man aus dem Fernseher – oder aus Halver und Schalksmühle.

Viele Schalksmühler und Halveraner werden ein bekanntes Gesicht erkennen, wenn sie Serien wie Verbotene Liebe, Unser Charly, Der Alte, Forsthaus Falkenau, Notruf Hafenkante, Soko Stuttgart und viele mehr schauen. Denn dort entdecken sie Tobias Schönenberg aus Schalksmühle.

Schalksmühle - Seit 2003 ist Schönenberg Schauspieler. Mittlerweile wohnt er in Hamburg. Frank Laudien sprach mit ihm über das Sauerland und die Filmwelt.

1986 wurden Sie in Hagen geboren und sind dann in Schalksmühle groß geworden...

Eigentlich bin ich aus Halver. Ich habe an der Hälverstraße gewohnt. Die gehört eigentlich zu Schalksmühle, von der Postleitzahl her aber zu Halver.

Wie war Ihre Kindheit zwischen Schalksmühle und Halver?

Ich habe noch einen Zwillingsbruder, Stefan. Mit dem bin ich groß geworden. In Halver sind wir zur Schule gegangen. Erst in die Grundschule, dann in die Realschule und später ins AFG. Als Schüler war ich also eher in Halver, Handball gespielt habe ich aber in Schalksmühle in der Löher Halle. Zehn Jahre lang.

Was sind Ihre schönsten Erinnerungen an Ihre Heimat?

Wir konnten immer in den Wald gehen, um Hütten zu bauen oder haben Fußball gespielt. Es war eine Unbeschwertheit, auch dadurch, weil niemand so sehr auf uns aufpassen musste, weil wir nicht in einer Großstadt lebten. Das war es, was ich am liebsten mochte.

Jetzt leben Sie in Hamburg. Da sieht es wahrscheinlich etwas anders aus...

Zuerst bin ich nach Köln gezogen. Da habe ich auch Schauspielunterricht genommen, parallel neben meiner Schule. Ich bin dann wegen Verbotene Liebe dorthin gezogen. Wir haben knapp 500 Folgen gedreht, zwei Jahre lang. Zwei Jahre, nachdem die Serie endete, bin ich nach Hamburg gezogen. Das ist einfach die schönere Stadt.

Haben Sie heute noch einen guten Draht ins Sauerland?

Meine Freundschaften von damals haben sich auch meist in Richtung Ruhrgebiet verteilt. Mein Bruder wohnt in Unna, aber mein Vater wohnt noch in Halver. Meine Mutter ist leider im Juli gestorben. Ich bin aber immer noch gerne ein paar Mal im Jahr da. Bis auf den schlechten Handyempfang, wodurch es manchmal schwierig ist, zu arbeiten.

Sind Sie ein Workaholic, der immer auf sein Handy angewiesen ist?

Ja. Beim Angeln versuche ich, nur zweimal am Tag draufzusehen, aber sonst... Das geht auch einher mit meiner Selbstständigkeit. Ich habe eine Werbefilm-Produktionsfirma, und meine Kunden interessiert es nicht, ob ich gerade am See sitze oder im Sauerland bin. Für die muss ich erreichbar sein. Das möchte ich auch. Man muss auch abwägen, was einen mehr stresst: Das Gefühl, nicht erreichbar zu sein, oder der halbe Tag Handy-Detox.

Wünschen Sie sich manchmal, dass Sie besser Architekt geworden wären oder Bäcker? Oder ist das Ihr Traumjob?

Wenn ich die Arbeit hinter der Kamera nicht hätte, würde ich etwas suchen, das mir etwas gibt, womit ich etwas erschaffen kann. Ich habe das im Film gefunden. Wenn ich eine Geschichte erzähle, inszeniere, filme und schneide, habe ich etwas geschaffen. Das ist mir wichtig.

Viele kennen Sie aus Verbotene Liebe, Sie haben aber auch Rollen als Homosexueller oder Soldat gespielt. Gibt es Rollen, die Sie gar nicht spielen würden?

Das ist natürlich abhängig vom Drehbuch oder der Produktionsfirma. Schmuddelfilme würde ich nicht annehmen. Wenn das aber eine anständige Produktion ist, würde ich erst mal zu keinem Charakter Nein sagen, weil man den als Schauspieler auch näher zu sich holen kann. Es ist auch immer eine Abstimmung mit der Regie, wie man etwas anlegt. Ich habe aber auch nicht drei Drehbücher hier liegen, unter denen ich mich entscheiden kann.

Ist es eine Überwindung, vor der Kamera einen anderen Mann zu küssen, oder gehört das zum Job?

Es ist natürlich eine Überwindung. Aber wenn ich diese Herausforderung annehme, muss ich damit leben. Wenn etwas keine Realität ist, sich aber so anfühlt, ist es schon etwas Besonderes und erweitert mein Leben. Irgendwo ist es auch schon eine Spielwiese. Mein Hobby ist es nicht, Männer zu küssen, aber es war für den Film „Mord in bester Gesellschaft“ auch klar, es einfach zu machen. Alexander Held hat damals meinen Freund gespielt. Es ist dabei auch nicht nur das Küssen, sondern auch der Weg hin zum Kuss. Der ganze Prozess, wie sich so jemand bewegt, wie ich die Figur anlege und wie viel ich von mir da einbringen kann, ist so wertvoll für mich, dass ich das, was mich Überwindung kostet, dafür gerne in Kauf nehme.

Mit Ihrem Zwillingsbruder haben Sie auch schon vor der Kamera gestanden für einen ähnlichen Film.

Wir haben zusammen einen Kurzfilm gemacht, bei dem sich die Brüder ineinander verliebt haben. Das war wahnsinnig schwierig für mich. So nah muss ich ihm dann doch nicht sein, habe ich festgestellt. Wir haben dann noch in der britischen Serie „The Missing“ in der zweiten Staffel als Skinheads zusammen gespielt. Das war wirklich cool. Mein Bruder hat auch erst am Set erfahren, dass er sich die Haare abrasieren muss. Er war begeistert. Sonst ist aber nichts Weiteres in Planung.

Färben Rollen, die Sie spielen, auch auf Ihr privates Leben ab?

Mit Sicherheit. 2014 habe ich „Zwischen Welten“ in Afghanistan gedreht. Wir waren vier Wochen dort in einem Bundeswehrlager. Aus der Zeit habe ich wahnsinnig viel mitgenommen. Von dem Leben dort, wie die Menschen leben und wie sich die Soldaten verhalten. Das erweitert meinen Horizont. Auch weil ich mich mit dem Thema dann auseinandersetze.

Welche Szene mussten Sie am häufigsten wiederholen, bis sie im Kasten war?

Das passiert dauernd. Manchmal gibt es Szenen, in denen so viel gleichzeitig abläuft. Den Text sagst du an der und der Stelle, dabei schmierst du dir ein Brötchen, dann gießt du dir einen O-Saft ein und so weiter. Das strengt mich an. Ich bin nicht so multitaskingfähig. Jetzt gab es eine Szene im Casting für eine Comedyreihe. Die ist so witzig, der Witz liegt aber darin, dass es nicht komisch ist. Da ist es schwer, ernst zu bleiben. Komik ist halt Unglück mal Timing.

Wie wirkt sich die Corona-Pandemie gerade auf diesen Berufszweig aus?

Anfang des Jahres hatten wir Berufsverbot. Ein Filmteam besteht minimum aus 20 bis 40 Leuten, die ja nicht zusammen arbeiten durften. Der Umsatz meiner Firma war überhaupt nicht vergleichbar mit dem aus dem Vorjahr. Die Kunden haben Angst, ihr Geld auszugeben, weil sie nicht wissen, wann sie wieder öffnen können. Ich filme sonst auch viel auf Events, die jetzt nicht stattfinden.

„10 Sekunden Himmel“ ist ein Kurzfilm, den Sie selbst geschrieben, geleitet und produziert haben. Dafür gab es viel Anerkennung auf verschiedenen Filmfestivals. Sehen wir Sie jetzt seltener, weil Sie mehr im Regiestuhl sitzt?

Ja, weil ich auch glaube, dass ich hinter der Kamera besser bin als vor der Kamera. Das Geschichtenerzählen in der Gänze und auch, der Motor zu sein, ist mir wichtig. Nur als Regisseur hat man die Chance, zu bestimmen, in welche Richtung ein Film oder ein Charakter geht. Es macht mir wahnsinnig viel Spaß, hinterher das Ergebnis zu sehen. „10 Sekunden Himmel“ war mein erster Film. Das war bestimmt nicht der Abräumer-Film. Zu dem Zeitpunkt hätte ich ihn aber nicht besser machen können. Heute würde ich es vielleicht etwas anders machen.

Kommt man in Deutschland als Schauspieler oder Filmemacher gut über die Runden oder muss man dafür schon nach Hollywood?

Das geht schon. Warum deutsche Produktionen aber im Ausland immer noch nicht so anerkannt sind, liegt meiner Meinung nach daran, dass es hier eine Wirtschaftsförderung und keine Kulturförderung gibt. In Frankreich werden Filme aus dem Topf der Kulturförderung gedreht, so wie hier die Theater unterstützt werden. Es ist einfach sehr wenig Geld da. Wenn man kommerziell arbeiten kann, dann kann man auch hier sehr gut davon leben. Hier ist es aber sehr schwierig. Ich verdiene das Geld durch meine Werbefilme, um damit die fiktionalen Filme finanzieren zu können.

Neben der filmischen Arbeit modeln Sie auch noch.

Ich habe mal etwas Geld für den Schauspielunterricht damit verdient. Aber ich würde mich nicht als Model bezeichnen. Ich bin zu klein, und es macht mir auch keinen Spaß.

Wer ist für Sie der beste Schauspieler?

August Diehl.

Wer ist der beste Regisseur?

Den Film „Systemsprenger“ finde ich großartig. Regie hat Nora Fingscheidt geführt. Sonst finde ich Christopher Nolan genial.

Der beste Film?

Weil ich weiß, wie schwierig es ist, einen Film in einer Einstellung und ohne Schnitt zu drehen, würde ich „Victoria“ sagen. Der hatte 30 Tage Probe und wurde in Berlin in nur einer Nacht gedreht. Der ist unglaublich toll. Ein Meisterwerk.

Was sind Ihre nächsten Projekte?

Ich habe gerade ein Exposé geschrieben für einen Film über eineiige Zwillinge und auch vorletzte Woche einen Teaser dazu gedreht. Es steht noch nicht fest, ob er später auf Netflix, Amazon oder Apple+ zu sehen sein wird. Im Sommer habe ich noch eine größere Rolle in einem Inga Lindström-Film gehabt.

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