Theater-Premiere: "Die zwölf Geschworenen"

+
Simone Thewes (links) als rassistische Geschworene Nr. 10 hält den Angeklagten allein aufgrund seiner Herkunft für schuldig. Neben ihr Andreas Stach als polnischer Emigrant und Michaela Half-Dicke als oberflächliche Werbefachfrau, im Hintergrund Dietmar Wilde.

Schalksmühle - Packend, mitreißend und atmosphärisch dicht setzte die Theaterwerkstatt Schalksmühle am Samstagabend im Forum der Grundschule Spormecke das 50er-Jahre-Schauspiel „Die zwölf Geschworenen“ in Szene. Das Stück erwies sich als ebenso aktuell und brisant wie zur Zeit seiner Entstehung.

Knisternde Spannung zauberte das große Ensemble unter Regie von Reinhard Meyer auf die Bühne. Großartig schälten die Akteure aus der anonymen Gruppe der Geschworenen, die lediglich mit Nummern, nicht mit Namen ausgestattet waren, markante Charaktere heraus. Standing Ovations ernteten Regisseur, Darsteller und Helfer hinter der Bühne für ihre professionelle, unter die Haut gehende Leistung vor nahezu ausverkauftem Haus.

Förmlich zu greifen war die Schwüle eines heißen Sommertags, an dem „Die zwölf Geschworenen“ ihr Urteil über einen 19-jährigen Jungen aus den Slums, einen vermeintlichen Vatermörder, fällen mussten. Die Beweislage schien klar, ein einstimmiger Urteilsspruch lag in der Luft. Bei einer ersten Abstimmung schnellten elf Finger für „Schuldig“ in die Luft.

Sturm der Entrüstung

Lediglich die Geschworene Nr. 8 – glänzend von Claudia Baumann verkörpert – war bereit, über den Fall zu sprechen, um Zweifel auszuräumen und gerecht über Leben und Tod des Jungen zu entscheiden. Ihr „Nicht schuldig“ löste einen wahren Sturm der Entrüstung aus.

50er-Jahre-Flair atmete das Stück durch die Musik, Kostüme und Frisuren der Damen. Amerika als Schauplatz war durch das Porträt von Abraham Lincoln, die amerikanische Flagge und den Ausblick auf New York allgegenwärtig. Schwarz und grau, die dominierenden Farben des eindrucksvollen Bühnenbilds, verstärkten den Eindruck einer schwierigen Wahrheitssuche, eines Tappen im Dunkeln und Heben eines Grauschleiers.

Das Spannende an dem intensiven Kammerspiel waren die Gruppenprozesse, die sich unter den Geschworenen abspielten. Stand die Geschworene Nr. 8 am Anfang noch allein, kippte – je genauer die Gruppe die Zeugenaussagen unter die Lupe nahm – einer nach dem anderen. Am Ende, nach einem dramatischen Finale, stand der Freispruch.

Menschen aus Fleisch und Blut, mit Vorurteilen und Ressentiments lieferten sich in dem noch von Ingrid Kämper, der im Oktober verstorbenen Regisseurin der Theaterwerkstatt, ausgewählten Stück heiße Rededuelle. Zum schärfsten Widersacher der Geschworenen Nr. 8 spielte sich Sven Schneider als Geschworener Nr. 3, dem Ekelpaket der Runde, auf. Bis zur Handgreiflichkeit trieb er seine in der eigenen Familiengeschichte begründete Wut bis zu einem erschütternden und toll gespielten Zusammenbruch.

Darsteller leben ihre Rollen

Tief ins Innerste jedes Geschworenen ließen die Akteure blicken, ob sie nun ihren rassistischen Vorurteilen Luft verschafften wie die Geschworene Nr. 10 (Simone Thewes) oder den Klassenclown spielten wie der Geschworene Nr. 7 (Uwe Baumann). Jeder war anders „gestrickt“ – mal oberflächlich, mal unsicher, mal kontrolliert – und kehrte diese Seiten bei der Urteilsfindung glänzend heraus.

Angefangen bei Felicitas von Biedersee bis zu Jan-Arne Heyrock, Michael Lynker, Hendrik vom Heede, Carsten Schmidt, Dietmar Wilde, Andreas Stach (klasse: der Akzent) und Michaela Half-Dicke „lebten“ alle die fremde Identität. Als Gerichtsdiener war Markus Schwarz, als Souffleuse Miriam Baumann mit von der Partie.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare