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Kindertagespflege: Tagesmutter räumt mit Vorurteilen auf

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Von: Sarah Lorencic

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Ein Mädchen spiel im Bällebad in einer Tagespflege in Schalksmühle
Den Alltag bunt machen: Tagespflegepersonen passen nicht nur auf Kinder auf und dienen nicht nur als Überbrückung bis es in den Kindergarten geht. Tagesmutter Corinna Dietz räumt mit Vorurteilen auf und gewährt Einblick in einen Tag am Kiefernweg. © Sarah Lorencic

Wie läuft es eigentlich in einer Kindertagespflege ab und wozu ist sie da? Nur, um die Zeit bis zur Kita zu überbrücken? Eine Tagesmutter gewährt Einblick in ihren bunten Alltag.

Schalksmühle –„Die Luisa ist weg“, sagt Corinna Dietz zu den anderen drei Kindern in ihrer Tagespflege verdutzt. „Wo kann sie sein? Mach mal Piep!“ Just in dem Moment taucht die Zweijährige aus dem Bällebad auf. Auf drei springen alle rein, dass die Bälle nur so durch den Raum fliegen.

GemeindeSchalksmühle
Größe38,2 km²
Einwohner10.287 (2020)

Kindertagespflege: Tagesmutter räumt mit Vorurteilen auf

Seit acht Jahren ist die 45-Jährige Tagesmutter. Etwas anderes kann sie sich gar nicht mehr vorstellen. Die Frau aus Schalksmühle in Nordrhein-Westfalen ist selbst Mutter zweier Töchter, 9 und 17 Jahre alt, und gelernte Industriekauffrau. Die Entscheidung, den Beruf zu wechseln, kam mit dem zweiten Kind. Zu Beginn war die jüngste Tochter selbst Teil der Gruppe in der Tagespflege. Mittlerweile ist sie wie eine große Schwester für die Tageskinder, wenn sie mal zusammenkommen. Grundsätzlich aber ist das Haus von Corinna Dietz in privat und beruflich getrennt. Nur die Küche ist noch immer „halbprivat“, sagt sie und lacht.

Als die 45-Jährige vor acht Jahren anfing, betreute sie die Kinder noch in den privaten Räumen. Das Wohnzimmer aber sollte Rückzugsort der Familie bleiben, und vor allem sollte eine Umgebung für die Kinder geschaffen werden. Jetzt ist der Dachboden zu einem Kinderparadies ausgebaut worden. Mit Bällebad, Turnecke sowie Ruhebereich, Spielhaus, Rutschautos und jeder Menge Spielzeug und Büchern. Ein Kindergarten komprimiert auf einen Raum, ausgerichtet für fünf Kinder bis zu drei Jahre.

Kindertagespflege: Tagesmutter räumt mit Vorurteilen auf

Jan hat das Alter nun auch erreicht. Auf dem Kindertisch liegt eine Krone, die er bei der Geburtstagsfeier in der Gruppe – mit Kuchen zum Frühstück – tragen dufte. Er kuschelt an diesem Tag viel, sucht Nähe. Viel gefeiert, wenig geschlafen, Eindrücke vom Ehrentag zuvor. Dass das so ist, weiß Corinna Dietz durch den intensiven Austausch mit den Eltern. Ein wichtiger Teil ihrer Arbeit.

Jan hat das Alter nun auch erreicht. Auf dem Kindertisch liegt eine Krone, die er bei der Geburtstagsfeier in der Gruppe – mit Kuchen zum Frühstück – tragen dufte. Er kuschelt an diesem Tag viel, sucht Nähe. Viel gefeiert, wenig geschlafen, Eindrücke vom Ehrentag zuvor. Dass das so ist, weiß Corinna Dietz durch den intensiven Austausch mit den Eltern. Ein wichtiger Teil ihrer Arbeit.

Eine Tagesmutter aus Schalksmühle liest ihren Tageskindern ein Buch vor
Gemeinsam Bücher lesen: Alle hören aufmerksam zu, wenn Corinna Dietz etwas vorliest. Im Herbst hat sie das den ganzen Vormittag machen müssen. © Sarah Lorencic

Alles unterm Dach des Familienhauses

Für Jan und drei weitere Kinder der Tagespflege laufen die letzten Wochen. Schon bald geht es in den Kindergarten. Als Abschiedsgeschenk gibt es einen Ordner, in dem kaum noch ein Blatt passt. Fotos, Bilder, Bastelsachen. Erinnerungen. „Ein Stück unserer gemeinsamen Zeit; das ist das Wertvollste, das ich den Eltern geben kann.“

Meistens sind es zwei Jahre, die die Kinder eine Tagespflege besuchen. Das jüngste Kind der Schalksmühlerin war acht Wochen alt – Fläschchen und Brei gab es von ihr. Beim Krabbeln und Laufen lernen war sie nah dran, zum Teil von Beginn an. Die Bindung ist daher stark, auf beiden Seiten. Die Zeit ist intensiv, prägt die Kinder. „Gerade die Kleinen brauchen kleine Gruppen“, erklärt die Schalksmühlerin und sieht die vielen Vorteile dieser Art der Betreuung, die oft missverstanden werden. „Ich bin kein Notnagel“, sagt sie, „auch keine Überbrückung“. Sondern eine bewusste Entscheidung.

Kindertagespflege: Tagesmutter räumt mit Vorurteilen auf

Die Tagesmutter will aufräumen mit den Vorurteilen, will, dass man den Wert klar erkennt und fürs Kind nutzt –nicht für sich, um drei Monate früher arbeiten gehen zu können beispielsweise.

Ja, Tagespflege ist flexibel, Betreuungszeiten richten sich auch nach Schichtplänen. Für viele berufstätige Eltern unabdingbar. Aber nicht nur dafür gibt es das Angebot. Die Tagespflege ist mit den klassischen Kitas gleichgestellt, sagt Dietz. Kostet auch nicht mehr oder weniger. Und auch ausgebildet werden die Tagespflegepersonen. „Ich sitze nicht auf der Couch, trinke Kaffee und passe auf die Kinder einfach nur auf.“

Kindertagespflege: Tagesmutter räumt mit Vorurteilen auf

Corinna Dietz betreut von 7.30 bis 14.40 Uhr fünf Kinder, eine 35-Stunde-Woche. Es gibt einen Essensplan, aber der Tag kann frei gestaltet werden. Gefrühstückt wird derzeit bei gutem Wetter im Wald. „Ich kann einfach alles machen, muss nicht alles absprechen.“

Erst seit drei Wochen hat sie den „Kinderbus“, in dem sechs Kinder Platz finden. Der Krippenwagen fährt elektrisch, wird geschoben wie ein Kinderwagen. 4500 Euro kostet der Bus, aber das war es ihr wert, sagt sie. Anders als eine Kita muss sie keinen Antrag stellen, auf Genehmigung und Geld warten. Mit dem Bus fährt die Gruppe in den Wald, zum Bauern, bald soll es zur Eisdiele gehen. „Egal, was wir machen, die Zeit ist zu kurz.“

Ein Bus für die Kinder als Eigeninvestition

Sie verdient pro Kind und pro Stunde, kann gut als Alleinerziehende davon leben. Aber sie macht es vor allem, um frei zu sein, selbstständig und: weil es ihr Spaß macht. Jede Tagesmutter macht es anders, weshalb Eltern gut wählen sollten. Wer aber einen Platz für 2022 will, müsse sich schon dieses Jahr bemühen – zumindest bei Corinna Dietz. Schon Schwangere haben sich bei ihr gemeldet, um einen Platz zu reservieren, noch bevor die eigene Familie von der Schwangerschaft wusste.

Kitzelattacke: Auch in Corona-Zeiten war der Kontakt zu den Kindern nicht von Angst geprägt. Trotz Risiko: Denn zwei der fünf Kinder hatten Coronafälle in ihren Familien.
Kitzelattacke: Auch in Corona-Zeiten war der Kontakt zu den Kindern nicht von Angst geprägt. Trotz Risiko: Denn zwei der fünf Kinder hatten Coronafälle in ihren Familien. © Sarah Lorencic

Die zweijährige Marie läuft mit einem Coronavirus-Stofftier auf Corinna Dietz zu. Ein Thema, das auch die Kinder beschäftigt hat. „Das Jahr war schwer für die Kinder.“ Auch Gruppenbindung war kaum möglich. Zeitweise war die Tagespflege zu, einen Großteil der Zeit mussten Eltern nur wenige Tage arbeiten und die Kinder kamen nur unregelmäßig.

Kindertagespflege: Tagesmutter räumt mit Vorurteilen auf

Jetzt erst ist die Gruppe wirklich zu einer geworden. In der Zeit des Lockdowns bekamen die Eltern die Mappe der Kinder mit und sollten sie fortführen. Denn das Leben ging auch in den zwei Monaten weiter, sagt Corinna Dietz. Die Kinder sollen in ihrer Mappe keine Lücke im Ordner haben. Die andere Seite von Corona ist aber auch eine gute. Noch einmal mehr wurde Corinna Dietz klar, wie wertvoll es ist, zu Hause zu sein, während ihre eigenen Kinder Homeschooling hatten – und auch wie wichtig sie als Standbein für andere Eltern war, die arbeiten mussten oder einfach mal Zeit für sich brauchten. Den Begriff systemrelevant fand die Tagesmutter falsch. „Alle sind systemrelevant für ihre Familien.“

Bald kommen neue Kinder zu Corinna Dietz. Für die Eingewöhnung hat sie bereits gefragt, was das Lieblingsessen der Kinder ist. Das soll das Eis brechen, helfen anzukommen. Denn der große Vorteil ist, „die Betreuung passt sich den Kindern an, nicht andersherum“.

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