Spritzenautomat im Ortskern?

SCHALKSMÜHLE - Die Einwohnerzahl von Schalksmühle mal zwei – also rund 22 000. Das ist genau die Zahl von Menschen, die im Märkischen Kreis süchtig sind. Stefan Tertel, Geschäftsführer der Anonymen Drogenberatungsstelle (Drobs), stellte diese Zahl nun vor. Dabei präsentierte er auch die Idee, einen Spritzenautomaten im Ortskern zu montieren.

„In jeder Innenstadt im Märkischen Kreis findet man Leute, die an alle Drogen kommen“, sagte Stefan Tertel. Daher sei es nicht verwunderlich, dass Statistiken zeigten, dass in ländlichen Gebieten der Konsum von illegalen Drogen im Verhältnis gleich mit dem einer Großstadt sei. Im Märkischen Kreis gebe es derzeit rund 20 000 Alkohol- und/oder Medikamentenabhängige, 1600 Menschen, die süchtig nach illegalen Drogen sind, sowie rund 400 Personen, die Internet-, Chatting- oder Gamingabhängig sind. In Schalksmühle hatte die Drobs im vergangenen Jahr Kontakt zu 20 Drogen-Konsumenten aus Schalksmühle. Neun Konsumenten hatten drei oder mehr Beratungen.

Die Drobs steht momentan vor neuen Herausforderungen wie der „Sucht im Alter“. Inzwischen arbeitet die Drobs mit Pflegediensten und Altenheimen zusammen. Tertel: „Die Klienten werden aber nicht nur älter, sondern auch Eltern.“ Alle illegalen aber auch legalen Drogen schädigten das ungeborene Leben. Als Vergleich nennt er 5400 Kinder, die durch Contergan geschädigt worden seien. „Fast jedes Jahr wird in etwa die gleiche Zahl durch Drogen geschädigt.“

Aber nicht nur das ungeborene Leben werde durch die Sucht der Eltern beeinflusst. Als Beispiel nannte Tertel den Jungen Kevin. Vom Leben und Leiden des Zweijährigen wussten viele. Gerettet hat ihn niemand. Im Herbst 2006 entdeckten Polizisten in Bremen den toten Kevin im Kühlschrank seines drogenabhängigen Ziehvaters. Daher achte die Drobs besonders auf Kinder von Drogenabhängigen. „Wenn ein Kleinkind nicht weint, werden wir aufmerksam.“ Die Gefahr bestehe, dass Eltern ihr Kind mit Methadon beruhigt haben.

Eine andere Gefahr bestehe für die Abhängigen. Wenn beispielsweise den Konsumenten von Heroin neue Spritzen fehlen, bauten sie selbst welche, beziehungsweise nutzten schmutzige. Dadurch vergrößere sich deutlich die Ansteckungsgefahr für tödliche Krankheiten wie HIV oder Hepatitis C.

Daher schlug Stefan Tertel vor, einen Spritzenautomaten in Schalksmühle aufzuhängen. „Die Idee ist, dass es in jedem Ort des Kreises Spritzenautomaten geben soll.“ Die Vorteile lägen auf der Hand: Rund um die Uhr, anonym und niedrigschwellig könnten steriles Material, welches zur Zubereitung und Injektion von Drogen benötigt werden, abgegeben werden.

Die Automaten könnten auch als schwarzes Brett dienen, an denen die Süchtigen über Therapien und anderes informiert werden. Die Kosten für solche Spritzenautomaten tragen die Konsumenten selbst durch den Kauf der Spritzen. Ab 50 Cent aufwärts gebe es unterschiedlich ausgestattete Schachteln. Von Spritzen und Desinfektionstupfer bis hin zu anderen Utensilien zum Konsum von Heroin seien in einem solchen Automaten erhältlich. „Optisch sehen diese so aus wie Zigarettenautomaten“, erklärte Stefan Tertel. Seiner Meinung nach müssten solche Automaten zentral montiert werden. „Man müsste aber mit der Polizei sprechen. Wenn die Polizei dort ständig vor Ort ist, wird das Angebot nicht genutzt.“

Von Matthias Clever

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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