Drogenberatung sieht Zahlen zum Rückgang der „Komasäufern“ kritisch

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Die Zahlen zum Rückgang der „Komasäufer“ des Statistischen Landesamtes sieht die Drogenberatung in Iserlohn kritisch. Der Konsum sei hemmungsloser geworden.

Schalksmühle - Die Zahl der jungen „Komasäufer“ in Nordrhein-Westfalen ist nach einem jahrelangen Anstieg zuletzt wieder gesunken – das vermeldeten am Montag mehrere Nachrichtenagenturen. Die scheinbar erfreuliche Mitteilung muss Stefan Tertel, Geschäftsführer der Anonymen Drogenberatung in Iserlohn – auch zuständig für Schalksmühle –, relativieren.

Etwa 4920 Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 19 Jahren waren 2017 wegen einer akuten Alkoholvergiftung im Krankenhaus behandelt worden. Das sei ein Rückgang um rund fünf Prozent, wie das Statistische Landesamt mitteilte. Zuvor sei die Zahl der jugendlichen „Komasäufer“ seit 2014 stetig gestiegen. 

Auch die Zahlen aus dem Jahr 2017 in Schalksmühle sprechen dafür. „Das Thema ,Komasaufen‘ beschäftigt uns seit rund zehn Jahren. Die Politik hat mal etwas richtig gemacht. Die Erhöhung der sogenannten Alko-Pop-Steuer und eine flächendeckende Präventionsarbeit haben zu dem Rückgang geführt“, erklärt Tertel. 

Aber die Zahlen würden nur ein quantitatives Bild zeigen. „Die Konsumenten, die trinken, tun das umso hemmungsloser.“ Die Nachricht sei auch deshalb relativ zu betrachten, weil sich der Konsum von Drogen, etwa auf chemischer Basis, erhöht habe. Es werde so viel, wie noch nie über das Internet bestellt, erklärt Tertel. Die Präventionsarbeit in Schalksmühle fand im vergangenen Jahr unter dem Motto: „Kannst Du auch ohne?“ bei einem Outdoor-Camp für Jugendliche im Alter von zwölf bis 14 Jahre in Nachrodt-Wiblingwerde statt. 

Präventionsarbeit vor Ort

Gemeinsam wurde mit den Jugendlichen aus der Gemeinde in Info- und erlebnispädagogischen Einheiten die Entstehung von Abhängigkeit und die damit verbundenen Konsummuster erarbeitet. Die Prävention in Halver reichte von Schule über Beruf und Arbeitskreise bis hin zu der Kooperation mit dem Jugendzentrum vor Ort. 

Während in Schalksmühle 15 Klienten beraten, 62 stationäre Entgiftungen vermittelt und 47 Reha-Maßnahmen eingeleitet wurden, gab es in Halver 38 Ratsuchende, die sich an die Drogenberatung gewandt haben. Entgiftungen gab es 62, Reha ebenfalls 47-mal. Diese Zahlen seien in 2017 drastisch angestiegen, sagt der Suchtberater. 

Die genannten Zahlen seien aber aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. „Anonymität ist extrem wichtig. Viele Ratsuchende sind gestresst und suchen deshalb ein geschütztes Umfeld. Viele, etwa aus Halver oder Schalksmühle, gehen dann nicht zur Beratung nach Kierspe. Sie kommen dann nach Iserlohn, damit niemand sie erkennt.“ 

Life-Style-Drogen im Trend 

Zwar könne man auch eine Veränderung der Lebensführung bei vielen Jugendlichen feststellen – etwa im Umgang mit ihrer körperlichen Fitness – und diese als Grund für den Rückgang an „Komasäufern“ sehen. Doch viele würden durch Life-Style-Drogen versuchen – von Eiweißprodukten bis zu Medikamenten und Hormonpräparaten – sportlicher auszusehen und Muskeln aufzubauen. „Es findet nur ein scheinbarer Lebenswandel statt.“

Kontakt

Die Drogenberatungsstelle für Schalksmühle, Halver, Herscheid, Kierspe, Lüdenscheid und Meinerzhagen ist am Drobs-Standort Lüdenscheid, Körnerstraße 10 a, zu finden. Telefonisch erreichbar sind die Mitarbeiter unter der Rufnummer 0 23 51/2 77 07 oder per E-Mail unter luedenscheid@drobs-mk.de. Die Drogenberatung hat montags bis donnerstags von 8.30 bis 17.30 Uhr und freitags von 8.30 bis 13.30 Uhr geöffnet. „JoKer“ die Beratung für Jugendliche bis 21 Jahre oder jünger ist jeden Dienstag, 16 bis 19 Uhr, am Karnacksweg 44 in Iserlohn im Kinder- und Jugendzentrum Karnacksweg geöffnet. Für eventuelle Terminvereinbarungen oder einen ersten Kontakt ist ein Anruf unter Tel. 0 23 71/2 28 51 oder eine E-Mail an bodaechtel@drobs-mk.de möglich.

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