Was brauchen Flüchtlinge?

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Umdenken beim Thema Familiennachzug halten die Verantwortlichen für Flüchtlingsarbeit in der Gemeinde für extrem wichtig. Nur in der Familie fühlen sich die Menschen wohl.

Schalksmühle - Als Ergebnis einer Studie zum Thema Flüchtlinge sieht der Bundesverband der Awo großen Handlungsbedarf, um die Situation der Schutzsuchenden in Deutschland zu verbessern. Doch was brauchen diese Menschen, um sich in ihrer neuen Heimat wohl zu fühlen und ein neues Leben aufzubauen?

Laut der Awo-Studie sei es – gerade für jugendliche Flüchtlinge – wichtig, eine Perspektive für die Zukunft zu haben. „Sie müssen ihre Möglichkeiten kennen, um sich als gleichberechtigtes Mitglied unserer Gesellschaft erleben zu können“, heißt es in einer Pressemitteilung der Awo zu diesem Thema. Die Einschränkung des Familiennachzuges müsse aufgehoben werden, da gerade junge Männer ohne Angehörige drohen, schnell in die Kriminalität abzurutschen, ist weiter in dem Schreiben zu lesen. 

Engagieren sich für Flüchtlinge: Silvia Gonzalez Algaba (Leiterin des Fachbereichs Bürgerdienste und Soziales), Mike Dulas (Mitarbeiter des Sachgebiets Soziales) und Irmtraud Quenzel (Netzwerk Flüchtlingsarbeit).

Was also brauchen Flüchtlinge wirklich? Unsere Zeitung hat mit denjenigen in Schalksmühle gesprochen, die diese Frage wohl am besten beantworten können. „Sie müssen vor allem unsere Sprache lernen und sie brauchen Wohnraum“, so fasst Mike Dulas, Mitarbeiter des Sachgebiets Soziales der Gemeindeverwaltung zusammen. Er kümmert sich unter anderem um die Asylbewerber und weiß, was sie tagtäglich benötigen.

Beim Thema Wohnraum sei die Gemeinde gut aufgestellt, sagt Irmtraud Quenzel vom Netzwerk Flüchtlingsarbeit und bekommt dabei Zuspruch aus der Verwaltung. „Neue Personen werden derzeit in Schalksmühle in Wohnungen untergebracht. Erst wenn wir dort keinen Platz mehr haben, dann werden wir die Unterkünfte auf dem Jahnsportplatz nutzen“, erklärt Silvia Gonzalez Algaba, Leiterin des Fachbereichs Bürgerdienste und Soziales. Diese Unterkünfte behalte die Verwaltung quasi in der Hinterhand. Deshalb habe man die Forderung zu einer anderweitigen Nutzung des Platzes auch zurückgestellt. 

Wie funktioniert das Leben in Deutschland? 

Auch beim Thema Sprachvermittlung sei man gut gerüstet. Es gebe hier viele Deutschkurse, die ehrenamtlich angeboten werden, sagt Mike Dulas. „Diese bereiten gut auf die Integrationskurse vor, in denen die Flüchtlinge lernen, wie das Leben in Deutschland funktioniert.“ Die Integrationskurse finden in Halver, Lüdenscheid oder Kierspe statt. 

Wichtig, damit sich die Menschen in Deutschland zuhause fühlen, sei auch die Sicherheit im Bezug auf ihren Status, sagt Silvia Gonzalez Algaba. Sie spricht damit die Ungewissheit vieler Flüchtlinge an, die nicht wissen, ob sie nun bleiben dürfen oder ob sie doch eines Tages abgeschoben werden. Ebenfalls große Bedeutung misst die Fachbereichsleiterin der Integration in bestimmten Gruppen, etwa bei und durch die Arbeit oder in der Freizeit, zu. 

Im KOMM-AN NRW „Begegnungszentrum Westfälischer Hof“ – direkt am Kreisverkehr an der Hälverstraße – finde man immer Ansprechpartner, die für einen da sind, betonen alle drei. Egal welche Kultur und welche Sprache – offiziell gefordert ist Deutsch – finden sich dort mittwochs von 15 bis 18 Uhr und freitags von 16 bis 20 Uhr Flüchtlinge ein. Aber nicht nur neue Mitbürger, auch die Einheimischen seien zum Kulturaustausch eingeladen. 

Umdenken beim Familiennachzug 

Gefördert wird das KOMM-AN NRW „Begegnungszentrum Westfälischer Hof“ von dem Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration (MKFFI) des Landes NRW. Ein Umdenken beim Thema Familiennachzug, so wie es in der Awo-Studie gefordert wird, wäre sinnvoll. Irmtraud Quenzel macht die Thematik an einem Beispiel deutlich: „Ein 30-jähriger Mann versucht bei uns seit zwei Jahren seine Familie nach Deutschland zu holen – ohne Erfolg. Die Sache lässt ihn verzweifeln und macht ihn überdies auch krank.“ Auch in dem Punkt, dass Familie gegen Kriminalität wirke, stimmen die Verantwortlichen zu. „Die Verwandten helfen, dass man nicht auf die falsche Bahn kommt“, betont Silvia Gonzalez Algaba. 

Das gerade die, die am Anfang ihres Lebens eine feste Hand brauchen, nach Beendigung ihres 18. Lebensjahres aus der Obhut des Staates fallen, finden alle drei nicht gut. Auch in Schalksmühle gibt es sogenannte unbegleitete jugendliche Flüchtlinge. Ratsam wäre es, sie bis ins Alter von 25 Jahren zu unterstützen, so die Fachbereichsleiterin Silvia Gonzalez Algaba. Mike Dulas: „Wir können in unserem Zuständigkeitsbereich helfen und dann nur noch abwarten.“

Daten und Fakten

- Flüchtlinge werden in folgenden Gruppen unterschieden: es gibt die anerkannten Flüchtlinge, die Menschen, die einen sogenannten subsidiären Schutz haben und die Menschen, bei denen noch ein Asylverfahren läuft, sowie diejenigen, die geduldet sind, (bei diesen ist das Verfahren negativ beschieden). 

- Laut aktuellem Stand gibt es bei den Asylbewerbern 66 Personen in Schalksmühle, die nach dem Asylbewerberleistungsgesetz versorgt werden. 

- 34 anerkannte Flüchtlinge (mit einer sogenannten Wohnsitzauflage) leben in gemeindlichen Unterkünften. 

- Die Wohnsitzauflagenquote erfüllt die Gemeinde zu 48 Prozent, die Erfüllungsquote zu 86 Prozent (Stand November 2017). Erreicht man bei diesen Quoten 90 Prozent, dann bekommt man keine Zuweisungen mehr. 

- Im Oktober vergangenen Jahres erhielt die Gemeinde mit zehn Personen die letzte Zuweisung. 

- Bei der niedrigen Wohnsitzauflagenquote ist bereits angekündigt, dass neue Zuweisungen in diesem Bereich erfolgen werden, sagt die Gemeindeverwaltung. Sicher ist, dass diese neuen Flüchtlinge, die nach Schalksmühle kommen, ein vorläufiges Bleiberecht haben werden.

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