August Zirner: „Ich mag die Intimität einer Lesung“

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August Zirner (vorne) kommt am Freitag mit dem Spardosen-Terzett (im Hintergrund) in das Pädagogische Zentrum an der Primusschule.

Schalksmühle - Gemeinsam mit dem Spardosen-Terzett aus Essen erweckt der Schauspieler und Musiker August Zirner, der einem breiten Publikum aus mehr als 130 Kino- und Fernsehfilmen bekannt ist, Mary Shelleys Kultroman „Frankenstein“ am Freitag, 28. September, zur Eröffnung des Pädagogischen Zentrums der Primusschule zu neuem Leben.

Mit der theatralisch-musikalisch inszenierten Lesung kehren die Kulturveranstaltungen zum Löh zurück. Über die Lesung, die um 20 Uhr beginnt, den 200 Jahre alten Roman und die Frage, wer das eigentliche Monster ist – der Wissenschaftler oder seine Kreatur – sprach AA-Mitarbeiterin Monika Salzmann mit dem Grimme-Preisträger, der als Sohn österreichischer Emigranten in Illinois (USA) aufwuchs.

Sie sind einer der renommiertesten Film- und Theaterschauspieler im deutschsprachigen Raum. Seit wann veranstalten Sie Lesungen und wie viel Raum nehmen diese in Ihrer künstlerischen Arbeit ein? 

Ich mache das schon lange, schon seit 15 Jahren. Ich habe ja diverse eigene Programme. Das fing mit „Diagnose: Jazz“ an – auch das mit dem Spardosen-Terzett. Das ist quasi die Geschichte des Jazz anhand von drei Biographien. Ich bin ja Musikerkind, aber ein Wortliebender. Ich suche neben meiner Theaterarbeit und Filmerei immer Projekte, in denen Sprache und Musik zusammenkommen. Ich mag die Intimität einer Lesung. Bei Frankenstein wissen die Leute nicht, was sie erwartet. Frankenstein ist kein Musical, aber es ist auch keine reine Lesung. Frankenstein ist mehr. Es ist ein Monolog des Wissenschaftlers Viktor Frankenstein. Ich habe den Roman auf 60 Minuten zusammengestrichen. Es geht um den diesen Mann und das Monster. Wobei das Monster nicht das Monster ist, sondern der Wissenschaftler selber. Das ist aber auch im Roman so angelegt. Frankenstein ist ja der Viktor Frankenstein, also der Wissenschaftler, der das Monster geschaffen hat. Er denkt, dass er den Tod überwinden, wie Gott werden kann – und das wird ihm zum Verhängnis.

Was fasziniert Sie an Mary Shelleys „Frankenstein“?

Dass wir alle Angst haben vor dem Tod und nicht wissen warum. Was mich am Frankenstein fasziniert, ist tatsächlich auch, dass eine 18-Jährige vor 200 Jahren einen Roman geschrieben hat, in dem sie die männliche Eitelheit, die männliche Hybris und Machtlust derart unter die Lupe genommen hat. Das Verrückte ist, dass jeder bei Frankenstein an das Monster denkt, an Boris Karloff oder auch Dracula. Der Roman ist jedoch zu mehr als zwei Drittel ein Roman über die verpasste Verantwortung eines Menschen, der etwas geschaffen hat, das Unheil stiftet. Ähnlich wie die künstliche Intelligenz. Das war unser Ausgangspunkt: Wie gefährlich ist künstliche Intelligenz? Ich habe etwas gesucht, was das thematisiert, und dabei sind wir auf Frankenstein gekommen. Meine Behauptung ist, dass es die Gedanken des Wissenschaftlers sind, die Unheil stiften, seine Hybris, dass er klüger ist als das Leben.

Was ist neu an der Art, wie Sie die Schauergeschichte erzählen, und welche Bedeutung spielt die Musik dabei?

Die Musik spielt eine wesentliche Rolle. Es sind alles Eigenkompositionen. Stilistisch geht das Ganze von Bach bis Funk. Es ist sehr elektronisch. E-Piano, E-Bass mit Sound, Schlagwerk und Querflöte. Die Musik übernimmt den Part des unterdrückten Gewissens. Sie spricht den Bereich der Erzählung an, der einfach nicht in Worte zu fassen ist.

Seit wann arbeiten Sie mit dem Spardosen-Terzett zusammen und was macht für Sie den Reiz dieser Zusammenarbeit aus? 

Das Spardosen-Terzett gibt es schon lange. Einige Musiker waren bei Helge Schneider in der Band. Wir haben uns vor etwa 14 Jahren eher zufällig kennengelernt und zusammen das Programm „Diagnose: Jazz“ gemacht. Das ist auch mit einem Erzähler, also mit mir, und Geschichten über Musiker. Und man hört die Kompositionen der Musiker, über die ich erzähle. Das Programm haben wir schon richtig häufig gemacht. Stilistisch sind viele Musikstile vertreten.

Last but not least: Wie kommt ein kleiner Ort wie Schalksmühle zu der Ehre Ihres Besuchs?

Ich bin immer wieder in kleinen Orten, auch durch meine Nebenprogramme. Ich komme dahin, wohin man mich einlädt. Ich freue mich auch drauf. Es ist ein Programm, das man vertreten kann. Es hat auch in anderen Städten funktioniert. Ich mag nicht zuviel verraten, um den Überraschungseffekt nicht zu verderben. Aber es geht um das Gewissen, das wir alle haben, und darum, dass wir viel zu wenig darauf hören. Da ist ein Mann, der weiß, dass das, was er getan hat, nicht richtig ist. Und er kann nicht darüber sprechen, weil er überfordert ist mit dem Eingeständnis, dass das nicht gut ist. Anders gesagt: Jeder von uns macht Fehler, aber wenn man nicht darüber spricht, wird der Fehler immer schlimmer. Das ist eine Aussage, auf die ich aufmerksam machen möchte. Wir alle wissen mehr als wir uns eingestehen, aber wir können das auch korrigieren. Diese Möglichkeit umgeht der Viktor Frankenstein. Er tötet im Grunde seine eigene Liebe.

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