Erinnerungen an das Fest von früher: War da mehr Lametta?

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Jutta Meier, Elke Schinkel, Ursel Müller, Gertraud Anders, Barbara Notzke und Anna Hilpert (von links) erzählen von früher.

Schalksmühle - Laut Loriot war früher mehr Lametta – soll bedeuten: Früher war Weihnachten schöner und besinnlicher. Im Gemeindezentrum Mathagen erinnern sich sechs Schalksmühlerinnen an ihre Weihnachtsfeste in früheren Zeiten.

Und sie erklären, wo wirklich mehr Lametta war und wo nicht.

Wie sah der Weihnachtsbaum früher aus?

 Von Nordmann hat man in den 1930er- bis -50er-Jahren noch nichts gehört. „Eine gute Fichte kam ins Haus“, sind sich alle vier Damen einig. „Und sie musste groß sein – bis zur Decke“, sagt die 88-jährige Anna Hilpert. Gute vier Wochen schmückte der Weihnachtsbaum dann die Stube und ließ sie ein Stück mehr zur „guten Stube“ werden. Geschmückt mit Silberkugeln, Lametta und echten Kerzen war der Baum mehr als nur Weihnachtsdekoration. „Für uns war der Baum schon ein Geschenk.“ 

Und was den Baum betrifft, habe Loriot recht: Es hing mehr Lametta. „Und das wurde einzeln an den Baum gehängt und am Ende in Seidenpapier zurückgelegt“, sagt Barbara Notzke. „Manche sollen es ja sogar gebügelt haben“, wirft Elke Schinkel in die Runde ein. Ein Vorgehen, auf das die vier Damen jedoch verzichtet haben. Die Kugeln aus den 1940er-Jahren existieren indes noch immer: „Die hängen jetzt bei meiner Enkelin am Baum“, sagt Gertraud Anders vom Gemeindezentrum. Ihre Mutter Anna Hilpert erinnert sich zudem noch an glitzernde Vögelchen, die an die Äste geklickt wurden. Abgeholt wurden die Bäume im Gegensatz zu heute allerdings nicht. Der Baum wurde meist noch als Brennholz benutzt. Die 84-jährige Ursel Müller erzählt: „Wir machten daraus immer einen Quirl.“

Welche Geschenke lagen unterm Weihnachtsbaum?

„Nur nützliche Dinge“, sagt Barbara Notzke. Hauptsächlich Socken, Mützen und warme Kleidung. „Meistens selbst gestrickt“, ergänzt Ursel Müller. „Und die Mützen haben so gekratzt“, erinnert sich Jutta Meier. „Ich habe mich immer sehr über Anziehsachen für meine Schildkrötpuppe gefreut“, sagt Jutta Meier, „und einmal bekam ich einen Schlitten geschenkt. 

Da habe ich mich so gefreut, dass er nachts mit an mein Bett musste, damit ihn mir auch keiner mehr nehmen konnte.“ Auch Ursel Müller erinnert sich an ein ganz besonderes Geschenk, das sie von einer Bäuerin bekam, auf deren Hof sie kurzzeitig lebte. „Ich bekam ein wunderschönes Kleid und ich erinnere mich noch heute an den schwarzen Samtrock und die weiße Bluse mit Zackenspitze.“ So eine Fülle an Geschenken wie heute habe es damals nicht gegeben. Es sei auch nicht um Geschenke gegangen, sondern ums Zusammensein. „Die eigentlichen Geschenke waren der Baum und die Plätzchen“, sind sich alle einig. Und das Geschenkpapier wurde immer für das kommende Fest gebügelt und aufbewahrt.

Welche Plätzchen wurden gebacken? 

„Ich habe immer zehn verschiedene Sorten gebacken“, sagt Anna Hilpert. „Meine Schwester sogar 30 verschiedene.“ Als Kinder durften alle beim Ausstechen mithelfen und auch mal naschen, aber erst zu Weihnachten durften die Kekse wirklich gegessen werden. „Jeder bekam dann einen Teller voller Kekse“, sagt Jutta Meier. „Und erst kurz vor Weihnachten hat meine Mutter die Plätzchen mit Zuckerguss verziert.“ Freudig erinnern sich die vier an den Augenblick, als sie den Teller voller Süßigkeiten an Weihnachten bekamen. „Für uns war das etwas ganz Besonderes. Heute haben Kinder das ganze Jahr über Süßigkeiten zur Verfügung.“

Wie sah der Adventskranz aus? 

"Ein Adventskranz war schon etwas ganz Besonderes“, sagt Barbara Notzke. „Aber wenn, dann nur mit roten Kerzen.“ Die aus Bayern stammende Anna Hilpert wendet ein: „In Bayern nur weiße Kerzen.“ Auch ansonsten wurde die Wohnung nicht sehr weihnachtlich geschmückt. „Heute hat jeder Lichter an den Fenstern, aber das gab es damals alles noch nicht.“

Was hatten die Briefträger zu tun? 

Viel weniger als heute. Anna Hilpert und ihr Mann waren ab 1958 Briefträger in Schalksmühle. „Es gab einen einzigen Wagen für Pakete.“ Für die Weihnachtszeit auch in Zeiten ohne Online-Shopping zu wenig. „Wir haben jedes Jahr 30 Pakete zu unserer Familie in den Osten geschickt“, sagt Barbara Notzke. „Für meine Mutter fing Weihnachten erst an, wenn alle Pakete abgeschickt waren.“ Und es kamen auch viele Pakete nach Schalksmühle – zwar keine Bestellungen, aber Geschenke von Freunden und Verwandten, die zu Weihnachten nicht kommen konnten. „Die Pakete aus dem Osten rochen alle gleich“, sagt Elke Schinkel. Das kann auch Notzke bestätigen. „Den Geruch würde ich immer wieder erkennen.“ Besonders gefreut hat sich Hilpert über die vielen Geschenke, die sie von den Menschen bekam, denen sie die Weihnachtspost brachte.

Welches Essen gab es zu Weihnachten?

Bei Anna Hilpert gab es traditionell eine Weihnachtsgans, bei Ursel Müller Schlesische Bratwurst mit Kartoffelbrei und Sauerkraut. „Das gibt es heute noch an Heiligabend“, sagt Anders. Die Familie Barbara Notzke hatte eine Metzgerei und es gab immer Kaninchen.

Mit wem wurde Weihnachten gefeiert? 

Weihnachten wird heute häufig von Stress und Streit begleitet. Auch die Großeltern in den zwei Weihnachtstagen unterzubekommen, scheint für viele schwierig und der „Mühe“ nicht wert zu sein. „Früher war es Tradition, dass sich alle gesehen haben. Meistens lebten bereits drei Generationen unter einem Dach.“ Aber auch für Tanten und Onkel wurde die Wohnung so umgeräumt, dass alle noch einen Platz fanden, erinnern sich die Schalksmühlerinnen. Für die Kinder sei das Sofa dann meist Tabu gewesen.

Wie wichtig war der Gottesdienst?

Sehr wichtig. Anna Hilpert musste sogar schon als kleines Kind bei Wind und Wetter vier Kilometer bis zur Kirche laufen, um am Gottesdienst teilzunehmen. „Das gehörte einfach dazu.“ Und der Gottesdienst begann erst um 24 Uhr. Zudem wurden zu Weihnachten auch meistens Lieder gesungen. Klassiker wie „O, Tannenbaum“, „O, du Fröhliche“ und „Ihr Kinderlein kommet“ durften nicht fehlen.

Gab es auch damals schon einen Adventskalender?

Heute kann man schon für Adventskalender mehr Geld ausgeben als für Weihnachtsgeschenke. Ob mit Schokolade oder Spielzeug, für Jung oder Alt. Adventskalender liegen im Trend. „Meine Enkelin hat dieses Jahr auch einen von einer Figur aus dem Fernsehen für rund 30 Euro“, erzählt Elke Schinkel. Früher hatten die Damen einen Kalender, den man an Fensterscheiben kleben konnte. Öffnete man ein Türchen, konnte man sich an einem Bild auf Pergament und mit Glitzer erfreuen. „Irgendwann hieß es dann, Glitzer sei giftig und dann kamen in den Fünfzigern die Adventskalender mit Schokolade“, sagt Schinkel.

Was war früher besser?

Die Runde ist sich einig: Früher war Weihnachten besinnlicher. Zudem sei heute alles zu selbstverständlich geworden – sogar, dass der Weihnachtsmann alle Geschenke besorgen wird. „Im Fernsehen war ein Kind, das sich vom Nikolaus ein Handy gewünscht hat – das ist doch nicht normal“, sagt Ursel Müller. Auch der Weihnachtsstress sei damals nicht vergleichbar mit heute gewesen. Heute gehe im Weihnachtsstress die ganze Vorfreude verloren.

Was ist heute besser?

Weihnachten sei heute nicht mehr so, wie es in der Erinnerung der sechs Frauen einmal war. Die Zeiten haben sich gewandelt. „Dass es die Berliner Mauer nicht mehr gibt, ist auf jeden Fall besser“, sagt Barbara Notzke. „Heute gibt es keine vergleichbaren finanziellen Sorgen und Nöte mehr – jeder wird satt.“ Aber zu sehr bemerken alle, dass der wahre Hintergrund von Weihnachten immer mehr verloren geht. Es sei Zeit, sich zu besinnen.

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