„Keine Anziehungskraft“ - Darum ist der Ortskern so trist

+
Kaum Geschäfte und leere Gehwege: Der Schalksmühler Ortskern hat seine Anziehungskraft verloren.

Schalksmühle - Leere Geschäftsräume und kaum Menschen unterwegs. Bernd-Martin Leonidas von der Bauverwaltung weiß, woran es im Ortskern hakt. Es fehlt Schalksmühle an Anziehungskraft.

Herr Leonidas, Sie haben ein Konzept aufgestellt, das sich mit der Attraktivität, Frequenz und Kaufkraft im Zentrum beschäftigt. Woran hakt es im Ortskern? 

Wir haben dort zu wenig Frequenz und damit zu wenig Kaufkraft. Das hat viele Gründe. Angefangen vom Einkaufszentrum auf der grünen Wiese, über den Online-Handel bis hin zum demografischen Wandel. Das ist aber nicht nur ein Problem von Schalksmühle. 

Warum ist der Ortskern nicht attraktiv, wieso wird er wenig frequentiert und warum wird dort so wenig eingekauft? 

Früher sind wir in den Ortskern gefahren, weil wir „Was“ kaufen wollten und die Chance, es in unserem Dorf zu bekommen, sehr groß war. Die Vorzeichen haben sich geändert. Wir leben heute in einer gesättigten Gesellschaft und wissen mit Hilfe des Internets, wo wir was kaufen können. Durch den Online-Einkauf muss ich nicht das Haus verlassen. Heute ist die Frage doch: „Wo fahren wir zum Einkaufen hin?“ Die Antwort: „Wir fahren in einen Ort, der attraktiv ist.“ Weil es zum Beispiel dort ein gewisses Angebot an Geschäften oder Gastronomie gibt, weil der Ort mir eine gewisse Aufenthaltsqualität bietet, weil ich dort verweilen kann, und – heute auch ein ganz wichtiger Faktor – weil ich guten Zugang zum Internet habe. Nachrichten checken, Produkte vergleichen und Fotos von dem Eingekauften sowie dem attraktiven Ort an meine Netzwerke versenden, ist heute Gang und Gäbe. Leider haben wir in Schalksmühle diese Anziehungskraft aktuell nicht mehr. Das heißt im Umkehrschluss, dass Frequenz und Kaufkraft ausbleiben und unsere Geschäfte nicht wirklich wirtschaftlich handeln können. 

Was kann in Schalksmühle dagegen grundsätzlich getan werden? 

Wir müssen die Frequenz und damit Kaufkraft zurück in unseren Ort holen. Wir haben gute Dinge, die die Bürger und Gäste begeistern und zum Wiederkommen animieren. Von denen sie erzählen oder posten könnten, weil sie einmalig, unverwechselbar und attraktiv sind. Wir müssen sie aber herausarbeiten und qualifizieren. 

Kann man die weit zurückliegenden Ursachen auf den Punkt bringen? 

Wir haben es versäumt, uns als zweites Standbein den Tourismus in der Region zu bewahren. Früher kamen die Menschen aus den Ruhrmetropolen vermehrt zu uns. Wir waren als „grüne Lunge des Ruhrgebietes“ bekannt. Auch die Niederländer und viele andere kamen aus dem Flachland zu uns, um im nahe gelegenen Mittelgebirge zu rodeln oder Ski zu fahren. Nicht nur Schalksmühle, das Märkische Sauerland allgemein, hat sich im Touristischen kaum weiterentwickelt. Auch hier zeigt das Internet heute den Menschen auf einen Klick andere, vermeintlich bessere Alternativen auf. So fahren alle an uns vorbei. Das müsste nicht sein. Es liegt an uns, daran etwas zu ändern. Jeder kennt den Satz: Tourismusförderung ist Wirtschaftsförderung. Jeder weiß, dass wir hier eine große Anzahl an hervorragenden Arbeitgebern haben. Wenn wir es schaffen, dass man in Schalksmühle nicht nur gut arbeiten, sondern auch gut leben, sprich gerne in den Ort gehen und dort Menschen treffen kann, dann hätten wir viel gewonnen. Alles, was für Touristen gut ist, ist im Prinzip auch für den Bürger und den Unternehmer gut. Wenn das so wäre, hätte unsere Wirtschaft auch kein Problem, Fachkräfte zu bekommen. Aber ich bin guter Dinge, dass wir den Negativtrend umkehren können. 

Warum sind Sie mit Blick auf die Zukunft so zuversichtlich? 

Bernd-Martin Leonidas.

Wir haben mit dem Freizeit- und Tourismusverband des Märkischen Sauerlandes (FTV) einen Markenprozess gestartet, haben die Entwicklungen aus der Vergangenheit aufgearbeitet und sind jetzt dabei, den Tourismus im Märkischen Sauerland professionell aufzustellen. Auf der Ebene Oben an der Volme haben wir einen Freizeit- und Naherholungsbeauftragten eingestellt, der zusammen mit den Touristikern in den Kommunen die touristischen Aktivitäten bündelt und vorantreibt. Einen Gast interessiert letztendlich keine Gemeindegrenze. Er möchte vielfältige Angebote und Erlebnisse, die wir zweifelsohne haben. Ich bin guter Dinge, dass wir in 15 Jahren unseren festen Platz im Sauerland-Tourismus haben und stärker frequentiert werden. Wenn jeder Tagesgast laut Statistik 24,60 Euro in Schalksmühle lässt, kann man sich schnell ausrechnen, was wir an Mehrumsatz generieren könnten oder auf was wir aktuell verzichten. 

Es gab ja bereits vonseiten der SPD-Ratsfraktion Vorschläge zu Aufwertung des Ortskerns. Welche Maßnahmen können vonseiten der Gemeinde und auch von den Einzelhändlern ergriffen werden? 

Die vorgeschlagenen Maßnahmen gehen als Ergänzung beziehungsweise Fortführung zu den hier in den vergangenen Jahren bereits veranlassten Maßnahmen wie die Aufwertung des Ortskerns oder das Fassadenprogramm meines Erachtens in die richtige Richtung. Inwieweit sie umgesetzt werden können, muss geprüft werden. Aber der Fokus in der Frage auf den Einzelhandel und Gemeindeverwaltung ist aus meiner Sicht schon nicht richtig. Wie gesagt: Wir fahren heute dahin, wo es schön ist. Und wenn ich das mit einem Einkauf, einem Kaffee oder Eis verbinden kann, dann ist das umso besser. Wir können viele Dingen tun, um den Ortskern schön zu machen. Meines Erachtens ist es wichtig, ein mit allen Akteuren abgestimmtes Gesamtkonzept zu schreiben, das uns Orientierung gibt und sagt, welche Projekte, in welcher Form bevorzugt umgesetzt werden sollten. 

Welche Chancen bieten Förderprogramm wie die Regionale 2025? 

Gibt es bereits Ansatzpunkte der Verwaltung? Die Förderprogramme bieten immer große Chancen. Sowohl die Regionale 2013 als auch das Leader-Programm haben ganz tolle, vielfältige Projekte hervorgebracht, die ohne diese Fördermittel nicht umsetzbar gewesen wären. Ressourcen, Personal und Geld sind bei Kommunen bekanntlich sehr begrenzt. Und es ist auch wichtig, zu wissen, dass aktuell „Die Stadt schön machen“ eine freiwillige Aufgabe einer jeden Kommune ist. Die Oben-an-der-Volme- Beteiligten werden sich mit einem Konzept für die Regionale 2025 bewerben. Dieses fußt auf der Ideenwerkstatt, die die fünf Kommunen im Frühjahr dieses Jahres mit ihrer Bürgerschaft initiiert haben. Unter anderem sind hier auch die Ideen zum Thema „Lebendige Orte“ verarbeitet, das ja Attraktivitätssteigerung und Aufwertung der Ortskerne zum Inhalt hat. 

Was kann der Bürger tun, um seinen Ort zu einem blühenden Handelszentrum zu machen? 

Der Bürger sollte die Produkte, die er im Ort bekommt, auch dort kaufen. Das sollte er nicht nur deshalb tun, um den Handel zu unterstützen. Er sollte es auch deshalb tun, damit weiter Arbeits- und Ausbildungsplätze im Ort bleiben, damit Vereine Sponsoring oder Preise für ihre Tombola bekommen oder die Händler und die Gemeinde über die höheren Gewerbesteuereinnahmen in den Ort investieren können. Zudem wäre es gut, wenn eine gewisse Mitmachkultur aufleben würde. Wenn diejenigen, die Immobilien im Ortskern haben, dort wohnen oder arbeiten, sich Gedanken machen würden, was sie selber für einen Beitrag leisten könnten. Ich denke da zum Beispiel ganz banal an Unkraut wegmachen oder wertige Blumen pflanzen. Und wenn wir es geschafft haben, dass Schalksmühle diese Anziehungskraft hat, dann wäre es schön, wenn die Schalksmühler zahlreich in das „Wohnzimmer ihres Ortes“ kommen, hier verweilen, einkaufen und anderen erzählen, wie schön es hier ist. 

Sind Partizipationsmöglichkeiten für die Bürger in Form von Workshops oder Ähnliches geplant? 

Wir haben zur Regionale 2013, zu Beginn der Leader-Periode und im Frühjahr zur Regionale 2025 seitens der Kommunen zahlreiche Partizipationsmöglichkeiten mit den Bürgern angestoßen. Und das, wie ich finde, mit sehr guten Ergebnissen. Aktuell geht es um die Frage, ob wir mit dem daraus entstandenen Konzept bei der Regionale 2025 erfolgreich sind und den ersten Stern bekommen. Erst dann können wir weitere Schritte einleiten. Da, wo es wichtig, nötig oder auch gewünscht ist, werden wir den Dialog suchen und Workshops initiieren. Ein Hinweis zu Partizipationsmöglichkeit: Grundsätzlich ist jeder Bürger, jeder Verein, jede Organisation und jedes Unternehmen zu jeder Zeit eingeladen, sich zu beteiligen. Der Stadtmarketingverein bietet zum Beispiel ein Forum dafür und arbeitet eng mit der Gemeinde zusammen. Alle Menschen, die mitmachen und mit ihren Ideen dazu beitragen wollen, aus der Gemeinde eine Marke zu machen, sind willkommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare