„Sein Körper war in einem fürchterlichen Zustand“

SCHALKSMÜHLE ▪ Fünf Tage hatte ein Schalksmühler in einem Zimmer ohne ausreichend Flüssigkeit und Essen verbracht. Völlig ausgetrocknet und unterernährt hatte ihn seine Schwester schließlich aufgefunden. Am Donnerstag musste sich der 52-jährige Bruder des Mannes im Lüdenscheider Amtsgericht vor einem Schöffengericht wegen Körperverletzung und Aussetzung verantworten. Das Verfahren wurde vorläufig eingestellt.

Seit Anfang 2011 soll der Angeklagte seinen jüngeren Bruder mehrfach mit der Hand und einem Stock geschlagen und ihn von der mittleren Stufe einer Treppe geschubst haben. Die Vorwürfe stritt der Schalksmühler am Donnerstag ab: „Ich habe ihn vielleicht mal geschlagen, aber das war nicht 2011.“

Des Weiteren soll der Angeklagte seinen Bruder vom 8. bis zum 13. Dezember 2011 ohne ausreichende Versorgung in einem Zimmer gelassen haben. Damit soll er sich einer Aussetzung strafbar gemacht haben. In seiner Einlassung erklärte der Schalksmühler, er habe seinen Bruder am 8. Dezember im Stall gefunden, wo der Geschädigte gestürzt war: „Er hat gesagt, dass er nicht richtig gehen konnte.“ Daraufhin habe der Angeklagte seinen Bruder in dessen Zimmer im oberen Stock des Hauses gebracht und ihm eine Flasche Mineralwasser hingestellt. Tags darauf habe er morgens ins Zimmer geschaut. „Er lag im Bett und hat geschlafen. Dann habe ich mich nicht weiter um ihn gekümmert.“ Zwei Tage nach dem Sturz sei sein zweiter Bruder zu Besuch gekommen. Der habe nach dem Geschädigten, der seit dem Sturz das Zimmer nicht verlassen hatte, geschaut und berichtet, dass er rauchend auf seinem Bett sitzen würde. Erst am vierten Tag – der Geschädigte war noch immer nicht aus dem Zimmer gekommen – habe der Angeklagte eine weitere Flasche Wasser und zwei Schnitten Brot zu seinem Bruder gebracht. Da dieser aber offenbar wieder schlief, sei er sofort wieder gegangen. „Ich habe mir keine Sorgen gemacht, weil er ja öfter Tage lang nicht runter kam. Er hat immer viel Alkohol getrunken“, gab der Schalksmühler am Donnerstag an. Am fünften Tag nach dem Sturz habe seine Schwester den jüngeren Bruder aufgefunden und einen Krankenwagen gerufen.

Der Geschädigte machte am Donnerstag von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch und schwieg. Im Gegensatz zu einer Polizeibeamtin die damals kurz nach den Sanitätern beim Geschädigten eingetroffen war: „Er lag auf einem Teppich im Bett – komplett nackt. Sein Körper war in einem fürchterlichen Zustand. Er war dehydriert und unterernährt. Sein Körper war von blauen Flecken übersät. Es sah nach schweren Misshandlungen aus. Der Raum in dem er lag war stark verdreckt. Überall war Kot und Urin verteilt.“ Ein Rechtsmediziner erklärte am Donnerstag, dass der Geschädigte mit völlig trockener Zunge und trockenen Schleimhäuten ins Krankenhaus eingeliefert worden sei, was Zeichen für eine Dehydration seien, die apathisch mache und bei Nichtbehandlung lebensbedrohlich sei. Zudem wurden eine Entzündung des Rückenmarks, eine Unterentwicklung des Kleinhirns und erhöhte Leberwerte festgestellt. Dies seien typische Folgen längeren Alkoholkonsums. Aufgrund der Entzündung sei es auch manchmal zu Lehmungserscheinungen gekommen. Die zahlreichen blauen Flecken seien laut Experte nicht durch den Sturz im Stall entstanden, sondern eher durch Tritte oder Schläge, auch mit stumpfen Gegenständen.

Da der Geschädigte am Donnerstag keine Angaben zu den Vorwürfen machen wollte, und damit die Schuldfrage des Angeklagten nicht geklärt werden konnte, entschied das Gericht schließlich, das Verfahren gegen den Schalksmühler vorläufig einzustellen. Zahlt er bis zum 30. März 1500 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung, wird das Verfahren endgültig eingestellt. ▪ Jana Peuckert

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