Wenn der Schulweg zur Horrorfahrt wird...

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Eine Familie aus Schalksmühle beklagt sich über die extrem langen Schulwege ihrer Kinder. Teilweise ist der Nachwuchs drei Stunden jeden morgen und jeden Nachmittag unterwegs.

Schalksmühle - Um 4.30 Uhr klingelt jeden Tag in der Woche bei Familie B. (Name von der Redaktion anonymisiert) der Wecker. Der Grund für das frühe Erwachen: Die Kinder würden, wenn sie sich später auf den Weg machen würden, den Bus zur Schule verpassen und damit zu spät zum Unterricht kommen.

Diese Situation zerrt an den Kräften aller Familienmitglieder. Die Familie B. zog im Oktober 2017 nach Schalksmühle. Sie musste aus ihrer alten Wohnung in Lüdenscheid ausziehen, weil das Leitungswasser mit Keimen verseucht war und in mehreren Räumen Schimmel an den Wänden gefunden wurde, so berichtet die Mutter. „Der Umzug war aber nicht Hals über Kopf. Wir haben uns schon früh darum gekümmert, dass die Kinder direkt nach den Sommerferien zur Schule gehen können.“ 

Im Umkreis von 150 Kilometern um die Bergstadt herum hat sich die Familie nach einer neuen Bleibe umgesehen. Beim 59. Objekt, das sie sich angeschaut hatte, wurde sie fündig – bei einem Einfamilienhaus in Schalksmühle. Doch der Wunsch, dass alle Kinder in der Gemeinde zur Schule gehen können, ging nicht in Erfüllung. So stehen jeden Morgen und Nachmittag für zwei der vier Kinder teilweise extrem lange Schulwege an. Der 14-jährige Sohn geht auf die Sekundarschule in Nachrodt-Wiblingwerde. Er nimmt den Bus um 5.15 Uhr, damit er pünktlich um 8 Uhr in der Schule ist. Bei Schnee und Eis, wenn die Busse nicht fahren, dann verpasst er den Unterricht; dabei hat er schon viele Fehlstunden, wie die Mutter berichtet. Zudem strengen ihn die vielen Kilometer so sehr an, dass an Hausaufgaben nach der Schule oder Aktivitäten in einem Sportverein nicht zu denken ist. „Er schläft teilweise schon vor dem Abendessen ein“, erklärt der Stiefvater. 

Auf der Warteliste der Primusschule 

Zwar steht er auf der Warteliste der Primusschule, aber die Aussichten auf Aufnahme seien schlecht, so gibt die Mutter die Aussage der Schule wieder. Auch den anderen Kindern ergeht es nicht besser. Der sechs Jahre alte Sohn darf zum Glück auf die Grundschule Spormecke gehen. Er wäre sonst in Lüdenscheid-Geveldorf eingeschult worden. Dennoch muss auch er früh aufstehen, da das Auto der Eltern kaputt ist und sie so jeden morgen mit dem Kleinen mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Schule fahren. Die Eltern hoffen, dass auch die fünfjährige Tochter im nächsten Jahr auf die Schule in Heedfeld gehen darf. 

Auch der 13-jährige und dritte Sohn muss auf seinem Schulweg mehrere Kilometer auf sich nehmen. Doch der Schüler leidet immer wieder an epileptischen Anfällen und dürfte eigentlich nicht alleine zur Schule fahren. Doch den Eltern bleibt nichts anderes übrig. Sogar beim Schulministerium in Berlin hat Familie B. um Hilfe gebeten. Doch sowohl da, als auch bei der Bezirksregierung Arnsberg, den betroffenen Städten und Gemeinden oder beim Kreis konnte man den Schalksmühlern nicht helfen. „Zwar haben wir Rechtsanspruch auf einen Schulplatz, wurde uns gesagt. Aber wenn die Einrichtungen voll sind, dann könne man nichts machen, so die Antwort der angeschriebenen Stellen“, schildert die Mutter. 

Spirale der Widerstände

Man drehe sich im Kreis. Durch die Krankheit des Stiefvaters und dem Ausbleiben des Arbeitslosengeldes komme man nicht voran. „Ohne das Geld können wir uns kein neues Auto leisten. Damit wären die Schulwege wesentlich stressfreier. Doch das hängt vom Arbeitsamt ab“, erklärt der Stiefvater. Alleine die Busfahrten kosten für die beiden Erwachsenen, die ihre Kinder morgens begleiten und so die Horrorfahrten etwas abmildern wollen, 250 Euro im Monat. Rund 40 Stellen habe die Familie kontaktiert, doch helfen konnte niemand. „Die Situation sorgt selbstverständlich auch für Spannungen bei uns. Die Frustrationsschwelle ist schnell erreicht“, so der Stiefvater.

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