Roger Willemsen beeindruckt Schalksmühler

Viel Zeit hatte Roger Willemsen für die Besucher des ausverkauften Pädagogischen Zentrums.

SCHALKSMÜHLE ▪ „Wenn Du den Wald so sehen willst, wie er ist, musst du dich tot stellen.“ Dieses Zitat eines Jägers hat sich Roger Willemsen zu einem wichtigen Leitsatz seiner Reisen gemacht. Er will nicht nur Tourist sein, Trophäen sammeln und Sehenswürdigkeiten abklappern.

Er möchte vielmehr sich selbst unsichtbar machen, um die wahrhaftige Ausstrahlung eines Ortes, seine Aura sowie das tatsächliche Wesen seiner Menschen zu spüren und zu ergründen. Auf diese Weise bereiste Willemsen viele „Enden der Welt“ und gewann faszinierende Einblicke, die „Otto-Normalurlauber“ meist verborgen bleiben und die er in seinem neuesten Buch verewigte.

Die Aula des Pädagogischen Zentrums Löh war ausverkauft, als Roger Willemsen am Samstag seine Lesung startete, die auf Initiative der Bücherei Schalksmühle stattfand. Vor der Veranstaltung trug sich der Autor ins Goldene Buch der Gemeinde ein. Am Rednerpult erwies er sich dann als Erzähler im wahrsten Sinne des Wortes, denn zum Vorlesen kam der bekannte Publizist den ganzen Abend lang nicht.

Stattdessen sprudelten die Geschichten und Erlebnisse in geschliffener, blumenreicher Sprache aus ihm heraus, einerseits in lockerem Plauderton, andererseits mit schriftreifer sprachlicher Präzision. Eine ganz besondere Reise stand dabei am Anfang: eine Gedankenreise, die der Autor mit einem Kind unternahm, das unheilbar krank und dem Tod nahe war.

„Ich habe fortan immer an die Möglichkeiten gedacht, die dieser Junge nicht gehabt hat“, erklärte Willemsen und nahm den Zuhörer mit auf seine Odyssee. Da trifft der Globetrotter bei einer Bahnfahrt durch das diktatorisch regierte Burma ein Buchbinderehepaar, dem der lang ersehnte Blick auf das Meer verwehrt wurde. In Timbuktu knüpft er pantomimisch Kontakt mit einem Jungen und gibt schließlich dem Bedürfnis nach, ihm eine Banknote zu schenken. In Afghanistan fällt dem Reisenden im Hotelzimmer unvermittelt ein Inlay aus dem Mund, das er trotz intensiver Suche nicht wieder finden kann. Erst viele Kilometer weit entfernt in einer Unterkunft in Kabul taucht das Gebissteil in einem verfilzten Flokati wieder auf – eine Theorie, auf welche Weise das Teil dorthin fand, hat der Autor nicht.

In einem heruntergekommenen Restaurant in Afghanistan trifft Willemsen schließlich auf einen Wirt, der ihn auf einen von Deutschen errichteten Staudamm aufmerksam macht, der inzwischen marode ist. „Mach’ ihn wieder heil“, sagt er zu ihm. Willemsen nimmt sich die Aufforderung zu Herzen und spricht mit dem deutschen Botschafter, der tatsächlich erklärt, sich um die Sache zu kümmern. „Später erfuhr ich aus der Zeitung, dass in der Gegend ein Staudamm saniert wurde“, erinnert sich der Autor.

Bei solchen mal vergnüglichen, mal bewegenden Geschichten verging die Zeit wie im Fluge. Im Anschluss ließ sich Roger Willemsen noch viel Zeit, sein aktuelles Buch zu signieren und mit den Besuchern zu sprechen.

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