Viele Menschen haben Süchte

Eine Kiste Bier am Tag - das Thema Sucht

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Die Referenten Deniz Vorhoff und Christian Hütt (rechts) waren zu Gast im Seminarhaus NRW in Dahlerbrück.

Dahlerbrück -  Die Sucht hat viele Gesichter. Bei genauerer Betrachtung gibt es kaum einen Menschen, der sich vollkommen von Süchten freisprechen kann. So ist es heute und so war es früher.

Denn neben der Drogensucht, die viele im ersten Moment fast ausschließlich mit dem Thema assoziieren, existieren noch mannigfaltige weitere Suchtformen. Allein 15 Millionen Menschen in Deutschland sind nikotinabhängig, 2,5 Millionen Menschen sind süchtig nach Alkohol und 1,8 Millionen nach Medikamenten. Aber auch andere Süchte wie Spielsucht, Social-Media-Sucht, Sexsucht oder die Abhängigkeit von Zucker oder Koffein bestimmen das Leben vieler Menschen. 

Im Rahmen des Suchtsamstages im Seminarhaus Dahlerbrück referierten Deniz Vorhoff und Christian Hütt zu diesem Thema. Beide sprechen aus eigener Erfahrung. Während Deniz Vorhoff an einer Essstörung, der Bulimie (Ess-Brechsucht) leidet, konsumierte der heutige Suchtberater Christian Hütt nach eigenen Angaben zwischen seinem 21. und 32. Lebensjahr vieles, was der Markt an Drogen und Medikamenten hergibt. 

Eine Kiste Bier am Tag

„Zunächst einmal war ich Alkoholiker, habe auf dem Höhepunkt meiner Alkoholsucht täglich eine Kiste Bier und zusätzlich auch härteren Alkohol konsumiert“, erklärt Hütt. Hinzu kamen Substanzen wie Amylnitrit, besser bekannt als „Poppers“, Clenbuterol, das als Dopingmittel im Leistungssport bekannt ist und ansonsten bei der Kälbermast verwendet wird, sowie Ephedrin und andere Medikamente. „All diese Dinge habe ich etwa drei Jahre lang konsumiert“, erklärt Hütt. Hinzu kam ein sieben Jahre langer Kokainkonsum. 

Nachdem Hütt mit 33 Jahren eine Panikattacke erlitt und daraufhin zum Arzt ging, sagte der ihm: „Wenn du an deinem Leben nicht umgehend etwas änderst, wirst du zur männlichen Christiane F.!“ Dieser Satz rüttelte Christian Hütt wach. „Ich wollte leben und habe meinen Konsum von einem Tag auf den anderen von hundert auf null runtergefahren“, erinnert sich der Suchtberater. Die größte Herausforderung sei dabei für ihn die Überwindung der psychischen Abhängigkeit vom Kokain gewesen. 

20.000 Kalorien bei Fressattacke

Deniz Vorhoff schilderte indes in eindringlicher Weise ihr Leben mit der Ess-Brech-Sucht. Menschen, die an dieser Erkrankung leiden, können im Rahmen einer Fressattacke bis zu 20 000 Kalorien in kurzer Zeit zu sich nehmen, um die Nahrung wenig später wieder zu erbrechen. Den Menschen in ihrer Umgebung verheimlichen sie ihre Sucht, so auch Deniz Vorhoff, deren Mutter erst nach zwei Jahren erkannte, dass ihre Tochter an einer Essstörung leidet. Befördert werden Essstörungen häufig auch durch Gruppen im Internet, in denen Magermodels mit krankhaftem Untergewicht als Schönheitsideal stilisiert und Anleitungen veröffentlicht werden, wie man sich selbst zum krankhaften Untergewicht herunterhungern kann. 

Beide Referenten haben ihre Süchte heute im Griff, was jedoch nicht heißt, dass diese überwunden sind. Das Verlangen, weiterzumachen, ist hin und wieder noch immer da und wird wohl auch nie ganz verschwinden, sind die beiden überzeugt. 

Shakespeare war ein Kiffer

Dass die Sucht nicht nur ein Thema der modernen Gesellschaft ist, sondern zu allen Zeiten und in allen Gesellschaftsschichten etabliert war, zeigten die beiden an unterschiedlichen Persönlichkeiten, die allesamt süchtig waren. Sei es Beethoven, der massiv dem Alkohol zusprach, Shakespeare, der kiffte, Friedrich der Große, der süchtig nach Tabak in jeder Form war, Kaiserin Sissi, die an Essstörungen litt, oder gar Hermann Göring, der Morphium-abhängig war – die Sucht kann einfach jeden treffen.

Drei Zuhörer konnten die Spezialbrillen testen. Das zeigte, wie Alkohol in verschiedenen Stadien die Kontrolle über den eigenen Körper einschränkt.

Wie der Konsum von Alkohol in unterschiedlichen Stadien die Kontrolle über den eigenen Körper sowie die Reaktionsfähigkeit vermindert, konnten drei Zuhörer an diesem Nachmittag schließlich anhand von Spezialbrillen hautnah erleben. Bereits bei geringem Rest-Alkohol von 0,3 bis 0,5 Promille waren manche Reaktionen der Testteilnehmer sowie der berühmte Gang über eine gerade Linie mit Einschränkungen verbunden. Mit weiteren Promillen war noch weniger möglich.

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