Premiere von "Terror"

Das Publikum entscheidet: Schuldig oder unschuldig? 

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Mit ihren bohrenden, ins Mark treffenden Fragen lockte die von Simone Thewes verkörperte Staatsanwältin (rechts) Zeugin Felicitas von Biedersee aus der Reserve bei der Premiere von „Terror“ der Theaterwerkstatt Schalksmühle. Foto: j. Salzmann

Schalksmühle - 164 Tote, aber 70 000 dafür gerettet. Schuldig oder unschuldig? Über diese Frage musste das Publikum bei der Aufführung von "Terror" entscheiden. Und so haben sie entschieden.

Reichlich Stoff zum Nachdenken und für kontrovers geführte Diskussionen gab die Theaterwerkstatt Schalksmühle am Samstag bei der Premiere ihres neuen Stücks, Ferdinand von Schirachs „Terror“, das das Publikum im Pädagogischen Zentrum der Primusschule zu Schöffenrichtern machte. 

Gebannt verfolgten die Besucher die Gerichtsverhandlung, in der das Schöffengericht über Schuld oder Unschuld des Angeklagten Lars Koch, Major der Luftwaffe, zu befinden hatte. Kochs Vergehen: der Abschuss eines von einem Terroristen entführten Zivilflugzeugs der Lufthansa im Anflug auf die ausverkaufte Münchner Allianz Arena. Motiv seiner einsamen, eigenmächtig getroffenen Entscheidung, mit der er 164 Menschen tötete: die Rettung von 70 000 Menschen vor einem Terroranschlag gigantischen Ausmaßes. 

Kann Leben gegen Leben aufgewogen werden?

Ob Leben gegen Leben aufgewogen werden darf, mussten die Zuschauer bei der packenden Inszenierung, die bei der Premiere mit einem mit Spannung erwarteten Freispruch für den von Hendrik vom Heede brillant verkörperten Angeklagten endete, entscheiden. 

Das Publikum entscheidet

38 Schöffen sprachen sich für eine Verurteilung, 63 für einen Freispruch des Majors aus. Mucksmäuschenstill war es im Saal bei der  bemerkenswerten ersten Regiearbeit von Anke Schneider, die die Atmosphäre eines Gerichtssaals authentisch einzufangen wusste. Nichts – weder das nüchterne Bühnenbild noch eine fortlaufende Handlung – lenkten ab von der Wucht des gesprochenen Worts und der Schwere der Entscheidung. 

Stille, Ohnmacht und gute Inszenierung

Durch und durch Soldat, sah Hendrik vom Heede als Angeklagter dem Urteilsspruch gefasst entgegen. Als Richter leitete Uwe Baumann neutral und unparteiisch die Verhandlung, die ein beklemmendes Gefühl der Ohnmacht hervorrief. Stark gespielt und beide auf ihre Weise überzeugend waren die Plädoyers des Verteidigers (Sven Schneider) und der Staatsanwältin (Simone Thewes). Letztere warf mit ihren bohrenden Fragen zudem Fragen nach der Schuld und Untätigkeit anderer auf. Warum die Arena nicht geräumt wurde, blieb ungeklärt. Eine Antwort darauf konnte selbst Zeugin Felicitas von Biedersee, die die Ereignisse aus Sicht des Führungsstabs schilderte, nicht geben. 

Sven Schneider (links) – im Bild mit Hendrik vom Heede - hielt als Verteidiger ein starkes Plädoyer.

Hätten die anderen auch geschossen?

Kleinlaut musste sie am Ende zugeben: „Vermutlich hätte auch ich die Lufthansamaschine abgeschossen.“ Schwer zu ertragen war das Leid von Nebenklägerin Claudia Baumann, die ihren Mann bei dem Abschuss verlor. Im Raum stand die Frage, ob die Passagiere es nicht doch geschafft hätten, den Terroristen zu überwältigen. Vervollständigt wurde das gefeierte Ensemble von Ben von Biedersee (Justizbeamter), Anne Chmielek (Gerichtsschreiberin), Miriam Baumann (Souffleuse) und Florian Baumann (Technik).

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