Auch Seite der Landwirtschaft vorgestellt

Pestizidfreie Kommune: Dieses weitere Vorgehen hat der Ausschuss beschlossen

+
BUND-Ortsgruppen-Sprecherin Sigrid Pomaska überreicht 460 Unterschriften zur pestizidfreien Kommune an Bürgermeister Jörg Schönenberg (links) und den Ausschussvorsitzenden Jörg Weber.

Schalksmühle - Auf dem Weg zu einer pestizidfreien Gemeinde haben sich die Vertreter der heimischen Fraktionen im Ausschuss für Öffentliche Einrichtungen und Umwelt mehr Sachverstand gewünscht, um die Frage zu beantworten, wie man mit einem möglichen Verbot von Schädlingsbekämpfungsmitteln auf kommunal verpachteten Flächen umgehen soll.

Dazu referierte Carsten Geßler, Landwirt aus Altena mit Flächen auch in Nachrodt und Schalksmühle. Er hat eine 5251 Quadratmeter große Grünlandfläche im Bereich Kuhlenhagen/Stallhaus von der Gemeinde gepachtet. Er begrüße die Bestrebungen der Verwaltung zum Verzicht auf Pestizide. Doch ein komplettes Verbot sieht er kritisch. 

An einem Rechenbeispiel machte er deutlich, was dies vor allem finanziell für ihn bedeutet. Ohne Schädlingsbekämpfungsmittel rechnet Carsten Geßler mit einem Minderertrag von 295 Euro in einem Jahr. 

Hinzu kämen ein geringerer Ertrag durch 5578 Quadratmeter Ausgleichsflächen (781 Euro plus 150 Euro Aussaat), also rund 1000 Euro. „Ich habe vor drei Jahren angefangen, Blühstreifen anzulegen. Ich erfreue mich an den Insekten dort.“ Durch viele andere freiwillige Leistungen, etwa durch Streuobstwiesen, Flächen unter Vertragsnaturschutz und Wildacker tue er viel für eine nachhaltige Landwirtschaft und Biodiversität. 

Unter dem Strich stellte er aber klar, dass er ohne Pestizideinsatz auch keine Ausgleichflächen mehr bewirtschaften werde. „Mit dieser Konsequenz muss man rechnen“, stellte der Landwirt deutlich heraus. Carsten Geßler argumentierte, dass er, um solche Forderungen umsetzen zu können, auch andere Preise von den Vermarktern seiner Produkte brauche. 

Unterschriftenaktion des BUND

Anwesend war im Plenum der Sitzung auch eine Abordnung der seit Dezember existierenden BUND-Ortsgruppe Schalksmühle. Unter anderem überreichten die Aktiven eine Unterschriftenliste mit 460 Namen für eine pestizidfreie Gemeinde an Bürgermeister Jörg Schönenberg. 

Sigrid Pomaska, Sprecherin der Gruppe, begrüßte ebenfalls das Vorgehen der Verwaltung in diesem Punkt. Die Haltung des Landwirts konnte sie nicht aber verstehen. Nachdem Carsten Geßler im Vorfeld bereits eine verbale Spitze in Richtung des BUND feuerte („Was ihr von anderen erwartet, das tut auch selbst.“) konterte die Umweltschützerin. „Ich habe hier einen Vortrag eines gebeutelten Bauern erwartet. Aber so sehe ich keine Bedrohung für Landwirte, wenn ein Verbot aufgestellt wird.“ 

Landwirt Carsten Geßler (Mitte) stellte im Ausschuss für Öffentliche Einrichtungen und Umwelt die Seite der Landwirtschaft vor.

Ihr und ihren Mitstreitern gehe es darum, auf das massive Artensterben aufmerksam zu machen. Die Verwendung von Pestiziden sei einer der Hauptgründe dafür. „Wir können an diesem Punkt ansetzen, ohne ein schlechtes Gewissen gegenüber der Landwirtschaft zu haben“, betont Sigrid Pomaska. Sie sehe zwar ein, dass die Branche derzeit massiv angegriffen werde, doch das resultiere auch aus der Anti-Haltung vieler Bauern. In Schalksmühle könne man mit einem kleinen Schritt eine Pestizidfreiheit erreichen, so könne es weiter „brummen und summen in der Gemeinde“. Man müsse ein Zeichen nach außen setzen. 

Ein Einlenken in der Diskussion erzeugte eine Äußerung des ebenfalls im Plenum anwesenden heimischen Bauers. Er forderte, dass Landwirtschaft und BUND zusammenarbeiten sollten. Mit dieser Meinung stieß er auch bei vielen Politikern auf Zustimmung. Jan Jellesma (SPD) schlug vor, die verpachtete Fläche als Pilotprojekt zu sehen und gemeinsam mit den Landwirten und der Gemeinde über Pestizideinsatz und Flächenausgleiche zu sprechen. Jörg Weber, Vorsitzender des Ausschusses, meinte dazu, dass dieser Vorschlag sehr langfristig angelegt sei und er sehe eher Kompromissbereitschaft von allen Seiten gefordert. 

Kompromiss gefordert

So argumentiert auch Bürgermeister Jörg Schönenberg: „Es geht um insgesamt 14,5 Hektar verpachtete Flächen in Schalksmühle. Wenn wir den halben Hektar, der als Grünfläche bewirtschaftet wird, herausnehmen, dann haben wir 14 Hektar pestizidfrei. Das sei doch ein Kompromiss. 

Stefan Klotz (FDP) forderte, dass man bei der Formulierung eines Beschlusses die Schaffung von Rand- und Blühflächen festsetzen müsse. Zudem meint er: „Hätten wir vor fünf Jahren die Fläche an Herrn Geßler verkauft, dann wären wir jetzt pestizidfrei.“ Auch die UWG sprach sich für einen Kompromiss aus, wenn gleich das Gesamtziel mit größeren Maßstäben zu messen sei (Klaus Nelius). Schließlich müsse man auch die Privatbesitzer von einem Verzicht überzeugen (Ortwin Schmidt). 

Nach einer zehnminütigen Bedenkzeit, die die SPD forderte, entschied der Ausschuss einstimmig die Beschlussfassung für den Gemeinderat, ein Verbot von Pestiziden auf kommunal verpachteten Flächen einzuführen, bestehende Pächterverträge unangetastet zu lassen, eine Verpflichtung auf Prüfung von Ausgleichsflächen festzusetzen und alle verpachteten Grün- und Ackerflächen aufzulisten. Der Vorschlag eines Schulterschlusses zwischen Landwirtschaft und BUND blieb aber vorerst im Raum stehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare