Fred Ritzhaupt: Wie ein Kaugummi

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Fred Ritzhaupt verlässt die Freie evangelische Gemeinde Schalksmühle –  ein Interview mit ihm über seine Vergangenheit in der Gemeinde und seine Zukunft in Göppingen.

Schalksmühle - Nach dreijähriger Tätigkeit in Schalksmühle zieht es Fred Ritzhaupt, Pastor der Freien evangelischen Gemeinde (FeG) an der Jägerstraße, ins baden-württembergische Göppingen, zu Frau und Kindern – drei Söhnen und einer Adoptivtochter – zurück.

Am 15. Juli nimmt der gebürtige Tiroler mit einem „Heißen Stuhl“-Gottesdienst, bei dem jeder nach dem Motto „Was ich Sie immer schon mal fragen wollte…“ seine Fragen loswerden kann, Abschied von der Gemeinde. Sein Nachfolger wird Sebastian Göpfert, bis dato Jugendreferent der FeG. Über die Zeit in Schalksmühle, neue Herausforderungen und die Kirche allgemein sprach Monika Salzmann mit dem früheren Jesuit, der zum Protestantismus übertrat.

Herr Ritzhaupt, für Sie hat die Zeit des Abschieds von der FeG Schalksmühle begonnen. Wie geht es Ihnen dabei? 

Fred Ritzhaupt: Mir geht es so wie einem Kaugummi. Auf der einen Seite klebe ich hier in Schalksmühle an der Gemeinde, auf der anderen Seite an meiner Familie in Göppingen. Wenn das nicht wäre, dass ich mich so auf zu Hause freue, würde mir der Abschied noch schwerer fallen. Aber es ist ein saukomisches Gefühl, so zwischendrin zu sein, so auseinandergezogen zu werden. Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Ziemlich naiv, aber es ist so. Hier in der Gemeinde gibt es so tolle Leute. Wenn ich daran denke, was da an Beziehungen entstanden ist in nur drei Jahren. Es war ein Privileg, in dieser Gemeinde arbeiten zu dürfen. Das Schöne ist: Es ist alles geregelt, was die Nachfolge angeht. 

Wenn Sie auf die Zeit in Schalksmühle zurückblicken: Wie war für Sie die Zeit in der FeG? 

Ritzhaupt: Es war in gewisser Hinsicht ein Erlebnis. Das fing bei dem Leitungskreis an. Ich hatte vorher anderes erlebt, wo jeder Leitungskreis ein einziger Grabenkampf war: Jeder gegen jeden. Das war hier nicht der Fall. Wir haben sehr unangenehme Themen gehabt, die lange in der Vergangenheit zurücklagen und wieder hochkamen. Aber wie der Leitungskreis damit umgegangen ist, das war ein Erlebnis. Was immer ganz deutlich wurde: Wir lassen uns nicht auseinanderdividieren. Die Art und Weise, wie sich die Leute einbringen, da muss man staunen. Wenn eine Beerdigung ist, dann machen die das Catering – und wenn es hundert Leute sind. Diese Ehrerbietung vor dem Verstorbenen. Das machen die, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Das sind die Kriterien für mich. Es war ein Geschenk, mal eine Gemeinde zu erleben, wo das der Fall ist. 

Gibt es etwas, was Sie besonders vermissen werden? Welche Erinnerungen nehmen Sie mit? 

Ritzhaupt: Abgesehen von dieser Gemeinde, die ich von den Menschen her vermissen werde, vermisse ich diese herrliche Landschaft. Ich bin über alle Hügel gewandert. Alles ist noch urwüchsig. Dieses Schalksmühle, so eingebettet, alles noch grün am Rande: Das war schön. 

Haben Sie das Gefühl, dass Sie Ihre „Mission“ erfüllt haben oder hätten Sie gern noch mehr bewegt? 

Ritzhaupt: Bis zum 15. Juli habe ich noch die Chance, vieles nachzureichen, was wichtig ist. Ich glaube, es gibt auf diesem Gebiet keine Zufriedenheit. Wenn ich mir vorstelle, dass man die Dinge, die man predigt, erst einmal selber umsetzen muss, dann nö. Manches, scheint mir, ist angekommen. Auf der anderen Seite gilt: Es ist nie genug. 

Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger? 

Ritzhaupt: Dass er mit der vollen Rückendeckung der Gemeinde wirklich in seine Aufgabe hineinwachsen kann und man ihm auch die Zeit dazu lässt. Er ist noch sehr jung – unter 30. Er sollte die Rückendeckung der Gemeinde haben. Er wächst da noch rein. 

Werden Sie zu besonderen Anlässen noch nach Schalksmühle zurückkehren? 

Ritzhaupt: Ich weiß es noch nicht. Das Problem ist, dass ich, von der FeG Bundesleitung gewünscht, in Göppingen eine FeG gründen soll. So ein Beginn ist immer eine herausfordernde Zeit. Ich habe dem Leiter der dortigen Allianz geschrieben und ihn darüber informiert. Er hat mir zurückgeschrieben: „Komm runter, lass es krachen, wir stehen voll dahinter.“ FeG ist stärkere Christuszentriertheit. Nicht so viel religiöses Zeugs drumherum, sondern Konzentration auf das Wesentliche. Die Menschen suchen heute danach. 

So wie wir Sie kennengelernt haben, werden Sie sich nicht zur Ruhe setzen. Wie lange möchten Sie noch weitermachen? 

Ritzhaupt: In diesem Beruf ist es undenkbar, sich zur Ruhe zu setzen. Der Papst ist auch schon über 80 und werkelt noch halbwegs anständig. Das muss man ihm lassen. Ich habe mir ein Limit gesetzt: bis 80. Deswegen halte ich mich fit so gut es geht. Bergsteigen und Klettern ist halt immer noch meine Passion. 

Wie sehen Sie die Kirche heute allgemein aufgestellt? 

Ritzhaupt: Für mich ist interessant, dass die Großkirchen zumindest an den Rändern angefangen haben, von den Freikirchen zu lernen. Da gibt es dieses Mission-Manifest, in dem steht: Wir müssen uns bei den Geschwistern aus den Freikirchen entschuldigen, dass wir sie nicht ernst genommen haben und nicht von ihnen lernen wollten. Wenn wir uns in lauter Grenzgebieten bewegen, dann passiert nichts. Es geht entweder ganz um Jesus oder es geht nicht. Ich wünschte mir wirklich, dass die Kirche das wieder mehr nach vorne bringt.

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