Orientierung bei Berufswahl geben

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Im Unternehmen Lumberg wird seit langem mehr um potenzielle Azubis gebuhlt als früher (von links): Kerstin Kühnholz von der Personal- und Rechtsabteilung, Azubi Yvonne Brambier, Personalleiter Uwe Crépon, Azubi Jan Reinecke, Bürgermeister Jörg Schönenberg, Kerstin Pfaff von der Agentur für Arbeit, Ausbildungsleiter Martin Eilbrecht und Werkleiter Martin Mühlhoff.

Schalksmühle - Der demografische Wandel wirkt sich erstmals spürbar negativ aus: 2014 stehen mehr offene Ausbildungsplätze zur Verfügung als Bewerber am Markt sind. Zudem brechen rund 25 Prozent der Azubis ohne Abschluss ihre Ausbildung ab.

Um gegenzusteuern und Betriebe und Bewerber passgenauer zusammenzubringen, etablierte die Agentur für Arbeit im Rahmen des Übergangssystems „Kein Abschluss ohne Anschluss“ das Projekt Berufsfelderkundung. In Schalksmühle nehmen unter anderem die Unternehmen Jung und Lumberg an der Aktion teil.

Im Rahmen der Woche der Ausbildung sprachen Bürgermeister Jörg Schönenberg und Kerstin Pfaff vom Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit mit den Verantwortlichen für Personal und Ausbildung der beiden Unternehmen über die Herausforderungen, die nun auf die Betriebe zukommen.

Im Unternehmen Lumberg hat sich der negative Effekt des demografischen Wandels bereits bemerkbar gemacht, wie Ausbildungsleiter Martin Eilbrecht erklärt: „2014 haben wir erstmals für das neue Ausbildungsjahr eine Werkzeugmechaniker-Stelle noch nicht besetzt. Sonst waren wir immer bereits im Winter ausgebucht.“ Generell habe Lumberg in den vergangenen Jahren viel mehr um Azubis buhlen müssen als früher.

Dass Unternehmen und Bewerber nicht zusammen kommen, liegt an vielen Faktoren. Entweder scheitert es an der zu geringen Qualifikation der Absolventen, am nicht vorhandenen Engagement der Bewerber oder auch daran, dass viele nicht wissen, was sie in dem jeweiligen Ausbildungsberuf eigentlich genau erwartet.

Hier soll nun die Aktion Berufsfelderkundung ansetzen: Jugendliche aller Schulformen erhalten dabei in der achten Jahrgangsstufe die Möglichkeit, an drei Tagen drei unterschiedliche Berufe kennenzulernen. So sollen die potenziellen Bewerber möglichst früh Kontakte zu Unternehmen knüpfen können. Zudem erhalten sie gleich von mehreren Berufen erste Eindrücke, die innerhalb eines Berufspraktikums später vertieft werden können. Das fördere die bewusstere Entscheidung für einen Beruf und verringere die Zahl der Ausbildungsabbrüche, erklärt Kerstin Pfaff.

Sowohl Lumberg als auch das Unternehmen Jung haben bereits Schüler innerhalb der Aktion im Betrieb zu Gast gehabt. „Ich finde dieses Angebot sehr sinnvoll. Wir hatten vier Schüler des Anne-Frank-Gymnasiums vor Ort und die sagten alle, dass sie vorher gar keine Vorstellung davon hatten, wie bei Lumberg eigentlich gearbeitet wird“, sagt Martin Eilbrecht.

Personalleiter Uwe Crépon ergänzt: „Durch solche Aktionen kann die Hemmschwelle, selbst auf ein Unternehmen zuzugehen, gesenkt werden. Viele junge Menschen, deren Eltern, aber auch Lehrer wissen heute gar nicht mehr, wie eine Ausbildung tatsächlich abläuft.“

Ein weiteres Problem, das die Personalverantwortlichen ausmachen, ist, dass die Schüler heutzutage auch immer weniger Unterstützung von Seiten der Eltern erhalten würden. „Wenn die Kinder von den Eltern nicht genügend dazu angehalten werden, sich um eine Ausbildungsstelle zu bemühen, passiert oft auch nicht viel. Hier müssen Kommune, Schulen und Betriebe gemeinsam ansetzen, um auch diese Jugendlichen mitzunehmen“, sagt Bürgermeister Jörg Schönenberg.

Für viele Schüler sei es motivationsfördernd, wenn sie in Unternehmen erleben, dass ihre Arbeit gelobt wird und ihnen Möglichkeiten aufgezeigt werden. Er könne daher nur an die Schalksmühler Betriebe appellieren, beim Projekt Berufsfelderkundung mitzumachen und so schon früh den Kontakt zu den Jugendlichen herzustellen.

Nachhilfe geben, wo es nötig ist

Problematisch werde es aber, wenn die Schüler nicht ausbildungsfähig seien, also die Qualifikationen nicht ausreichen, sagt Hans H. Kranenpoot-Schmale, Personalbetriebswirt bei Jung. „Hier müssen wir dann mit berufsbegleitenden Maßnahmen ansetzen, um die Ergebnisse zu erzielen.“ Er ist auch der Meinung, dass sich Unternehmen offensiver auf die Schulen zu bewegen müssen, um die Jugendlichen für die Betriebe gewinnen zu können.

Die Unternehmen könnten die Anforderungen an die Bewerber aber auch nicht groß nach unten schrauben, weil die Ausbildungsberufe eben auch anspruchsvoll seien, erklärt Lumberg-Personalleiter Uwe Crépon. „Die Berufe sind mit Aufgaben verbunden, mit denen sich einige Jugendliche schwer tun. Dann ist es wichtig, die Azubis richtig heranzuführen, damit es für sie nicht frustrierend ist.“ Lumberg gebe auch Schülern eine Chance, die nicht die besten Zeugnisnoten aufweisen, aber vom Charakter her überzeugen oder sich im Praktikum beweisen. „Und wenn die Azubis Unterstützung brauchen, geben die Kollegen auch gern mal Nachhilfe, oder sie erhalten unterstützende Maßnahmen, damit sie mitkommen“, ergänzt Martin Eilbrecht.

Unter www.berufsfelderkundung-mk.de können sich sowohl Unternehmen als auch Schüler für die Berufsfelderkundung registrieren.

Von Alisa Kannapin

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