Flüchtlings-Schicksale, die das Herz bewegen

„Meine Mutter in Deutschland“ nennt Klodian Cuni Irmtraud Quenzel. Die Schalksmühlerin unterstützte vor allem Anila Cuni während ihrer Schwangerschaft und besichtigte mit ihr unter anderem die Berglandklinik.
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„Meine Mutter in Deutschland“ nennt Klodian Cuni Irmtraud Quenzel. Die Schalksmühlerin unterstützte vor allem Anila Cuni während ihrer Schwangerschaft und besichtigte mit ihr unter anderem die Berglandklinik.
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Schalksmühle - Behörden-Dschungel, Sprachbarrieren oder auch psychische Probleme aufgrund traumatischer Erlebnisse – zahlreiche Flüchtlinge suchen derzeit Zuflucht in der Volmegemeinde. In der Fremde werden sie jedoch mit vielen Herausforderungen konfrontiert. Das Netzwerk Flüchtlingsarbeit möchte die Asylbewerber nicht alleine mit ihren Sorgen lassen und engagiert sich daher in vielerlei Hinsicht. Unsere Zeitung stellt die Arbeitsbereiche des Netzwerks in einer Serie vor. Heute: die Betreuung.

Teil IV der Serie über das Netzwerk:

„Hallo Frau Quenzel“, ruft Arber Rrukaj und winkt. Der kleine Junge steht an der Treppe des Wohnhauses für Asylsuchende an der Bergstraße. Irmtraud Quenzel macht Hausbesuche. „Zunächst schaue ich bei Anila und Klodian vorbei. Anila bekommt in den nächsten Tagen ihr Baby“, sagt die Schalksmühlerin, die sich ehrenamtlich beim Netzwerk Flüchtlingsarbeit einbringt. Sie steigt die Treppen bis in die oberste Etage hoch, klingelt und wird kurz darauf freudestrahlend empfangen.

„Anila, wie geht’s dir?“, fragt Quenzel. „Gut“, antwortet die 30-Jährige, die mit ihrem Mann Klodian im vergangenen November von Albanien nach Deutschland kam. Damit Anila Cuni weiß, wo sie ihr Baby entbinden wird, ist Irmtraud Quenzel mit ihr nach Lüdenscheid in die Berglandklinik gefahren und hat dort bereits mit der Hebamme gesprochen. „Nach der Geburt steht ihr auch eine Hebamme zu, die sie zuhause besucht. Das müssen wir beantragen“, erklärt Quenzel. Anila und Klodian Cuni erwarten einen Sohn, ihr erstes Kind. Einen Vorbereitungskurs besuchten sie in Deutschland nicht.

„Wenn sie Fragen haben, helfe ich auch. Mein jüngstes Enkelkind ist erst drei, da kenne ich mich noch aus“, sagt Quenzel mit einem Schmunzeln. Klodian Cuni legt ihr lächelnd die Hand auf die Schulter und sagt: „Meine Mutter in Deutschland.“ Wenn die Wehen einsetzen, rufen er und seine Frau Irmtraud Quenzel an, damit sie mit ihnen ins Krankenhaus fährt. „Oder sie nehmen ein Taxi“, sagt Quenzel, fügt aber noch ans Ehepaar gewandt hinzu: „Die nächsten Tage bin ich aber zuhause, da könnt ihr ruhig anrufen.“

Hilfe im Treppenhaus

Auf dem Weg zum nächsten Schützling wird Irmtraud Quenzel im Treppenhaus von Admir Rrukaj angehalten, der Vater von Arber. Er hat Fragen zu den Impfpässen der Familie. Seine ältere Tochter Adelina gibt Hilfestellungen bei der Übersetzung, während Quenzel erklärt, welche Arzttermine demnächst anstehen. Ein Haus weiter wohnt Maloudou Barry. Der 22-Jährige stammt aus Guinea und lebt seit vier Jahren in Deutschland. Jeweils für sechs Monate erhält er eine Aufenthaltsgestattung, eine Arbeitserlaubnis jedoch nicht.

„Das macht ihm sehr zu schaffen. Er ist sehr ungeduldig und möchte endlich etwas Sinnvolles tun“, erklärt Quenzel. Zum Besuch bei Maloudou ist auch Klaus Hunecke dazu gekommen, der den Afrikaner häufig bei Behördengängen begleitet. Am Mittwoch waren die beiden beim Arbeitsamt in Lüdenscheid. „Eigentlich ist das Sozialamt der Gemeinde für Maloudou zuständig, aber das Arbeitsamt möchte uns nun trotzdem behilflich sein“, sagt Hunecke.

Das Amt plane ein neues Projekt, in dem Flüchtlingen die Möglichkeit gegeben wird, ein einjähriges Praktikum zu machen und sie dabei in Lehrwerkstätten angelernt werden. Wenn es sich Maloudou Barry aussuchen könnte, würde er gern in den Bereichen Informatik, Logistik oder Elektro arbeiten. Auf der Fahrt zum Übergangsheim In der Lieth erzählt Irmtraud Quenzel, wie sehr manche Schicksale der Flüchtlinge ihr Herz bewegen.

„Gerade wenn Familien immer wieder abgeschoben werden und sie trotzdem zurück nach Deutschland kommen, in der Hoffnung, dieses Mal bleiben zu dürfen.“ Doch die Arbeit mit den Asylsuchenden sorge auch mal für Ärger. „Zum Beispiel, wenn die Flüchtlinge Sachen aus dem Lager haben möchten, sich aber null integrieren oder zu unseren Veranstaltungen kommen. Wir können sie nicht zwingen, aber schade ist das schon.“

Bedrückend ist das Gespräch mit dem Paar Merita Muslija und Jahja Abazi, die bis zu ihrer Ankunft in Schalksmühle eine Odyssee durchmachten und in mehreren Auffanglagern lebten. Besonders schlimm sei es in Ungarn gewesen. „In 24 Stunden haben sie uns nur eine Flasche Wasser gegeben“, sagt Jahja Abazi, der sich seine Deutsch-Kenntnisse über das Fernsehen und Gespräche mit Helfern des Roten Kreuzes beibrachte. Er und seine Partnerin Merita wirken erschöpft. Sie sind froh, dass sie und ihre Söhne Festim und Fatijon nun erst einmal ein Zuhause gefunden haben.

Angst vor Abschiebung

Doch sie haben Angst vor der Abschiebung. „Bitte melde dich, wenn ihr Post von den Behörden bekommt. Wir helfen euch dabei“, versichert Irmtraud Quenzel. Sie möchte auch bei den Arztterminen behilflich sein, denn Merita Muslija und einer der Söhne haben psychische Probleme.

„2009 haben wir unseren dritten Sohn verloren. Er starb wegen einer Infektion, die er im Krankenhaus bekam. Deshalb möchten wir, dass unsere Kinder jetzt besser versorgt werden“, sagt Jahja Abazi und blickt auf den Boden.

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