Nessi Tausendschön auf Männerfang in der Festhalle Spormecke

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Schalksmühle - Dunkelhaarig soll er sein, ihr „herrlicher Gatte, da draußen in der Dunkelheit“. Wenn das nicht klappt, sollte er wenigstens Haare haben oder wissen, welche Haarfarbe er einmal hatte. Ein Beruf mit Zukunft – Sanitärfachmann oder Bestatter – wäre auch nicht schlecht. Immerhin: „Gesch… und gestorben wird immer.“ Unverblümt und strotzend vor Selbstbewusstsein ging Nessi Tausendschön in ihrer Paraderolle als Gabi Pawelka am Freitagabend beim Kabarett in der Festhalle Spormecke auf Männerfang.

Im grünen Margot Honecker-Kostüm lief die vielfach ausgezeichnete Kabarettistin und Musikerin aus Köln, die ihrem lachenden Publikum tausend Facetten einer schillernden, exzentrischen Persönlichkeit zeigte, als sächselnde Seminarleiterin zur Hochform auf. Zerknirscht, als alle Wunschvorstellungen doch wie Seifenblasen zerplatzten, gab sie am Ende ihr Werben und Umschmeicheln der Männerwelt auf. „Es klappt nicht, ihr Weicheier!“, ließ die Schelte nicht lange auf sich warten.

Gemeinsam mit dem Kanadier William Mackenzie (Gitarre, Banjo, Slide und Drums), der sich als kongenialer Begleiter einer abenteuerlichen Reise in „Die wunderbare Welt der Amnesie“ entpuppte und Umkleidepausen in David Copperfield-Manier mit Magie, besser gesagt „Maggi“ überbrückte, suchte Madame Tausendschön ihr Publikum mit einer Mischung aus tiefgründigen und absurden Texten, wunderbaren Songs und herrlicher Verrücktheit im wahrsten Sinn des Wortes heim. Nie zu fassen, nie zu greifen, wechselten Wutausbrüche und herzzerreißender Weltschmerz, Streicheleinheiten und gepfefferte Watschen in einem fort. Zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt changierte Nessis Gemütszustand. 

Wie ein Irrwisch, Quirl und Unruhegeist, voller Power und nie nachlassender Energie hielt sie ihr Publikum mit immer neuen Ideen – und seien sie noch so schräg und verrückt – auf Trab. Stets aufs Neue, überraschend, verblüffend und unergründlich, spielte sie ihre (giftigen) Trumpfkarten aus. Echauffierte sie sich in diesem Moment noch über den Amnesienotstand in den Medien („Was heute für Empörung sorgt, ist morgen schon vergessen“), outete sie sich schon im nächsten Moment als betörendes Plagiat von Max Raabe, rollendes „R“ und Stimmlage inbegriffen. Seminarleiterin Gabi Pawelka stand ihr ebensogut zu Gesicht wie die sich nach ihrer Heimat verzehrende Kasachin, die sich mit Kopftuch, gehäkeltem Dreieckstuch der Oma und Fuchspelz – selbst erlegt – der Heimatgefühle wegen in die Tiefkühltruhe setzte. 

Was das Outfit anging, war indes das Rosenkostüm schwerlich zu toppen. Spaßeshalber schlüpfte William Mackenzie in den gleichen rosigen Dress. Eine bemerkenswerte Vielfalt ihrer beeindruckenden Sangeskunst zeigte Nessi Tausendschön ihrem Publikum, das nach zweieinhalb Stunden irrwitzigen Abtauchens ins Vergessen beharrlich eine Zugabe einforderte. Nettigkeiten wie „Fahr zur Hölle, Ariane“ kamen an. Inszenierter Antriebslosigkeit verlieh die singende Säge zusätzlichen Charme. Äußerst unterhaltsam, dieser Abend.

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