Lebensraum für Organismen

Im Privatwald: Bäume dem Zerfall überlassen

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Absterbende Bäume wie diese Eiche sind Lebensraum für viele Organismen und tragen als Biotopbäume zur Artenvielfalt im Wald bei.

Schalksmühle - Da absterbende Bäume als Lebensraum für viele Organismen zum Artenreichtum beitragen, überlässt man sie dem natürlichen Zerfall, und das nicht nur im Staatswald des Landes, sondern auch in privaten Waldflächen.

Seit 2014 läuft im Landesbetrieb Wald und Holz das Programm Xylobius, bei dem altes und beschädigtes Holz in den Wäldern gelassen wird, wo es als Biotopholz zahlreichen Arten als Nahrung, Lebensraum oder Baumaterial für den Nestbau zur Verfügung steht. Diese Biotopholzstrategie gilt allerdings nicht für alle Wälder in Nordrhein-Westfalen.

„Das Xylobius-Programm wurde im Staatswald aufgelegt, hier in Schalksmühle bewegen wir uns durchweg im Privatwald“, sagt Hubertus Bierkoch, Leiter des Forstbetriebsbezirks Schalksmühle. „Wir versuchen aber, das Xylobius-Programm in unserer täglichen Arbeit quasi auch im privat bewirtschafteten Wald umzusetzen.“

Im Gegensatz zum Staatswald sei es in Privatwäldern allerdings aufwändiger, den Erhalt und Schutz von Biotopbäumen zu organisieren. Dabei müssten der Umweltschutz und die wirtschaftliche Nutzung des Waldes in Einklang gebracht werden, auch durch entsprechende Entschädigung der Waldbesitzer, wenn diese Bäume als Biotopholz in den Beständen belassen. Ein Großteil der Waldbesitzer sei dafür allerdings offen, sagt Bierkoch. „Wir wollen betriebswirtschaftlich erfolgreich arbeiten, aber die öffentlichen Belange des Naturschutzes nicht vernachlässigen.“

Beratung für Waldbesitzer

Wichtig dafür sei die Präsenz der Förster vor Ort, um die Waldbesitzer entsprechend beraten zu können. So könnten die Forstbeamten Bäume, die als Biotopholz infrage kommen, zum Beispiel anhand von Spechteinschlägen oder den Pilzkörpern des Zunderschwammes ausmachen. „Wir können den Waldbesitzern dann sagen: Dieser eine Baum ist vom wirtschaftlichen Aspekt her minderwertig, wenn wir ihn abschneiden. Die andere Option ist: Wir überlassen den Baum dem normalen natürlichen Zerfallsprozess.“

Förster Hubertus Bierkoch zeigt einen Biotopbaum, dessen Zerfallsprozess vor rund 30 Jahren begann.

Dieser sei für die Ökologie sehr wichtig, sagt Bierkoch. Je nach Baumart erstreckt sich dieser Zerfall über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten. „30 Jahre sind da nichts“, erklärt der Förster. Bei einer Eiche fände man nach so einem Zeitraum im Kern sogar noch gutes Holz, denn ihr Zerfall könne mehr als hundert Jahre dauern. Geschädigte Bäume, die man dann als Biotop-Bäume dem Zerfall überlässt, sind vor allem ältere Exemplare. „Ähnlich wie auch beim Menschen sind sie in einem Alter, in dem sie gesundheitlich schwächer und anfälliger für Infektionen sein“, erklärt Bierkoch. „Der Zunderschwamm bringt die Weißfäule in den Baum und macht das Holz weich, danach kommen dann Insekten, die genau das brauchen.“ 

Profiteure des Zerfallsprozesses

Es ist eine Vielzahl von Insektenarten, denen die Bäume als Brutstätte und Nahrung dienen, beispielsweise Schrotkäfer, die Buchen befallen, Hirschkäfer, die Eichen bevorzugen, oder Prachtkäfer. „Auch diverse Spechtarten wie Bunt-, Grün- und Schwarzspecht sind ebenfalls Profiteure des Zerfallsprozesses“, sagt Bierkoch. Nach dem Auszug der Spechte aus ihren Bruthöhlen werden diese außerdem von Nachmietern wie der Wildbiene genutzt. 

„In Schalksmühle haben wir viele große Laubholzblöcke, wo es kein Problem ist, zu sagen, wir lassen die Bäume stehen“, sagt Hubertus Bierkoch. So kommen auch abseits des Xylobius-Programms einige Biotop-Bäume in Schalksmühle zusammen. „Das läppert sich: 200 bis 300 Bäume dürften es in der Summe sein.“

Darunter sind nicht nur einzelne Bäume, sondern auch kleine Flächen, etwa im Bereich Haue, in denen man nach dem Orkan Wiebke 1990 das beschädigte Altholz stehen ließ. Inzwischen hat sich dort ein mehrschichtiger Wald mit unterschiedlich hohen Bäumen entwickelt. Den Wald so wachsen zu lassen, sei wünschenswert, findet Bierkoch. Neben der Artenvielfalt trägt das Biotopholz auch zur Verjüngung des Waldes bei.

Im Übrigen sind es nicht nur ältere Bäume, die man als Biotopbäume in den Beständen belässt. Manchmal zeigen sich auch schon an jüngeren Bäumen, die beispielsweise nicht genug Licht bekommen haben, erste Spuren des Zerfallsprozesses. Aber diese vergleichsweise kleinen Bäume dienen Insekten und anderen Tieren ebenfalls als Lebensraum, erklärt Hubertus Bierkoch. Daher lasse man sie – anders als es früher Praxis war – im Bestand stehen, es sei denn, sie befinden sich so nah an Waldwegen oder Straßen, dass sie für Wanderer beziehungsweise den Verkehr ein Risiko darstellen.

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