Nasses Grab für verhasste Frau

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Hans Girod bezeichnet seine schriftstellerische Tätigkeit als „individuelle Vergangenheitsbewältigung“. Vor dem Kamin las der 77-Jährige im Bauernhaus Wippekühl aus seinem Bestseller „Der Polizistenmord von Gera“.

Schalksmühle - Die Mordfälle, die Kriminalist und Bestsellerautor Hans Girod aufrollt, sind authentisch, so und nicht anders vor geraumer Zeit tatsächlich in der einstigen DDR passiert. „Individuelle Vergangenheitsbewältigung“ nennt der emeritierte Professor, der am Mittwochabend im Rahmen des „Lampenfieber“-Festivals im Bauernhaus Wippekühl aus seinem Bestseller „Der Polizistenmord von Gera“ las, seine schriftstellerische Tätigkeit.

Von Monika Salzmann

Um die Persönlichkeitsrechte von Opfer und Täter zu wahren, sind die Namen, teilweise auch die Schauplätze der Taten verändert. Aus gleichem Grund liegt der Zeitpunkt der Verbrechen Jahrzehnte zurück. „Es ist ein makabrer Glücksumstand, dass in der DDR über Kriminalfälle so gut wie nichts veröffentlicht worden ist“, ließ Girod seine Zuhörer wissen.

Gleichsam als nasses Grab spielte das Wasser, eines der Leitwörter des Festivals, in dem spektakulären Mordfall, den Hans Girod in der Krimi-Lesung unter der Überschrift „Mörderische Triebe“ nachzeichnete, eine Rolle. Die Idee, den Schriftsteller zum Festival einzuladen, hatte die Bildhauerin Christiane Rößler. Zu Recht als „großartigen Erzähler“ kündigte die Halveranerin den guten Freund ihrer Eltern an. Sowohl in der Lesung als auch in der anschließenden Diskussion gewährte der 77-Jährige, der bis 1994 Dozent für spezielle Kriminalistik an der Humboldt-Universität in Berlin war, Einblick in kriminalistisch-forensische Prozesse der Verbrechensaufklärung und Wahrheitsfindung.

Ausgiebig machten die Zuhörer von der Gelegenheit, den Experten zu befragen, Gebrauch. Der Mordfall, über den Hans Girod in der Lesung berichtete, führte in die 60er-Jahre, ins Ostseebad Koserow auf der Insel Usedom und Orte entlang der Ostseeküste zurück. Auf einem Rummelplatz lernten sich dort das Zimmermädchen Gabriele und Wachtmeister Horst Rudow (Namen verändert) kennen und lieben. Mit Misstrauen beäugte Gabrieles Mutter, später eine wichtige Zeugin, die Beziehung, Hochzeit und Geburt des ersten Kindes. Ihr gefiel es nicht, dass sie an ihrem Schwiegersohn schon beim ersten Besuch eine Alkoholfahne roch.

Detailliert schilderte der Autor, wie sich in die Beziehung des jungen Paares der Alltagstrott einschlich, Gabriele um des lieben Friedens willen eine unterwürfige Haltung einnahm, Horst anderswo sexuelle Befriedigung suchte und sich innerlich zunehmend von seiner unglücklichen Gattin distanzierte.

Irgendwann reifte in ihm der perfide Plan, sich der mittlerweile verhassten Frau zu entledigen und sie im Achterwasser verschwinden zu lassen. Wie ihm die Polizei ohne Leiche – die erst nach Monaten durch Zufall entdeckt wurde – trotzdem auf die Schliche kam, erläuterte der Kriminalist Hans Girod in der akribischen Schilderung des Falls Stück für Stück.

Vortäuschung für den perfekten Mord

Dialoge, aus den Vernehmungsprotokollen konstruiert, verliehen dem wahren Geschehen schaurige Lebendigkeit. Unfassbar war, dass Horst Rudow bereits vor dem Mord (unerkannt) sexuelle Straftaten begangen hatte und dennoch in den Polizeidienst aufgenommen worden war.

Mit manchen Irrtümern, was polizeiliche Arbeit in Fernsehkrimis angeht, räumte der emeritierte Professor in der angeregten Diskussion auf. Täterprofile, Polizeiarbeit und andere Fälle kamen zur Sprache. Der perfekte Mord? „Um ganz sicher zu sein, wäre die Vortäuschung eines natürlichen Todes die beste Methode“, beantwortete Girod die Frage.

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