„Du musst das jetzt zu Ende schreiben“

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Renate Peters (l., 89) trug im Seniorenpark Reeswinkel aus ihren Lebenserinnerungen vor. ▪

SCHALKSMÜHLE ▪ Lebensumstände, die sich heute kaum noch jemand vorstellen kann; unbeschreibliche Entbehrungen, Arbeitsbedingungen wie in der Fron, mehr als fragwürdige sanitäre Zustände – dazu Krieg, Angst vor Eroberung und Vertreibung. Was Renate Peters gestern ihren Mitbewohnern im Seniorenpark Reeswinkel vortrug, war schon starker Tobak.

Das beste daran war aber der Umstand, dass es sich nicht um Fiktion, sondern um den ostpreußischen Teil der Lebensgeschichte von Renate Peters handelte. Sie hat ihre Erinnerungen an ein wirklich bewegtes Leben in Form eines Buches niedergeschrieben. Nicht zur weiten Verbreitung, sondern für sich, ihre Familie und ihre Freunde. Die 89-Jährige stammt aus Wuppertal und wohnt seit einem Vierteljahr im Seniorenpark. „Freiwillig“, wie sie betont. Genauso freiwillig befasst sie sich seit zehn Jahren mit Computern. Nur weil man alt sei, müsse man sich ja nicht modernen Entwicklungen verweigern.

Immerhin: Die meisten Seiten hat die Hobbyautorin mit der Hand geschrieben. „Mit 70 Jahren habe ich damit angefangen. Dann kam eine lange Pause und vor zwei Jahren haben meine Kinder gesagt: ‚Mutti, du musst das jetzt zu Ende schreiben‘“. Das geschah dann am PC. Schließlich ist das Buch nach den Wünschen der Autorin gestaltet worden. Sie hat es ihrer Familie und ihren Freunden gewidmet. Gelegentlich verschenkt sie ein Exemplar der kleinen Auflage.

Die modernste Entwicklung, die Peters 1940 in Ostpreußen vorfand, waren „mein Verlobter Fritz Krüger und die Schälmesser. Alles andere schien noch aus dem 19. Jahrhundert zu stammen“. Als 19-jährige ging sie dorthin – ihr Fritz war Ostpreuße. Das entbehrungsreiche Leben auf dem Hof, den sie mit ihrer Schwiegermutter in spe betrieb, erinnerte die Zuhörer teilweise an eigene Erlebnisse. Fritz war nämlich Soldat und nur selten zu Hause. Mit bewegenden Worten schilderte Renate Peters die Vorbereitungen für die Kriegshochzeit und ihr großes, aber nur sehr kurzes Glück. Noch im gleichen Jahr fiel ihr Mann an der Front.

Der tatkräftigen, optimistischen Frau war es vergönnt, ein weiteres Mal einen Mann zu finden, mit dem sie ihr Leben teilen konnte. 30 Ehejahre folgten, zwei Kinder, fünf Enkel und drei Urenkel gehören heute zur Familie.

Renate Peters las aus ihren Lebenserinnerungen in der „aktuellen Stunde“. Das ist ein neuer Kreis von Bewohnern, der sich einmal in der Woche unter der Leitung von Diakon Peter Osterkamp trifft. „Wir wollen tagesaktuelle Themen besprechen, Probleme erörtern, auch mal einen Referenten zu uns einladen“, sagte Osterkamp. ▪ bomi

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