Milchbauer Schmermbeck: Alles für die Extraportion Milch

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Milchbauer Olaf Schmermbeck investierte 300 000 Euro in einen neuen Jungvieh-Stall und erzählt über hohe Investitionen und geringe Milch- und Viehpreise. Für einen Liter Milch erhält er circa 35 Cent und für ein Kalb rund 30 Euro. Er sagt, Massentierhaltung wollen weder Bauern, noch Verbraucher, aber wenn sich etwas verändern soll, dann liege das nicht an ihm.

Schalksmühle - Dass Bauern für den Liter Milch nur wenige Cents bekommen, ist bereits bekannt. Aber wie viel bekommen sie für ein männliches Kalb? Die Summe ist zweistellig. Wir waren für Sie auf dem Milchbauernhof von Olaf Schmermbeck aus Altenhülscheid, um zu sehen, wie viel Geld ein Landwirt investieren muss, um überhaupt die Preise für Milch und Vieh zu erhalten.

„Der Stall wird in 18 Jahren abbezahlt sein“, sagt Olaf Schmermbeck. Der Milchbauer hat im Sommer einen neuen Stall gebaut – für 300 000 Euro. Der Anbau an den vor rund 20 Jahren ebenfalls erbauten Stall, soll den Jungtieren Platz bieten. „Der Stall, den wir 2000 gebaut haben, entsprach damals den aktuellsten Standards der Tierhaltung“, erzählt er. „Massagebürsten, Steh- und Liegeplätze, Futterplätze. Aber heute gelten schon wieder neue Standards.“

Kosten gegen Gewinn

Immer, wenn mal Geld übrig sei, investiere er wieder in seinen Hof, aber das sei nur in größeren Zeitabständen möglich. „Am Ende des Monats habe ich vielleicht 1000 Euro in der Tasche“, sagt er kopfschüttelnd. Sein Arbeitstag beginnt um 5.30 Uhr und endet gegen 19.30. Für den Bau vor zwei Jahren sprachenvor allem die niedrigen Zinsen.

Seine Milch wird von einer großen Molkerei abgeholt –pro Liter bekommt er circa 35 Cent. Der Grundpreis setzt sich zusammen aus dem Fett- und Eiweißgehalt der Rohmilch. Dabei gelten 3,7 Prozent Eiweißgehalt und 3,4 Prozent Fettanteil als Grundlage. Weitere Qualitätsmerkmale wie Keimzahl oder Gefrierpunkt dienen der Klassifizierung nach Güteklassen.

Wer von den Werten abweicht, erhält entweder einen Zuschlag oder einen geringeren Preis. Weiter wirken sich Verwertungsmöglichkeiten, Wettbewerbssituation in der Region und die gelieferte Menge auf den Preis aus: „Wenn ein Milchlieferant nur einen Hof anfahren muss, um seinen Tank zu füllen, profitiert der Betrieb von den dadurch geringeren Fahrtkosten.“ Ein Milchbauer ist dazu, verpflichtet die Kosten für die Abholung der Milch, die jede Molkerei pro Kilogramm in Rechnung stellt, zu tragen.

Moderne Technik

„Wir haben heute 75 Milchkühe“, sagt Schmermbeck. „Früher hatten wir nur 20 und davon konnten wir leben.“ In dem Stall, wo früher die 20 Milchkühe standen, sind heute zehn Kälber untergebracht. Der auf den ersten Blick alte Stall birgt aber eine technische Neuerung in sich. Alle Kälber tragen ein Halsband, in dem Daten gespeichert sind, um zu überprüfen wie viel Milch die Kälber am Tag bereits getrunken haben. Der Automat ersetzt dann die Mutterkuh: „Wenn die Kälber zum Automat gehen, liest er ihre Halsbänder aus und mischt die Menge Milch an, die sie benötigen“, erklärt er. Im Inneren des Automaten wird Milchpulver mit Wasser gemischt und die Kälber trinken aus einer künstlichen Zitze. „So können wir genau kontrollieren, ob die Kälber auch genug zu sich nehmen“, sagt Schmermbeck.

30 Euro für ein Kalb

Nicht nur mit Milch verdient der Bauer sein Geld. Kühe geben erst Milch, wenn sie gekalbt haben. Die Milch, die dann eigentlich für Kälber gedacht ist, wird gemolken und verkauft. Die Kälber werden nach spätestens zwölf Stunden von der Mutterkuh getrennt und für circa zwölf Wochen separat gehalten und ernährt. Weibliche Kälber werden, wenn sie keine Auffälligkeiten aufweisen, zu Milchkühen, männliche werden an Schlachtereien verkauft. Momentan hat Schmermbeck drei Bullen, die er für die Zucht weiterverkaufen will. „Für einen bekomme ich dann jeweils vielleicht 300 Euro“, erzählt er. „Für ein Kalb bekomme ich nur 30 Euro – in der Tierhandlung kriegen Sie für 20 Euro einen Hamster. Aber das muss ich nicht verstehen.“ Seit drei Jahren ist Schmermbeck Betriebsleiter auf dem Hof. Zuvor hat er bei der Post im mittleren Dienst gearbeitet, er meint: „Zum Milchbauer sein gehört eine ganze Menge Idealismus dazu.“

Emotionen sind immer dabei

Jede Kuh hat hier noch einen Namen – Emotionalität bleibe immer ein Thema. „Ich habe auch meine Lieblingskühe“, erzählt er und geht in den Kuhstall hinein, um Elli vorzustellen: „Das ist unsere älteste Kuh, sie ist bereits Urur-Oma und noch mehr. Neun Kälber hat sie in ihren 13 Jahren geboren.“ Das sei ein hohes Alter für eine Milchkuh. Vergangene Woche hat sie den Rekord geknackt: 100 000 Liter Milch hat sie gegeben. Mittlerweile ist sie nicht mehr so agil wie früher. „Sie ist nun mal eine Oma – aber sobald es auf die Weide geht, ist sie die erste“, erzählt er. Zum Schlachter wird sie nicht kommen, verspricht er. „Das ist unsere Gnadenbrot-Kuh.“

Keine Massentierhaltung gewünscht

Aber die Bedingungen für Milchbauern machen es nicht einfach, alles schön aussehen zu lassen. „Die Menschen finden es schön, wenn die Tiere auf der Weide stehen. Aber sobald es stinkt, sollen die Tiere wieder weg. Wenn wir Gülle ausfahren haben die Menschen auch etwas dagegen“, aber das Eine bedinge das Andere. „Die Massentierhaltung haben sich die Bauern nicht ausgesucht“, sagt er. „Das beeinflussen die Verbraucher, nicht wir.“

Der neue Anbau für die Jungtiere kostete 300 000 Euro. 20 Jahre läuft der Kredit, den Olaf Schmermbeck nur aufgrund guter Zinsen aufnahm. „Immer wenn etwas übrig ist, investieren wir es wieder“.

Für den Bauer bedeutet dies ein Minusgeschäft. Wenn er rund 40 Cent für einen Liter investieren muss, aber nur knapp über 30 Cent bekommt, bleibt nicht mehr viel übrig. Und wenn der Milchpreis wieder auf ein Rekordtief von unter 20 Cent fällt – wie 2015 – wären die Folgen verheerend. Nach aktuellen Studien der Deutschen Milcherzeugnisgemeinschaft „Milch Board“ (MEG) lagen die Milcherzeugniskosten in Europa in den vergangenen fünf Jahren zwischen 41 und 46 Cent für einen Liter Milch, die Preise betrugen allerdings höchstens 35 Cent. Die MEG warnt: „Auch in den sogenannten guten Jahren – zwischen den Milchkrisen – liegen die Preise permanent unter den Produktionskosten.“ 

So teilt die MEG mit, dass die Kosten für die Milchproduktion auch im dritten Quartal auf 43,28 Cent pro Liter gestiegen sind. Um alle Kosten zu decken und genügend Gewinn einzufahren, fehlen laut MEG neun Cent pro Liter. Als Grund für die steigenden Kosten nennt die Gemeinschaft unter anderem die höheren Kosten für Futter. Der Deutsche Bauernverband (DBV) äußerte die Erwartung, dass die Milcherzeugerpreise in den kommenden Monaten steigen müssten. 

Versorgung der Tiere könnte zum Problem werden

Betriebe könnten demnach momentan noch auf Futterreserven aus dem Vorjahr zurückgreifen. Doch bereits in den vergangenen Wochen sei der Trend erkennbar gewesen, dass die Tierbestände in den Milchviehbetrieben reduziert worden sind – um noch vor Beginn der nächsten Vegetationsperiode im Frühjahr 2019 eine ausreichende Versorgung der Milchkühe sicherzustellen. Bei Schmermbeck werden die Kühe bis Ende April mit dem Futter auskommen, „Aber noch so ein trockener Sommer und wir haben ein Problem“, gibt er zu bedenken. Eine Kuh, die vor Kurzem eine Totgeburt erlitt, gibt aufgrund dessen keine Milch. „Wenn sie nicht trächtig wird, muss sie zum Schlachter, weil die Kosten für ihre Verpflegung zu hoch sind“, bedauert Schmermbeck. „Aber bis ich vom Schlachter einen guten Preis bekomme, muss sie mehr Gewicht zunehmen.“

An der Melkstation bei Bauer Olaf Schmermbeck können mittlerweile zehn Kühe gleichzeitig gemolken werden – früher nur vier.

Milchpreis muss steigen

Grundlage für die weitere Milchpreisentwicklung stellen laut Peter Stahl, Präsident des Milchindustrie-Verbands (MIV), die aktuell zu verhandelnden Verträge mit dem Lebensmitteleinzelhandel dar. „Hier kann der Handel ein Signal zur Stärkung der heimischen Milchwirtschaft setzen“, sagt er.

Schmermbeck grenzt sich vom Begriff der Massentierhaltung ab, versucht sie weitestgehend zu verhindern, aber er weiß auch: „Erst die Masse bringt’s.“ Mit 20 Milchkühen könnte er heute nicht mehr existieren. Aber weder Bauern noch Verbraucher wollen Betriebe mit mehr als 500 Kühen. „Das liegt nicht nur in den Händen der Bauern. Nur der Verbraucher kann etwas verändern.“

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