Lebenskrisen

Am Rande der Gesellschaft

+
Nicht nur zu Feiertagen stecken auch in Schalksmühle Menschen in schweren Lebenskrisen, die sie an den Rand der Gesellschaft stellen. Sie leiden oft an Traumata, Alkoholabhängigkeit oder an psychischen Erkrankungen.

Schalksmühle - An den Feiertagen rund um Weihnachten und dem Jahreswechsel finden viele Menschen Ruhe und die Zeit für Besinnlichkeit mit Familie und Freunden. Es gibt aber auch Menschen in Schalksmühle, die kaum einen Grund zur Freude haben. Sie tragen große Lasten, sei es durch Schicksalsschläge, psychische Erkrankungen oder durch Sucht. Und diese Probleme treten nicht nur an den Feiertagen, sondern immer auf.

Wie heftig es einen treffen kann, weiß Astrid Lehmann von der Tafel in Schalksmühle und Halver. „Wir haben extrem viele Härtefälle.“ So etwa auch die Lebenskrise einer 52 Jahre alten Frau, die eines Morgens in einer quasi leeren Wohnung aufwachte, da sie nach 30 Ehejahren von ihrem Mann verlassen wurde. „Die Betroffene hat sich monatelang nicht vor die Tür getraut, weil ihr die Situation peinlich war. Und weil sie zunächst keine Anträge auf Sozialleistungen gestellt hatte, lebte sie erst von ihren Bekannten und kam dann zu uns.“ Die Frau sei völlig unselbstständig gewesen, ihr Mann hatte alles geregelt.

Etwas anderes erlebe derzeit eine junge Frau Mitte 20, deren Partner spielsüchtig ist und das gesamte Geld für die Familie mit kleinen Kindern verzockt. „Sie hat bei der Feier der Wunschbaumaktion geweint, weil wir ihr einen Tannenbaum angeboten haben, den sie sich sonst nicht hätte leisten können.“ Astrid Lehmann kennt viele solcher Beispiele. 

Arbeitsunfähig durch Krankheit

So auch das einer 30-Jährigen, die an Morbus Crohn, einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung, leidet. Sie ist arbeitsunfähig und hat viele Kosten durch die Krankheit, die die Kasse nicht übernehme. Oder das Beispiel einer Flüchtlingsfrau, die in einem Handy-Video den Mord an ihrem Mann mit ansehen musste. Ihr drohe ebenfalls der Tod in ihrem Heimatland, sie werde aber genau dorthin möglicherweise bald abgeschoben. „Nicht nur ein Stück Brot, sondern immer auch ein offenes Ohr – jetzt und nicht irgendwann“: Mit diesem Motto startete die Tafel vor gut 20 Jahren. 

Mittlerweile sei die Einrichtung für viele die „letzte Rettung“ und Erika Ostmeyer, die Mutter von Astrid Lehmann, die „Oma für alle“. Nicht nur an den Feiertagen werde die Einrichtung „überrannt“, aber die Menschen – von jung bis alt, männlich oder weiblich, jeder Nationalität und oft traumatisiert – seien nun „anhänglicher und offener“. Auch wenn es schwer ist: „Wir machen keine Fließbandarbeit, jeder kommt einzeln dran. Meist platzt es aus ihnen nach ein paar Besuchen von alleine heraus und sie erzählen uns ihre Sorgen.“

Die Tafel hilft

Als Anlaufstelle für diese Menschen sei die Tafel gerade im kommenden Jahr auf die Hilfe der Mitbürger angewiesen. Astrid Lehmann bittet um Spenden, da die finanzielle Lage der Einrichtung sehr schlecht sei.

Anders als bei den meisten Tafelkunden, die ihr Lebensumfeld noch im Griff haben (Astrid Lehmann: „Zumindest halten sie die Fassade aufrecht.“), gibt es auch Menschen, die alles verloren haben. Um sie kümmert sich der Fachbereich für Bürgerdienste und Soziales der Gemeindeverwaltung. „Wir bieten Unterstützung für Personen an, bei denen Obdachlosigkeit bekannt ist oder durch Zwangsräumung eine droht. Die Betroffenen kommen entweder von sich aus zu uns oder werden von der Polizei gefunden“, erklärt Leiterin Silvia Gonzalez. Derzeit sind nur zwei Menschen in Schalksmühle als obdachlos registriert und von der Gemeinde untergebracht. 

Insgesamt stehen vier Zimmer für jeweils zwei Personen zur Verfügung. Im Notfall stellt die Gemeinde auch Mobiliar zur Verfügung, in der Regel sorgt sie aber für die Grundversorgung – also hauptsächlich ein Dach über dem Kopf. Die Leiterin betont, dass diese Unterbringung keine Dauerlösung sei, sondern nur vorübergehend. „Die Menschen werden angehalten, sich eine eigene Unterkunft zu suchen.“ 

Zurück auf die Straße muss niemand

Zurück auf die Straße setzt die Verwaltung in der Regel aber niemanden. Zwar habe man mit Mike Dulas und Peter Kernchen Ansprechpartner vor Ort, weiterführende Beratungsleistungen biete man aber nicht an. Bei Bedarf verweise man etwa auf die Wohnungslosenhilfe der Johanniter in Lüdenscheid, die beispielsweise bei Anträgen, Behördengängen und Umzügen hilft, oder auf den Sozialpsychatrischen Dienst des Märkischen Kreises. Dieser berät und vermittelt Hilfen für Menschen mit seelischen Erkrankungen, wie unter anderem depressiven Störungen, Angst- und Zwangsstörungen, Wahnstörungen, psychosomatischen Störungen, sowie Anpassungsstörungen, Suchterkrankungen und Neurosen. 

Auch Angehörige und Freunde können diese kostenlose Beratung, die der ärztlichen Schweigepflicht unterliegt, in Anspruch nehmen – auch anonym. Sie könne sowohl in Lüdenscheid, vor Ort in der jeweiligen Kommune oder zuhause bei den Klienten stattfinden, erklärt der Leiter des Fachbereichs und der Betreuungsstelle Lothar Buddinger, der Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie ist. Die Betroffenen stehen nicht nur zu Weihnachten am Rande der Gesellschaft. „Wir werden vor dem Fest nicht überschwemmt mit Anfragen. Sie verteilen sich über das ganze Jahr.“ Die erste Kontaktaufnahme finde meist über die Angehörigen, Nachbarn oder Freunde statt. 

Klienten aller Schichten und jeden Alters

Zu den Klienten gehören Männer und Frauen jeden Alters und auch aller Schichten. Einen erheblichen Teil der Klienten würden Alkoholkranke ausmachen, die durch ihren Konsum abgestürzt sind und deshalb gesellschaftlich ausgeschlossen sind. „Gerade Menschen in Notunterkünften, Pflichtwohnungen, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind oder psychisch Kranke, haben es schwer, ihr Leben eigenverantwortlich zu gestalten.“ Mit ihnen versucht das Team des Sozialpsychatrischen Dienstes, das aus Sozialarbeitern- und pädagogen und Ärzten besteht, in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen individuelle Lösungen zu erarbeitet beziehungsweise entsprechende Hilfsangebote zu finden. Die Dauer und Häufigkeit der Beratung schwankt dabei von einem einmaligen Kontakt bis hin zu einer längerfristigen Begleitung. 

Eine Behandlung darf der Dienst allerdings nicht durchführen, was der Leiter bedauert. „Ich würde mir wünschen, dass wir unseren Klienten, mit denen wir im direkten Kontakt stehen, auch in diesem Punkt helfen dürften. Dass würde den Wiedereinstieg ins normale Leben erleichtern.“ Ein großes Augenmerk legt man auf die häuslichen Besuche. Denn ein Blick von außen ist wichtig, um die Lebenssituation der Menschen beurteilen zu können. „Wir erleben auch Messi-ähnliche Wohnumstände. Es ist wichtig zu sehen, wie der Betroffene damit umgeht. Die meisten sehen das Chaos nicht.“ Das Umfeld wird anschließend thematisiert und Maßnahmen, bis hin zum gesetzlichen Betreuer, ergriffen.

Gerade in der letzten Zeit habe man Kontakt zu vielen Personen zwischen 18 und 25 Jahren, die keinen Schulabschluss haben, in Lebenskrisen stecken, psychisch erkrankt und in ihrer Reife verzögert sind, so Lothar Buddinger. „Sie haben das ganze Leben noch vor sich, ihnen fehlt aber vieles zur Eigenständigkeit.“ Der Dienst müsse deshalb erst einmal eine Basisversorgung herstellen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare