Ein Leben als Kinderdorfmutter

+
Seit Oktober vergangenen Jahres ist Annegret Niehoff entpflichtet, betreut also keine Kinder mehr und lebt mittlerweile in einer eigenen Wohnung. „Ich würde alles genauso wieder machen. Es war eine sehr schöne Zeit“, sagt die Schalksmühlerin.

SCHALKSMÜHLE - 1988 trifft Annegret Niehoff eine Entscheidung, die ihr ganzes Leben verändert. Sie wird SOS-Kinderdorfmutter. Damit übernimmt sie die Verantwortung für Kinder, deren leibliche Eltern die Erziehung nicht leisten können. Und entscheidet sich damit gegen die Gründung einer eigenen Familie.

24 Jahre lang lebte Niehoff, die gebürtig aus Herford stammt, im SOS-Kinderdorf Sauerland, zog dort zwei Generationen Kinder groß. Liebte sie wie ihre eigenen, teilte Freude und Leid mit ihnen. „Der große Unterschied zur normalen Heimerziehung ist, dass man im SOS-Kinderdorf den Familienverbund lebt“, erklärt Niehoff.

Die Schalksmühlerin beginnt 1988 als Familienhelferin im Kinderdorf, lernt dort zunächst den Alltag kennen. Schnell merkt sie: „Genauso möchte ich mit Kindern leben und arbeiten.“ Ein Jahr später wird sie Kinderdorfmutter und verpflichtet sich damit, eine Kindergeneration zu betreuen. „Natürlich kann man diesen Job auch kündigen. Aber man tritt in dem Wissen an, dass die Kinder einen nicht nur drei Jahre brauchen, sondern oft auch länger als zehn Jahre“, sagt Niehoff, die seit dem vergangenen Jahr in Schalksmühle lebt.

Bevor sie die ersten Kinder bei sich aufnimmt, richtet Niehoff das Haus auf dem Gelände des Kinderdorfs ein, in dem sie mit ihren Schützlingen leben wird. Die Kinder haben alle ein Einzelzimmer und auch Niehoff hat einen Raum für sich. Eine externe Wohnung hat sie jedoch nicht. „Ich habe komplett im Dorf gelebt. Wenn ich frei hatte, habe ich bei meinen Eltern geschlafen oder war im Urlaub.“

Die Kinder, die im Dorf aufgenommen werden, kommen aus unterschiedlichen Gründen. Meistens sind die leiblichen Eltern mit der Erziehung überfordert, die Kinder werden dann vom Jugendamt vermittelt. Im Vorfeld kommen Eltern und Kinder jedoch in der Einrichtung vorbei, lernen auch die Kinderdorfmütter kennen. „Die Vorabbesuche dienen dazu, dass die Kleinen von der neuen Wohnsituation nicht einfach überrumpelt werden.“ Aber auch nach dem Einzug ins Kinderdorf bleibt der Kontakt zu den leiblichen Eltern bestehen. „Das ist uns sehr wichtig, dass die Mütter und Väter nach wie vor präsent sind“, sagt Niehoff.

Die Eingewöhnungsphase in die Kinderdorffamilie ist für alle Beteiligten anspruchsvoll. Doch ist die erste Phase überwunden, lebt die Familie wie jede andere auch. Die Kinder besuchen öffentliche Schulen, gehen ihren Hobbys nach, man kocht zusammen und regelt den Haushalt. „Die Feiertage haben wir auch zusammen verbracht und gemeinsame Urlaube unternommen, zum Teil mit meiner eigenen Familie. Meine Eltern waren für die Kinder wie Großeltern und meine Schwester wie eine Tante.“

Annegret Niehoff erzieht ihre sechs Pflegekinder, als wenn sie ihre eigenen wären. Besucht Elternabende, hilft bei den Hausaufgaben, tröstet beim ersten Liebeskummer. „Ich bin den Kindern gefühlsmäßig sehr nahe gekommen“, erklärt sie. Auch wenn die Kinder sie mit ihrem Vornamen ansprechen, sagen sie: „Du bist unsere Mama.“

Um so schwerer fällt es Niehoff, als 2000 die ersten ihrer insgesamt sechs Kinder groß genug sind, um auf eigenen Füßen zu stehen und ausziehen. Auch wenn ihr immer bewusst war, dass der Abschied kommt, geht es ihr in dieser Zeit psychisch nicht gut. Sie erhält innerhalb des Kinderdorfs Unterstützung von Kollegen, führt Gespräche mit Supervisoren. 2001 nimmt sie neue Pflegekinder bei sich auf, gründet sozusagen eine neue Familie. Ein neuer Lebensabschnitt beginnt.

Seit Oktober vergangenen Jahres ist Niehoff entpflichtet, lebt also nicht mehr mit ihr anvertrauten Kindern zusammen. Sie entscheidet sich, in der Gegend wohnen zu bleiben, um weiterhin in der Nähe ihrer ehemaligen Kinder zu sein. Zu fast allen hält sie engen Kontakt. „Sie kommen mich besuchen, wir telefonieren regelmäßig miteinander und sie haben mir auch viel bei der Renovierung meiner neuen Wohnung geholfen.“

Auch wenn sich Niehoff 1988 für ein Leben mit fremden Kindern entschied, haderte sie manchmal damit, keine leiblichen Kinder bekommen zu haben. „Ich dachte dann, wenn ich mal alt bin, habe ich niemanden. Aber die Sorge haben mir meine Pflegekinder genommen, indem sie mir sagten: ‘Du hast doch uns’.“

Von Alisa Kannapin

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare