Prozess am Hagener Landgericht 

Richter ziehen Reißleine

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Beim Auftakt des Kupfer-Prozesses Anfang März.

Schalksmühle/Hagen – Der Ausnahmezustand wegen der Bedrohung durch das Coronavirus erreicht auch die Gerichte: Mit dem Verweis auf die gesundheitlichen Risiken setzte die 1. große Wirtschaftsstrafkammer den sogenannten Kupfer-Prozess gegen einen 66-jährigen Angeklagten aus Nachrodt-Wiblingwerde und seinen 49-jährigen Mitangeklagten vorläufig aus.

Zuvor hatten die Richter ein Rechtsgespräch mit der Staatsanwältin und den Verteidigern des 66-Jährigen geführt, um das Verfahren „im Hinblick auf die Corona-Krise zu einem schnellen Ende zu bringen“. Da der Angeklagte das damit verbundene Angebot der Kammer nicht annehmen wollte, zogen die Richter am vierten Verhandlungstag in anderer Weise die Reißleine. Angereiste Zeugen wurden sofort wieder entlassen. 

Einschließlich gestern hatte die Kammer weitere sechs Verhandlungstage eingeplant. In dem Verfahren geht es um angebliche Manipulationen bei Lieferungen von Messing-Schleifstaub durch ein Schalksmühler Unternehmen an ein Verwertungsunternehmen in Ennepetal, das unter anderem Nichteisenmetallschrott aus industrieller Produktion sammelt. Kupfer- und zinkhaltige Produktionsreste werden so gemischt, dass das Material mit fest definierten Metallgehalten in einer Kupferschmelze wiederaufgearbeitet werden kann.

Aus Schalksmühle angelieferter Messingschleifstaub soll über Jahre hinweg mit fast 50 Prozent Sand gestreckt worden sein. Der 49-jährige Angeklagte, ein Mitarbeiter des Ennepetaler Verwertungsunternehmens, hat vor Gericht erklärt, dass er in den Jahren 2011 bis 2015 vorbereitete Probeneimer der Schalksmühler Lieferanten akzeptierte, um einen höheren Metallgehalt des Schleifstaubs zu simulieren.

Von seinem 66-jährigen Mitangeklagten habe er pro Lieferung 150 Euro bekommen. Das bestreitet der Nachrodter allerdings, und auf diesem Hintergrund lehnte er das unterbreitete Angebot der Kammer zu einer zügigen Verfahrensbeendigung ab am Dienstag beim dritten Prozesstag ab. 

Trotz der auf drei Tage begrenzten Beweisaufnahme wurde eine interessante Frage bereits beantwortet: Wie konnte es dazu kommen, dass die angeblich mit fast 50 Prozent Sand gestreckten Lieferungen aus Schalksmühle im weiteren Produktionsprozess nie auffielen? Ein Zeuge verwies auf die Größenverhältnisse: Die aus Schalksmühle mit den 150 Tonnen Metallstaub gelieferten 150 Tonnen Sand seien in einer jährlichen Gesamtmenge von 50 000 Tonnen neu zusammengemischten Metallschrotts nicht aufgefallen. 

„Das angelieferte Spektrum von Kupfer und Zink finden Sie in einem Schiff mit 3000 Tonnen Ladung wieder“, erklärte der Zeuge. Wann die Sache erneut verhandelt wird, ist offen. Weitere sechs Verhandlungstage sind eingeplant.

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