Wieder ein Leerstand

Keine Brötchen mehr am Berg: Letzter Laden schließt    

Massimo Pepe, Backshop, Mathagen, Mollsiepen, Bergstraße, Schalksmühle
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Massimo Pepe (links) und seine Stammkunden im Backshop: Am Sonntag gab’s zum letzten Mal Brötchen auf dem Berg. Mit dem Ladenlokal, das nur noch am Wochenende geöffnet hatte, schließt im Bereich Mathagen/Mollsiepen/Bergstraße das letzte Geschäft. Der Ofen wird in Zukunft in Recklinghausen im Einsatz sein. Was bleibt, sind die Erinnerungen.

Der Letzte, heißt es gemeinhin, mache das Licht aus. Was aber, wenn es taghell ist beim Abschied? Dann fällt die Tür ins Schloss, es wird abgeschlossen und das war’s dann.

Schalksmühle – Tschö mit Ö. Ciau mit V: Pepes Backshop an der Bergstraße ist seit Sonntagmittag Geschichte. Die letzten Brötchen sind verkauft, für Massimo Pepe ist nach 15 Jahren im Ladenlokal Schluss.

„Gesundheitliche Gründe“, sagt der 47-Jährige mit einer Träne im Knopfloch. Es ist ein durchaus emotionaler Abschied. Kunden, die hier in den vergangenen Jahren immer samstags und sonntags ihre Brötchen gekauft haben, sind keine Gelegenheitskunden gewesen. Wer kam, war Stammkunde, kam oft zu Fuß. Ein kleiner Spaziergang am Morgen, dazu ein bisschen Smalltalk mit dem Italiener, der im benachbarten Mollsiepen groß geworden ist. Das Gespräch gerne über Fußball, Pepe ist lange Zeit auch Trainer und sogar mal Klubchef gewesen, als es den Jahnplatz noch gab, nur ein paar Hundert Meter weiter. FC Azzurri hieß der Klub. Auch den gibt es nicht mehr.

Auf dem Tresen liegen die Sonntagszeitungen von Springer, auch da geht’s ja oft um den Fußball. In der Auslage die Brötchen, Pepe hat jeder Sorte einen besonderen Namen gegeben. Er hat Spaß daran gehabt, an seinen Kunden, denen er am letzten Tag für ihre Treue danken will.

Kleine Präsente zum Abschied

„Man hat über die Zeit eine persönliche Beziehung zu den Kunden aufgebaut“, sagt er. Auf dem Tresen steht am letzten Tag ein Foto mit Pepe und einem Brötchenblech, daneben liegt eine Karte – die Kunden unterschreiben darauf. Eine Erinnerung. Viele haben kleine Präsente mitgebracht. Fanartikel vom HSV, der nicht mehr in der 1. Bundesliga spielt, aber trotzdem Pepes Herzensverein bleibt. Wer mag, bekommt ein Glas Sekt zum Abschied. Einer hat Pepe eine dieser Sonnenbrillen geschenkt, deren Gläser in Nationalfarben gehalten sind und die Fußballfans bei einer großen Meisterschaft gerne tragen. Natürlich sind es bei dem Geschenk die Farben Italiens, oder wie Pepe sagt: „Das ist die Brille des neuen Europameisters.“

Es wird noch einmal gescherzt, aber es ist mehr als nur ein bisschen Wehmut dabei: Mit dem Backshop geht der letzte Laden am Berg. Als Massimo Pepe noch Kind war, gab es den Rewe-Markt im Mollsiepen, der auch ohne große Parkplatzflächen funktionierte, weil die Familien noch nicht alle zwei Autos hatten, die Mütter zu Fuß kamen zum Einkauf und auf dem Heimweg die Brötchen beim Bäcker Bräcker kauften. Eine richtige Backstube war das. Dazwischen hatte die Sparkasse ihre Filiale, ein Geschäft mit Zeitungen und Spielzeug schloss sich an der Bergstraße an. Es hieß Lange. Es fehlte an nicht so viel.

Seit 15 Jahren an einem Ort

Später entstand gegenüber vom Rewe ein Getränkemarkt, ein richtiges kleines Einkaufszentrum war es – und als die Chance sich bot, übernahm Massimo Pepe diesen Markt. Vor gut 15 Jahren wechselte er auf die andere Straßenseite. Die Bäckerei, in der inzwischen Oliver Schmäing gebacken und verkauft hatte, stand zum Verkauf. Den Rewe-Markt gab es inzwischen nicht mehr, aus ihm war ein Supermarkt in russischer Hand geworden. Pepe hatte die Idee, aus der Bäckerei einen Nahversorger zu machen. Gemüse, natürlich die Brötchen, alles, was man so braucht. Im Hinterhof Getränke.

Aber welche Chance hat man mit diesem Ansatz in Zeiten der großen Ketten? Irgendwann gab er sich geschlagen und die Idee auf. Nur der Backshop am Wochenende blieb. Pepe betrieb ihn neben seinem Erstjob bei Hoffmann & Schelle. Jeden Samstag und jeden Sonntag ab 6 Uhr. Ende 11 Uhr. „Aber raus war ich oft erst um 12 Uhr“, sagt er. Er hat es gerne gemacht, aber nun ist es genug. Sieben-Tage-Wochen sind auf Dauer keine so gesunde Sache.

Mit dem Auto zum Brötchenholen

Seine Kunden müssen nun ihre Autos nehmen und ins Dorf fahren. Oder sie nutzen den neuen Brötchen-Bringdienst von Marcel Schelberg. Der fährt die Brötchen der Hagener Bäckerei Kamp seit einigen Monaten in der Gemeinde herum. Man muss gar nicht mehr aus dem Haus. Jede Zeit hat ihre Geschäftsmodelle.

Der Ofen aus Pepes Backshop soll schon bald in Recklinghausen Brötchen backen. Das Inventar des Lokals ist verkauft. „Eigentlich wollte ich noch eine Woche länger machen“, sagt Massimo Pepe, „aber dann hatte ich dieses Angebot – und der neue Besitzer wollte die Sachen so früh wie möglich haben.“ Wenigstens den letzten Sonntag zum Abschied aber hat er sich nicht nehmen lassen. So viel Zeit musste sein.

Was mit dem Ladenlokal passiert, es ist offen. Massimo Pepe wird es beobachten – er wohnt mit seiner Familie im hinteren Haus, das ihm gehört. An jedem Tag muss er auf dem Weg zur Arbeit an diesem nun neuen Leerstand vorbei. Es gibt keinen Mangel an Leerständen in Schalksmühle. Einen weiteren neben dem alten Rewe-Markt, in dem schon lange nichts mehr passiert, hat Pepe nun also vor der eigenen Haustür. Dabei ist es für ihn eigentlich kein Leerstand. Es ist ein Ort, der prall gefüllt ist mit Erinnerungen. Die kann ihm niemand nehmen.

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