Kabarett in Schalksmühle: Lyrik als Gassenhauer

Ferdinand Linzenich zeigte vollen Körpereinsatz und schlüpfte in die Rollen zahlreicher Tiere.

SCHALKSMÜHLE ▪ Lyrik ist heute auf der großen Bühne nicht mehr besonders populär – doch die Zuschauer im ausverkauften Pädagogischen Zentrum Löh begeisterten sich am Freitagabend für die Dichtkunst. Auf jeden Fall für die vom Kabarett-Duo „Kleine & Linzenich“ vorgetragene Auswahl. Von Marit Schulte

Die Künstler selbst waren von der Begeisterungsfähigkeit des Publikums überrascht, denn: „Normalerweise sind wir erstaunt, wie viel die Westfalen trinken können, ohne zu lachen.“

Besondere Aktualität konnte man von dem Programm „Deutschstunde – 250 Jahre Litera(tor)tour“, das bereits im Jahr 1986 Premiere feierte, sicherlich nicht erwarten. Dafür boten die Kabarettisten aber eine ganz eigene Interpretation der Werke deutscher Dichter.

So brachten die Rheinländer Ferdinand Linzenich und Nikolaus Kleine dann auch einen großen Teil bekannter Literaten zu Gehör: Ob Erich Kästner, Eugen Roth, Wilhelm Busch, Hans Magnus Enzensberger, Kurt Tucholsky, Joachim Ringelnatz oder Heinz Erhardt – die unterschiedlichsten Themen und Stilrichtungen waren im PZ Löh dabei.

Eingespielt wie ein altes, sarkastisches Ehepaar

Das Zusammenspiel der beiden Kabarettisten glich manchmal dem eines alten Ehepaars. Sarkastische Kommentare aus dem Hintergrund, wie zum Beispiel „Hornbrillen sind für mich die Fuchsschwänze der Intellektuellen“, sorgten immer wieder für Lacher.

Ferdinand Linzenich glänzte vor allem in den „tierischen Rollen“. „Die polyglotte Katze“ von Erhardt (1909-1979), dessen Werk Linzenich mit den Worten „Keiner konnte mit der deutschen Sprache so brillant Nonsens fabrizieren“ beschrieb, stand auf dem Programm. Auch „Das Huhn“ und „Die Schnecke“ von Christian Morgenstern (1871-1914) oder „Im Karpfenteiche“ von Hanns Heinz Ewers (1871-1943) interpretierte der Kabarettist mit brillanter Mimik und Gestik. Dabei suchte er immer wieder den Kontakt zum Publikum und kam ihm dabei gelegentlich ganz nah.

Ernste Töne korrespondieren mit brillant rezitierter Komik

Neben aller Komik schlug das Duo aber auch ernstere Töne an. So rezitierten die Künstler im zweiten Teil zum Beispiel Rainer Maria Rilkes (1875-1926) „Der Panther“ sowie mehrere Stück ihrer Lieblingsdichterin Mascha Kaleko (1907-1975), die immer wieder nachdenklich machten.

Beim Titel „In 50 Jahren ist alles vorbei“ von Otto Reutter (1870-1931), einem „Popstar aus der Kaiserzeit“, stimmte das Publikum dann kräftig mit ein. Das 1919 geschriebene Couplet spendet Trost und beruhigt den Zuhörer: „Denk’ stets, wenn etwas dir nicht gefällt: Es währt nichts ewig auf dieser Welt. Der kleinste Ärger, die größte Qual sind nicht von Dauer, sie enden mal.“

Die angekündigte Polonaise zum Abschluss blieb zwar aus, aber die Besucher forderten lautstark mehrere Zugaben, bevor sie das Duo von der Bühne ziehen ließen. Kleine und Linzenich verneigten sich im Gegenzug „voll Demut vor so viel Sachverstand“.

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