Julius’ Herzenswunsch geht in Erfüllung

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Pilot Felix Freitag, Edgar, Julius, Stefanie und Liane Pohl zusammen mit Tobias Spyra (von links) am Meinerzhagener Flugplatz. ▪

SCHALKSMÜHLE ▪ Rotorblätter peitschen durch die Luft. Es wummert und dröhnt. Julius verzieht das Gesicht. Die Finger krallen sich im Sitz fest. Mit einem Ruck hebt der Hubschrauber ab. Julius Miene verändert sich. Er lacht – die Angst ist verflogen. Für den Sechsjährigen, der einen schweren angeborenen Herzfehler hat, geht ein großer Wunsch in Erfüllung.

Die Luft wirbelt durch die Haare von Vater Edgar Pohl. Der 39-Jährige winkt mit der einen Hand, mit der anderen fotografiert er. Von oben wird er immer kleiner. 100, 200, 300 Meter steigt der Hubschrauber in die Höhe. Autos, Kühe, Häuser und Wälder sehen aus wie bei einer Modellbahn. Mit rund 120 Stundenkilometern fliegt Pilot Felix Freitag vom Meinerzhagener Flugplatz in Richtung Autobahn. Oberhalb der A45 fliegt er Richtung Lüdenscheid. „Hier bist du zur Welt gekommen“, sagt Stefanie Pohl zu ihrer Tochter Liane, die hinten neben Julius sitzt, und deutet auf die Märkischen Kliniken in Lüdenscheid-Hellersen.

Anders als seine große Schwester ist Julius nicht in Lüdenscheid, sondern in einer Spezialklinik zur Welt gekommen. Während der Schwangerschaft hatten Ärzte beim Ultraschall eine Unregelmäßigkeit festgestellt. Nach Untersuchungen in Fachabteilungen in Dortmund, Bonn und Bad Oeynhausen stand fest, dass der ungeborene Sohn einen Herzfehler haben wird. Auf Grund der Schwere der Krankheit brachte Stefanie Pohl ihren Sohn Julius im Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen in Bad Oeynhausen zur Welt. Nach der Geburt stand eindeutig fest – er hat eine Trikuspidalatresie. Bei dieser Erkrankung besteht keine Verbindung zwischen dem rechten Vorhof und dem rechten Ventrikel des Herzens.

Nur wenige Sekunden später kreist der gelbe Hubschrauber über Schalksmühle. „Da ist dein Kindergarten.“ Stefanie Pohl guckt Julius an und zeigt auf das Gebäude des Kindergartens „Junges Gemüse“.

Der Sechsjährige gehört vom Alter her zu den Großen – ist körperlich aber kleiner und nicht so weit entwickelt wie seine gleichaltrigen Freunde im Kindergarten. Daher wird er ein Jahr länger die Einrichtung an der Viktoriastraße besuchen. Trotz Einschränkungen durch den Herzfehler ist Julius ein kleines Kraftpaket – ein Kämpfer. Direkt am zweiten Lebenstag operierten ihn Ärzte zum ersten Mal am offenen Herzen. Im Alter von vier Monaten folgte die zweite große OP. Mit Zweieinhalb folgt die dritte und im vergangenen Jahr die vierte und vorläufig letzte Operation am Herzen.

Vom Ortskern Schalksmühle dreht Felix Freitag den Hubschrauber ab und fliegt in Richtung Höhengebiet. Mitten zwischen Wäldern und Wiesen erscheinen einige Häuser – darunter das Zuhause von Familie Pohl. Julius streckt und reckt sich und schaut aus dem Fenster. Per Kopfhörer und Mikrofon unterhält sich Mutter Stefanie mit ihren beiden Kindern. Julius spricht leise – sehr leise.

Durch die schweren Operationen hat Julius Folgebeschwerden: Lungenprobleme und eine Stimmbandlähmung. Hin und wieder hustet der zierliche Sechsjährige Schleim aus und hat Atemnot. Ein Sauerstoffgerät und Logopädie ermöglichen Julius ein normales Leben: Er fährt Fahrrad, springt auf dem Trampolin und dreht seine Runden mit dem Tretroller. Eine besondere Leidenschaft des Sechsjährigen ist die Musik. In Halver nimmt Julius Musikunterricht. Klatscht bei Songs im Radio im Takt mit und singt.

„Hin und wieder – da streiten wir uns auch“, sagt Liane, während sie ihren Bruder ansieht. Kebbeln und Spielzeuge stibitzen – wie bei anderen Kindern auch. „Manchmal tut er mir aber doch leid, dann wenn ich ihn mit den ganzen Schläuchen im Krankenhaus sehe.“ Derweil dreht Felix Freitag den Hubschrauber um und fliegt zurück gen Meinerzhagen. Auf dem Flugplatz wartet Vater Edgar zusammen mit Tobias Spyra – sie winken. Spyra ist seit einem Jahr beim Kölner-Verein „wünschdirwas“ aktiv. Der Verein hat es sich zum Ziel gesetzt schwer erkrankten Kindern und Jugendlichen Herzenswünsche zu erfüllen. „Nachdem wir von dem Wunsch erfahren haben, haben wir nach einem Hubschrauberpiloten gesucht“, erklärt Tobias Spyra Edgar Pohl das Prozedere. Mit dem Bonner Unternehmen Air Lloyd, das hauptsächlich die Überwachung von Pipelines und Hochspannungsleitungen aus der Luft übernimmt, hat der Verein einen Partner gefunden, der Julius den Herzenswunsch erfüllt.

Rotorblätter peitschen durch die Luft. Es wummert und dröhnt. Julius lacht. Er läuft über den Flugplatz in Meinerzhagen und breitet die Arme aus. „Fliegen ist einfach toll. Das will ich auf jeden Fall noch mal wieder machen.“ ▪ Von Matthias Clever

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