Ein Jahr in Afrika: Strom ist seltener Luxus

Begegnungen sind wichtig: Max hat Freunde in Tansania, aber auch die Familie zuhause neu schätzen gelernt.

SCHALKSMÜHLE ▪ Elektrischer Strom, Auto und Waschmaschine sind für Maximilian Specht längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Seit August 2010 lebt der 20-jährige Schalksmühler in Mwanza, Tansania. Dort absolviert er ein freiwilliges Jahr für die Allianz-Mission, die Auslandsmission des Bundes Freier evangelischer Gemeinden. An verschiedenen Schulen unterrichtet er Mathematik und Religion.

Unterricht mit Stöckchen, aber ohne Bücher

Deshalb steht für Max jeden Morgen Unterrichtsvorbereitung auf dem Plan, bevor er sich auf sein Rad schwingt und an die 45-minütige Fahrt zu einer Grundschule macht. Dort läuft der Unterricht ganz anders ab als in Deutschland. „Jeden Unterrichtstag habe ich das Problem, dass einige Schüler keinen Stift oder kein Heft haben. Die Schüler haben keine Bücher“, berichtet Max. Tansanische Lehrer schlagen ihre Schüler mit dem Stöckchen, damit diese gehorchen. „Die Schüler verstehen nicht, warum sie in meiner Unterrichtsstunde etwas machen sollen, weil ich sie nicht schlage. Es tut mir immer wieder weh, wenn ich sehe, wie wenig die Schüler lernen. Wenn man das alles etwas organisierter angehen würde, könnte man viel mehr erreichen“, ist der gelernte Informatikkaufmann inzwischen überzeugt.

Strom wird zum

seltenen Luxusgut

An den Nachmittagen spielt Max mit Straßenkindern, arbeitet in Jugendstunden und der Jungschar in einer örtlichen Gemeinde mit. Daneben müssen er und sein Kollege, mit dem er sich ein Haus teilt, ihren Haushalt führen. Tätigkeiten wie Geschirr spülen, Kleidung mit der Hand waschen und putzen halten ohne Hilfsmittel wie Wasch- und Spülmaschine oder Staubsauger länger auf als zu Hause. Auch bei der Essenszubereitung hat Max Unterschiede festgestellt: „Viele Arbeitsschritte, die wir in Deutschland nicht mehr kennen, weil die Produkte schon fertig im Regal im Supermarkt liegen, muss man hier noch machen. Reis, Bohnen oder ähnliches müssen ausgelesen und gewaschen werden. Wenn man Fleisch kauft, geht man zu einem Shop, der eine halbe Kuh an der Wand hängen hat. Man lässt sich ein Stück abschneiden und muss dann zu Hause sehen, was man damit anfangen kann. Fleisch kauft man am besten morgens, wenn noch nicht so viele Fliegen dran waren.“ Auch den Luxus einer permanenten Stromversorgung hat Max erst in Tansania so richtig schätzen gelernt. Denn dort ist manchmal nur die Hälfte des Tages Strom vorhanden.

Verspätungen sind vorprogrammiert

An den tansanischen Umgang mit Zeit und Pünktlichkeit musste sich der Deutsche ebenfalls erst gewöhnen. „Viele Veranstaltungen laufen hier scheinbar zeitlos ab. So kann ein Gottesdienst bis zu vier Stunden dauern. Wenn jemand auf dem Weg zu einer Veranstaltung ist und unterwegs einen Bekannten trifft, dann ist genügend Zeit, um sich ausgiebig zu unterhalten. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob man dann wesentlich später kommt. Veranstaltungen fangen viel zu spät an, Jugendstunden oder Chorproben werden kurzfristig abgesagt, weil es irgendwo eine interessantere Veranstaltung gibt. Begegnung und Beziehung sind wichtiger, als Termine einzuhalten und zur festgelegten Zeit am richtigen Ort zu sein.“

Das alles hat Max gelassener gemacht, wie er sagt. Und auch sein Blick auf Menschen hat sich verändert. Die, die er in Tansania kennen gelernt hat, und seine Familie und Freunde zu Hause – sie sind ihm wichtiger geworden. Auf das Wiedersehen mit ihnen bei seiner Rückkehr im Sommer freut sich der Schalksmühler. Wie es dann weitergeht, steht für Max schon fest: „Ich werde wieder als Informatikkaufmann bei der Firma Spelsberg arbeiten. Darauf freue ich mich schon. Denn da kann ich mir mit guter Arbeit Respekt verdienen. Das geht in Tansania nicht. Respekt hat man nur, wenn man älter ist. Deshalb kommt Tansania in vielen Dingen nicht weiter, weil die Älteren den Fortschritt stoppen.“ ▪ Marit Schulte

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare