„Das klassische Denken reicht allein nicht aus“

Michael Siol tritt in Schalksmühle als Bürgermeisterkandidat für die SPD an.

Schalksmühle - Drei Kandidaten werden im Mai für das Bürgermeisteramt kandidieren. Neben Bürgermeister Jörg Schönenberg, der von FDP und UWG unterstützt wird, treten Michael Siol für die SPD und Jörg Weber für die CDU an. Alisa Kannapin und Matthias Clever sprachen mit dem Herausforderer Michael Siol über Ziele, Schwächen, Langzeitstudium und Prostitution.

Zur Person 

Der 28-jährige Michael Siol ist seit 2006 verheiratet und hat eine vierjährige Tochter sowie einen dreijährigen Sohn.

Siol studiert derzeit evangelische Theologie in Bochum. Seine Diplom-Arbeit zum Thema „Herrschen und Dienen“ hat er bereits abgegeben.

Planmäßig wird der Schalksmühler ab dem 2. September 2014 Diplom-Theologe sein.

In den vergangenen drei Jahren war Michael Siol hauptberuflich Hausmann. Das Studium lief in der Zeit parallel weiter. Er lernte und arbeitete daher viel autodidaktisch von Zuhause aus.

Sie sind relativ unbekannt und in fünf Monaten ist schon die Bürgermeisterwahl. Glauben Sie ernsthaft, gewählt zu werden? 

Michael Siol: Ich bin vorsichtig optimistisch. Es ist eine Wechselstimmung im Ort spürbar und ich stehe für etwas Neues. Ich wäre als Bürgermeister der richtige Mann am richtigen Platz. Es passt charakterlich und meine wissenschaftliche Ausbildung, sowie zahlreiche Fortbildungen bilden eine solide Basis für das Amt.

Warum sollten die Bürger Sie wählen, ohne zu wissen, wofür Sie eigentlich stehen?

Bisher wurde zu oft nur auf Entwicklungen reagiert, statt vorausschauend zu handeln. Die größte Herausforderung wird sein, den demografischen Wandel in all seinen Ausprägungen zu gestalten. Dafür müssen wir weg vom Denken in Einzelmaßnahmen und hin zu einem schlüssigen Gesamtkonzept. Diese Weitsicht fehlt gegenwärtig.

Michael Siol: Während wir nicht wissen, wie wir die Realschulgebäude loswerden sollen, wird wenige hundert Meter weiter für viele Millionen Euro eine neue Schule gebaut. Die Primus-Schule ist richtig. Aber die Schülerzahlentwicklung wäre viel früher absehbar gewesen. Wie müssen sich die Kinder und Eltern der Verbundschule angesichts solch kurzsichtiger Entscheidungen heute fühlen!? Die Kommunalpolitik soll Weichen für 30, 40 Jahre stellen. Die gegenwärtigen Themen Primus-Schule, Regionale und Kunstrasenplatz sind da Einzelmaßnahmen, die im wirtschaftlichen und städteplanerischen Gesamtzusammenhang betrachtet werden müssen. Dazu braucht es die gemeinsam entwickelte Idee von einem Ort.

Das klingt nach einer Mammutaufgabe und Sie sind unerfahren. Ist das nicht ein Argument Jörg Schönenberg zu wählen?

Michael Siol: Meine Kandidatur hat Schwächen, da brauchen wir nicht drum herum zu reden. Ich bin jung und habe dadurch weniger Lebenserfahrung und zudem keine qualifizierte Verwaltungsausbildung. Jörg Schönenberg ist dagegen ein erfahrener und guter Verwalter. Dadurch, dass ich nicht aus der Verwaltung komme, habe ich eine andere Sicht auf manche Abläufe und eine entsprechend andere Herangehensweise. Ich setze darauf, mit möglichst vielen Menschen gemeinsam die Zukunft des Ortes zu gestalten und möchte dazu als Bürgermeister das Miteinander von Verwaltung, Politik und Bürgerschaft aktiv moderieren. Mein Alter hat zudem den Vorteil, dass ich wirklich langfristig als Bürgermeister zur Verfügung stehen werde.

Sie wären nicht nur Bürgermeister, sondern damit auch direkt Chef eines Betriebes mit mehr als 100 Mitarbeitern.

Michael Siol: Bevor ich mich zur Kandidatur entschieden habe, habe ich mich mit mehreren Bürgermeistern aus NRW über das Amt und insbesondere die Verwaltungsführung unterhalten. Um selbst Einblicke zu bekommen, habe ich in kommunalen Verwaltungen hospitiert und mich privat umfassend fortgebildet. Die fachliche Arbeitsgrundlage wird vom ersten Tag an stimmen. Etwas Einarbeitungszeit wird aber nötig sein.

Die Verwaltung wird bei mir in guten Händen sein, weil ich immer zuerst den Menschen sehe und bei den Stärken ansetze. Ich bin in der Lage, Hauptamtliche und Ehrenamtliche zusammenzuführen und so einen Ort zu verbinden. Das sind die fachlichen und charakterlichen Voraussetzungen, um die es in dieser Position geht.

Falls Sie Bürgermeister werden, wird der dann ehemalige Bürgermeister Jörg Schönenberg wohl weiter in der Verwaltung arbeiten. Ist Ärger da nicht programmiert?

Michael Siol: Ich möchte auf seine Erfahrung gar nicht verzichten müssen. Jörg Schönenberg und ich verstehen uns persönlich gut und werden das auch über den Wahltag hinaus tun. Daher wird die Zusammenarbeit funktionieren. Dafür sind wir beide Profi genug. Im Vordergrund steht für uns beide eine gute Arbeit für Schalksmühle, wobei ich möglichst viele Menschen mitnehmen möchte.

Wie stellen Sie sich das vor?

Michael Siol:  Die Identifikation der Menschen mit ihren Ortslagen, Nachbarschaften und Vereinen ist das größte Potenzial unserer Gemeinde. Das klassische Gremien- und Parteiendenken reicht allein nicht aus, um der Struktur des Ortes gerecht zu werden. Bei vielen Themen sollten nicht nur Verwaltung und Politik, sondern vor allem die Betroffenen in die Entscheidung eingebunden werden. Bei der Primus-Schule haben wir gesehen, was dadurch für eine Energie entsteht.

Warum sollten allein die Leute, die ein Rats- oder Ausschussmandat haben, sämtliche Entscheidungen der nächsten Jahre treffen? Oft bringt es schon etwas, wenn sich die Menschen zusammensetzen und sich austauschen. Wie damals beim Golden House.

Was hat das Bürgertreffen in Heedfeld gebracht?

Michael Siol: Die Menschen konnten ihre Sorgen und Bedenken äußern. Dadurch konnte die Diskussion insgesamt versachlicht werden.

Aber Sie haben die Errichtung eines Sperrbezirks ins Spiel gebracht. 13 Monate gibt es jetzt das Bordell. Illegales passiert ist aber laut Polizei nichts.

Michael Siol: Es geht mir und der SPD nicht um das Bordell, sondern vordergründig um den TuS Linscheid-Heedfeld. Unsere Befürchtung ist, dass einzelne Eltern ihre Kinder im Zweifel bei anderen Sportvereinen anmelden, weil ein Bordell direkt an das Trainingsgelände des TuS grenzt. Nach 13 Monaten kann man noch nicht beantworten, ob es diese Entwicklung tatsächlich geben wird.

Ein Dreivierteljahr vor der Eröffnung des Golden House hat die Politik gewusst, dass die Möglichkeit besteht, dass dort ein Bordell eröffnet wird. Die Politik hat damals nicht gehandelt. Erst nach der Eröffnung sind die Parteien aktiv geworden. Das kann man doch nicht ernst nehmen.

Michael Siol: Es sind Fehler gemacht worden. Man hätte vorausschauender handeln und vor allem besser kommunizieren können. Das stimmt. Aber das Bordell ist kein kommunalpolitisches Thema.

SPD, CDU und UWG haben das durch ihr Handeln aber selbst zu einem kommunalpolitischen Thema gemacht. Eine andere Sache, welche der SPD im Wahlkampf vorgehalten werden wird, ist die Solidarumlage. Die Genossen aus Düsseldorf wollen Millionen aus Schalksmühle. Nicht gerade hilfreich für Sie. 

Michael Siol: Wir sind gegen die Abundanzumlage. Als einzige Partei vor Ort haben wir uns bis zuletzt aktiv gegen den Soli eingesetzt und sind auf die Straße gegangen. Wir sind auch die einzige Partei, die parteipolitischen Einfluss auf das Handeln der Landesregierung hat. Obwohl wir hier im Ort derzeit nur drittstärkste Kraft sind, konnten wir dazu beitragen, dass die geforderte Summe deutlich gesenkt wurde. Einem parteilosen Bürgermeister fehlen die überörtlichen Kontakte und Einflussmöglichkeiten, um entscheidenden politischen Druck aufbauen zu können.

Sozial ist der Soli aber ganz und gar nicht.

Michael Siol: Meiner Meinung nach, ist der Soli noch nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein. 90 Millionen Euro, die jährlich insgesamt gesammelt werden, sind im Vergleich zu den Schuldenbergen des Ruhrgebiets überhaupt nichts. Uns wird geschadet und den Nehmerkommunen nicht geholfen. Das passt nicht.

Neben dieser inhaltlichen Kritik heißt es: „Was will der Langzeitstudent eigentlich?“

Michael Siol: Für das Theologie-Studium braucht man normalerweise 13 Semester. Ich habe 15 gebraucht, davon war ich sechs Semester Hausmann. Meiner Frau und mir ist es wichtig, dass die Kinder zu Hause mittagessen und sie uns als erste Bezugspersonen haben. Da meine Frau in Vollzeit arbeitet, übernehme ich diesen Part. Dadurch hat das Studium etwas länger gedauert. Demnächst tauschen wir dann unsere privaten Rollen.

Der Beruf des Bürgermeisters ist nicht nach acht Stunden am Tag zu Ende. Wird es nicht schwer, dies miteinander zu vereinen?

Michael Siol: Ich habe studiert, um Pfarrer zu werden. Die Berufsbilder ähneln sich. Auch ein Pfarrer ist permanent für seine Gemeinde verfügbar. Beide Berufe muss man mit der ganzen Person leben und ausfüllen und die Familie muss voll dahinter stehen. Wir können abschätzen, was auf uns zukommt und freuen uns darauf.

Wie wird sich die Gemeinde mit Ihnen als Bürgermeister entwickeln? 

Michael Siol: Als erstes werde ich mir einen Überblick vom Zustand der Verwaltung machen. Die Eckpfeiler von Rechnungsprüfung, Personalwesen, Prozessoptimierung und Öffentlichkeitsarbeit müssen stimmen. Dann möchte ich die Bevölkerung stärker mitnehmen. Ich stehe für Transparenz. Sooft es rechtlich möglich ist, will ich Vieles, was heute „hinter den Kulissen“ geregelt wird, öffentlich besprechen. Wir müssen die Anliegen der Bürgerinnen und Bürger ernster nehmen und besser informieren – auch in den Randbezirken der Gemeinde.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare