Großes Thema

Inklusion an der Primusschule: Unterstützung für 63 Schüler

Primusschule Inklusion Schalksmühle
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Inklusion ist ihr Thema an der Primusschule: Schulleiterin Astrid Bangert (links), Sonderpädagogin Nadja Flieger (Mitte) und die stellvertretende Schulleiterin Anja Krause, gemeinsam mit Schulhund Rocky.

Inklusion ist an der Primusschule ein großes Thema. Die Förderung von Jungen und Mädchen mit erhöhtem Unterstützungsbedarf wird am Löh groß geschrieben und gelebt. Doch läuft die Inklusion auch so, wie sie laufen sollte? Wo sind noch Stellschrauben, um es noch besser zu machen? Und wo sind der Inklusion Grenzen gesetzt?

Im Gespräch mit Schulleiterin Astrid Bangert, der stellvertretenden Schulleiterin Anja Krause und der Sonderpädagogin Nadja Flieger schaut Redakteur Thomas Machatzke auf das große Thema an der einzigen weiterführenden Schule im Volmeort.

Inklusion ist an der Primusschule ein großes Thema: Wie zufrieden sind Sie mit dem Stand der Inklusion an Ihrer Schule?
Nadja Flieger: Gemessen am Schulumfeld, können wir zufrieden sein, wenn wir uns mit anderen weiterführenden Schulen vergleichen. Weil wir ja schon als Grundlage ganz viel bieten. Unser Konzept bietet schon sehr viele Möglichkeiten, inklusiv zu arbeiten.
Zum Beispiel?
Flieger: Zum Beispiel durch die Themenboxen, mit denen wir arbeiten, aber auch durch den jahrgangsübergreifenden und themenübergreifenden Unterricht. Durch die Art, wie die Inhalte bei uns angelegt sind.
Wie groß ist denn der Anteil des inklusiven Unterrichtes?
Anja Krause: In jeder Klasse wird inklusiv unterrichtet. Das ist ja grundsätzlich vom Konzept her schon so angelegt. In jeder Klasse wird jahrgangsgemischt gearbeitet. Das heißt: Wir müssen automatisch darauf eingehen, dass die Schüler unterschiedliche Stände haben. Wir arbeiten mit übergeordneten Themenbereichen, die sehr differenziert und individualisiert angeboten werden, sodass Kinder, die keinen Unterstützungsbedarf haben, praktisch sich nach oben strecken können. Aber es gibt eben auch Kinder im mittleren und unteren Bereich. Es wird weniger frontal unterrichtet, jeder arbeitet an seinem Plan und hat die Möglichkeit, an seine Leistungsgrenze zu gehen. Das ist unser Unterrichtsprinzip. Die Rolle des Lehrers ist eine andere als früher. Wir sind eher Lernbegleiter als Vortänzer. So wie man es von der Schule von früher kennt, das gibt es hier nicht.
Heißt das dann auch, dass die Kinder, die großen Unterstützungsbedarf haben und viel begleitet werden müssen, ganz besonders unter der Pandemie und seinen Begleiterscheinungen für den Unterricht gelitten haben?
Flieger: Das war unterschiedlich. Wir haben uns da beraten und geschaut, dass die Kinder mit einem erhöhten Bedarf auch tatsächlich hier sind in der Notbetreuung und gefördert werden können. Bei anderen war das teilweise nicht so möglich. Manche sind aber auch aufgeblüht. In den oberen Klassen gab es ein paar Schüler, die sehr affin sind, was Technik und Medien angeht. Die kamen super zurecht, haben den Kontakt zu den Lehrern gesucht. Sie haben sogar sehr selbstständig gearbeitet, weil sie es vorher schon gewohnt waren. Für manche war es aber auch sehr, sehr schwierig, alleine zu Hause zu arbeiten.
Astrid Bangert: Es geht immer darum zu schauen, wie Kinder mit dieser Arbeitsform klarkommen. Tatsächlich erlebt man, dass auch bei den Kindern mit Unterstützungsbedarf unterschiedlichste Kompetenzen vorhanden sind. Ein Kind, das Unterstützungsbedarf hat, hat nicht immer gleich ein Problem im Arbeitsverhalten, sondern vielleicht das Problem, dass Aufgaben zu schwer sind. Oder ein Problem mit dem Stillsitzen auf dem Stuhl. Das heißt nicht, dass sie im Homeschooling nicht zurechtgekommen sind. Wir haben einen Blick auf alle Kinder und gucken ganz genau hin, was alle Kinder brauchen. Wir sorgen dafür, dass die Kinder mit Unterstützungsbedarf sonderpädagogische Expertise an die Seite bekommen. Das heißt für uns auch, dass wir die Kollegen, die mit den Kindern arbeiten, beraten, ihnen zeigen: Was braucht jetzt ein Kind? Zum Beispiel ein körperbehindertes Kind im Sportunterricht?
Frau Flieger, was macht es denn für Sie als Sonderpädagogin aus, hier zu arbeiten?
Flieger: Es ist ein anderes Arbeiten als an der Förderschule. Manchmal vermisse ich es auch, meine eigene Klasse zu haben, in der ich von Anfang bis Ende die Dinge planen kann und in der Hand habe. Ich habe mich aber ganz bewusst für dieses System entschieden, weil es für Inklusion so viel bietet. Ich fand es attraktiv, ein anderes Verhältnis zu den Schülern zu haben, Lernbegleiter zu sein, die Kollegen zu beraten, den Blick auf alle Schüler zu haben. Zu sehen, wie sie in der Klasse zusammenarbeiten. Man hat ein breiteres Spektrum. Das ist spannend. Man kann die Schüler in ihrer Selbstständigkeit fördern.
Sie sagen: Vieles läuft schon gut, aber man ist ja nie zufrieden. Was könnte denn noch besser laufen?
Bangert: Unsere personelle Ausstattung im Bereich Sonderpädagogik lässt wie an allen Schulen zu wünschen übrig. Wir sind da sogar noch besser dran als andere Schulen, aber nicht so, wie es vom Inklusionserlass geplant ist. Da müssten wir deutlich mehr Kolleginnen haben, die eine sonderpädagogische Ausbildung haben.
Woran liegt das? Bekommt man diese Kräfte so schlecht?
Bangert: Es gibt weder Sonderpädagogen noch Primarstufen-Lehrkräfte auf dem Markt. Es gibt wenig Sek-I-Lehrkräfte, es gibt halt überwiegend Sek-II-Lehrkräfte, die frei verfügbar sind.
Wenn es die gäbe, dann würde man die hier auch einstellen dürfen?
Bangert: Ja, wir haben schon zweimal eine Stelle ausgeschrieben, die nennt sich A13S-Stelle. Das ist eine Sonderpädagogen-Stelle, die man öffnen kann für Sek-II-Lehrkräfte. Man muss den Inklusionsanteil dann in anderer Form nachweisen, muss zeigen, dass im Bereich Inklusion was läuft, aber das ist in unserem Konzept ja ohnehin verankert. Im unteren Bereich arbeiten wir inzwischen mit einer besonderen Klasse, die kleiner ist. Da geht es ums Lesen- und Schreibenlernen, um den Erwerb der grundlegenden Rechenkompetenzen. Das sind Kinder, die noch nicht so selbstständig sind, dass sie da mitkommen. Dafür haben wir nun eine kleinere Lerngruppe mit höherem Personalschlüssel.
Aber das wird dann mit der Zeit besser...
Bangert: Ja, wir erleben auch nach oben hin, dass unsere Kinder mit Unterstützungsbedarf im Klassenverband gar nicht mehr auffallen. Wir hatten Unterrichtsbesuche mit Fachleitungen, bei denen auch Lehramtsanwärterinnen der Sonderpädagogik dabei war. Da hat die Fachleitung mich gefragt: Wer sind denn hier die Kinder mit Unterstützungsbedarf? Sie stechen nicht mehr heraus.
Das ist ja ein schönes Kompliment für die Arbeit, die man leistet.
Krause: Das ist Inklusion!
Bangert: Genau, da gelingt es uns bei dem einen oder anderen, dass auf dem Weg nach oben der Unterstützungsbedarf wieder aufgehoben werden kann. Für die Schullaufbahn ist das natürlich besser. Wir hatten zuletzt eine Schülerin, die hat die Schule sogar mit dem Qualifikationsvermerk für die gymnasiale Oberstufe verlassen. Auch solche Geschichten sind möglich, wenn man eine inklusive Schule hat. So etwas ist nicht möglich, wenn man separiert, also zum Beispiel im dreigliedrigen Schulsystem und daneben in den Förderschulen. Wenn man Kinder immer weiter abschult nach unten, wie es all die Jahre und Jahrzehnte Tradition gewesen ist. Wenn ein Kind an der Förderschule ist, gibt es ja keine anderen Kinder, an denen es sich orientieren kann, die es mitziehen.
Krause: Wobei wir froh sind, dass es die Förderschulen gibt, weil wir auch nicht alle Kinder adäquat fördern können. Es kommt immer auf den individuellen Bedarf des Kindes an und darauf, was wir ihm bieten können. Es gibt Kinder, die brauchen ganz kleine Lerngruppen, eine ganz enge Bindung an eine Lehrkraft. Das kann hier nicht umgesetzt werden. Von unseren 514 Schülern haben wir 63 mit Unterstützungsbedarf. Das sind 12,3 Prozent. Im Landesschnitt ist das zu viel. Die Landesregierung geht davon aus, dass fünf Prozent mit Unterstützungsbedarf da sind. Aber da ist ein landesweiter Trend zu sehen. Wir sind attraktiv für Familien, deren Kinder in Nachbarkommunen Schwierigkeiten haben, die dann versuchen, ihr Kind bei uns anzumelden.
Wo kommen die Kinder dann her? Halver? Lüdenscheid?
Bangert: Ja, aber auch aus Breckerfeld und Hagen. Ein Kind haben wir aus Radevormwald. Es kommt immer darauf an, wie wichtig das den Eltern ist. Mittlerweile schaffen wir das aber gar nicht mehr, weil in Schalksmühle der Anteil an Kindern mit Unterstützungsbedarf selbst schon so hoch ist, dass wir eigentlich aus anderen Kommunen gar keine Kinder mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf aufnehmen können. Die müssen wir alle ablehnen. Im Gründungsprozess war das noch nicht so stark ausgeprägt. Da war das Denken der Eltern noch nicht so. Mittlerweile können wir aber nur noch die Schalksmühler Kinder versorgen. Mehr geht nicht.
Krause: Wobei man sagen muss, dass der Schulträger uns sehr zugetan ist. Wir sind die einzige weiterführende Schule im Ort. Die materielle Ausstattung ist absolut gesichert, bei der personellen kann der Träger ja auch nicht so viel tun. Das muss man auf jeden Fall sehr wertschätzen. Wir haben einen direkten Ansprechpartner bei der Gemeinde, der sich um die materiellen Dinge kümmert. Da geht es uns gut im Vergleich zu anderen Schulen.
Das klingt alles nach einem echten Vorbildprojekt.
Krause: Ja, so würde ich es auch sehen.
Bangert: Wenn man alleine unsere Gebäude sieht. Diese Optik, wenn jetzt gerade die Sonne scheint. Diese Architektur mit den bunten Fenstern, mit Holz gepaart. Das macht was her – und das macht auch etwas mit den Leuten. Wir haben mit Zerstörung im Gebäude kaum etwas zu tun. Da sind unsere Schüler sehr wertschätzend. Sie nehmen wahr, dass es hier schön ist, auch die Toiletten zum Beispiel. Das war hier zur Gründungszeit anders. Da waren die Toiletten 40 Jahre alt oder älter. Da mag man eigentlich gar nicht draufgehen. Im Großen und Ganzen ist es klasse, wie sich die Schülerinnen und Schüler verhalten. Hier herrscht ein besonderes Klima. Unser ehemaliger Dezernent sagte immer: „Wenn man hier hinkommt, ist es immer so friedlich.“ Das ist auch so: Wenn man durchs Gebäude geht, sind meistens alle Türen auf, aber es herrscht Ruhe. Weil die Kinder selbst aktiv sind. Das macht etwas mit der Atmosphäre in Schule.
Eine Atmosphäre, in der Inklusion besonders gut funktioniert?
Krause: Ja, weil es wertschätzend ist, jedem Kind gegenüber. Es gibt keine besondere Gruppe. Es ist hier völlig normal, anders zu sein.
Bangert: Eigentlich ist das kein Thema in den Klassen. Wir haben, wie gesagt, nun im Primarbereich angefangen, eine Klasse zu bilden, in der wir in einer ganz kleinen Gruppe arbeiten, um die Kinder voranzubringen. Aber mit dem Ziel, sie so fit zu kriegen, dass sie in Stufe 2 in einer ganz normalen Klasse mit 25, 26 Kindern gut arbeiten können. Da tauchen sie dann unter in der Masse. Das ist für die Kinder dann okay. Sie sondieren nicht, wer welchen Abschluss machen könnte. Die gehen ganz normal miteinander um. Das zeichnet uns aus. Das ist aber eigentlich an vielen Schulen des gemeinsamen Lernens so, sonst dürfte man diesen Titel ja auch nicht haben.

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