Hundertfache Ersatzmutter: Waltraud Nagler pflegt Jungvögel

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Waltraud Nagler ist mittlerweile seit rund 20 Jahren für den Tierschutzverein Lüdenscheid und Umgebung für die Wildvogelhilfe in Schalksmühle und Halver zuständig

Schalksmühle - Wie vielen Jungvögeln Waltraud Nagler das Überleben gesichert hat, kann sie nicht einmal mehr ansatzweise sagen. Mehrere hundertfache Ersatzmutter ist die 70-Jährige gewiss, denn Nagler ist seit rund 20 Jahren für den Tierschutzverein Lüdenscheid und Umgebung für die Wildvogelhilfe in Schalksmühle und Halver zuständig.

In diesen Tagen beginnt ihre anstrengende ehrenamtliche Tätigkeit aufs Neue. „Die ersten Jungvögel bekomme ich meist ab etwa Mitte April, je nach Witterung und Temperaturen läuft die Brutsaison einiger Singvogel-Arten bis Mitte August – und damit auch meine Arbeit“, sagt Nagler. Allein im vergangenen Jahr waren es gut 90 Vögel und Enten, die sie aufpäppeln musste.

Verletzte und geschwächte Tiere oder auch „Waisenkinder“ werden vom Tierschutzverein, der Polizei und Bürgern zu Nagler gebracht, die sich als Ersatzmutter um die Jungtiere kümmert, bis es wieder fit und selbstständig genug ist, um in die Freiheit entlassen werden zu können.

„Im Schnitt ist jedes Tier etwa drei Wochen bei mir“, sagt Nagler. Die Kleinsten werden zunächst mit der Spritze aufgezogen oder der Pinzette gefüttert, bis sie allmählich selber fressen können. Verfüttert werden hauptsächlich Fliegenmaden und Heimchen in Miniportionen. Mit kranken oder geschwächten Vögeln muss Nagler zudem immer wieder zum Tierarzt, hat zusammen mit Dr. Uwe Peuser in dessen Lüdenscheider Praxis schon gebrochene Flügel geschient und wieder flugfähig gemacht.

Vollzeit-Aufgabe in der Hauptbrutzeit

In der Hauptbrutzeit ist die Aufzucht der Jungvögel eine Vollzeit-Aufgabe für die Schalksmühlerin. „Mit der ersten Fütterung beginne ich morgens um 5 Uhr, dann geht es fast ohne Pause durch bis zum Einbruch der Dunkelheit. Bei der ganzen Arbeit kann es passieren, dass mein Mann auf das Mittagessen schon mal ein wenig warten muss“, erzählt die 70-Jährige lachend. Auch Urlaub machen die Naglers stets außerhalb der Brutsaison.

Trotz ihrer intensiven Pflege überleben längst nicht alle Jungvögel, die zu Waltraud Nagler kommen: „Ich bekomme ja nur Tiere aus dem schwächsten Drittel der Population, die Sterblichkeitsrate hier bei der Aufzucht liegt sicherlich bei rund 15 Prozent.“

Zu sehr in den natürlichen Kreislauf möchte Nagler mit ihrer Pflege übrigens keinesfalls eingreifen. „Ein gesunder Vogel gehört in die Natur“, sagt sie deshalb. Dieser Grundsatz treffe auf viele Jungvögel zu, die auf dem Erdboden unter dem Nest sitzen. „Sie fallen nicht aus dem Nest, sondern springen mit 14 bis 17 Tagen freiwillig heraus. Dann können sie allerdings noch nicht fliegen und werden noch bis zu drei Wochen weiter von ihren Eltern gefüttert.“ Um zu erkennen, ob ein Jungvogel tatsächlich Unterstützung benötigt, seien deshalb zunächst Geduld und genaues Beobachten gefragt.

"Artenvielfalt nimmt immer weiter ab"

Nagler kümmert sich mit ihrer Wildvogelhilfe um alle Singvogelarten bis hin zum Nachwuchs der Rabenkrähe. „Die Artenvielfalt nimmt allerdings immer weiter ab“, sagt die 70-Jährige, die einst mit ihrer Arbeit begann, als ihre Kinder auf dem Heimweg von der Schule hilfebedürftige Jungvögel fanden. „Die Mönchsgrasmücke hatte ich schon seit Jahren nicht mehr“, sagt Nagler besorgt. Auch Laubsänger und Grünlinge kommen in der Region praktisch nicht mehr vor.

„Alle wollen auch weiterhin Vogelgesang hören, also sind wir es der Natur auch schuldig, etwas dafür zu tun“, beschreibt sie ihre Motivation, sich zu engagieren. Jeden Vogel, den sie wieder in die Freiheit entlassen kann, sei deshalb ein Sieg: „Es ist jedes Mal ein schöner Moment, wenn ein Tier auf meiner Hand sitzt und anschließend davonfliegt.“

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