Erorik-Club in Kuhlenhagen

Prostituierte: „Mein Zuhälter ist meine Tochter“

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Maria heißt die 27-jährige Prostituierte, die im Gespräch mit unserer Zeitung erzählte, warum sie ihren Körper für Geld in Golden House verkauft.

SCHALKSMÜHLE ▪ Maria, so will die junge Frau in diesem Artikel heißen, ist eine von denen, über die in letzter Zeit viel gesprochen worden ist. Die 27-Jährige ist käuflich. Eine von denen, die in Kuhlenhagen arbeiten. Eine Prostituierte.

Ihre Geschichte begann 2003 in einer rumänischen Kleinstadt. Die 18-jährige Abiturientin hatte Pläne und Ziele. Ein Studium. Mathe oder Physik. Doch ihr Vater starb und hinterließ Eltern, Frau und Kinder. Der Traum zerplatzte. Ein Studium war nicht mehr möglich – das Geld fehlte. „In Rumänien verdient man im Monat ungelernt 150 bis 200 Euro – der Lebensunterhalt in einer großen Stadt ist aber genau so teuer“, sagt Maria, die an dem rustikalen Esstisch im „Golden House“ in Kuhlenhagen sitzt.

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Mit der linken Hand spielt sie an ihrem großen verschnörkelten Ohrring, während sie von damals erzählt. Davon, wie sie als Tänzerin in einem Nachtclub arbeitete. „Damit kannst du Geld verdienen.“ Von null auf hundert. Von der Armut in ein anderes Leben. Das Geld war für sie eine Droge. Kleidung. Schmuck. Geld für die Familie. Auf diesem Höhepunkt bot ihr ein Mann Geld für Sex an. Sie verkaufte sich. Einmal, zweimal, dreimal – bis es normal war. „Du sagst dir immer, dass du Geld beiseite legst und dann aufhörst – aber da kommst du nicht so schnell raus.“ Maria zieht an der Zigarette und kneift die Augen zusammen.

Während sie den Rauch aus den schmalen Lippen strömen lässt, erzählt sie davon, was es für ein Gefühl ist, sich einem wildfremden Mann hinzugeben. Von der Überwindung, das erste Mal mit einem Mann gegen Bezahlung zu schlafen und davon, wie sie im Club Alkohol in rauen Mengen konsumiert, weil Frauen in Rumänien neben dem Strip vor allem an den Getränken mitverdienen. 2007 durchbrach sie dieses Leben. Der Alkohol machte sie kaputt. Sie kam nach Deutschland. Hier arbeitete sie als Prostituierte in einem Club im Bergischen. Dabei lernte sie ihren späteren Mann kennen und lieben. Sie hörte auf, gegen Bezahlung mit Männern zu schlafen. 2009 kam ihr ganzer Stolz, ihre Tochter, zur Welt. Aber das Familienglück zerbrach kurz darauf. Trennung.

Maria arbeitete hart – als Putzfrau, in einer Fabrik und in einem Restaurant, doch das Geld reichte nicht aus. Die Abschlüsse der intelligenten Frau sind in Deutschland nichts wert. Ihre heute dreijährige Tochter ist der Grund, warum die 27-Jährige wieder als Prostituierte arbeitet. „Meine Tochter ist mein Zuhälter“, sagt Maria. Als alleinerziehende Mutter will sie ihrem Mädchen ein besseres Leben bieten. Vor zwei Monaten hat sie wieder angefangen, ihren Körper für Geld zu verkaufen. Ab 60 Euro kann sie und die anderen Frauen im Golden House für 20 Minuten „Standardprogramm“ gebucht werden – besondere sexuelle Vorlieben werden extra berechnet.

Doch Maria gibt sich nicht allem her. Sie hat sich klare Grenzen gesetzt: Sie nimmt nicht jeden Mann mit aufs Zimmer, Duschen vor dem Akt ist Pflicht und nicht jede Sex-Praktik macht sie mit. „Auch wenn ich den Sex manchmal echt toll finde, mache ich es wegen des Geldes“, sagt Maria, während sie ihre rote Reizwäsche zurechtzupft.

Zwei Männer stehen am Tresen. Trinken Bier und schauen sich die Frauen an. „Wir wollten uns das hier oben einfach mal angucken“, sagt einer. Nach einer Führung durch das Haus gehen die Männer. „Viele wollen sich einfach hier nur mal umgucken“, sagt Mariana Simion. Die Betreiberin des Erotik-Clubs meint, dass sie sich über jeden Gast freue, auch wenn er nur zum Gucken käme. „Wir haben hier nichts zu verbergen. Daher kann gerne jeder vorbeikommen.“ Die Eröffnung sei sehr gut gelaufen und nun hoffe sie, dass sich die „guten Dienste“ ihrer Frauen rumsprechen.

Im Kneipenbereich sitzen inzwischen nur noch die Frauen. Maria streift ihre High Heels von den Füßen und schlüpft in warme Socken. Über nackte Beine und Po zieht sie eine Jogginghose. Durch ein Klingeln wissen die Frauen, wann ein Gast kommt – binnen weniger Sekunden können sie sich dann in Pose werfen. Maria blickt in Richtung von Mariana Simion und sagt, dass sie eine gute Betreiberin sei. Fair. Nett. Verständig. „Wenn wir hier keinen Kunden haben, müssen wir nichts für das Zimmer zahlen. Das ist bei anderen anders.“

Mit wie vielen Männer sie täglich Sex hat, könne sie nicht sagen. Unter den Gästen gebe es inzwischen auch viele, die nicht für eine schnelle Nummer vorbeikämen. Sie wollten Gespräche oder andere ihren Fetisch – wie Sadomaso – ausleben. Die Nachfrage ist so vielseitig wie die Gäste. Singles und liebende Familienväter. Geschäftsleute und Verwaltungsmitarbeiter. Großstädter und Schalksmühler. Dicke und Dünne. Junge und Alte. „Den typischen Kunden gibt es nicht. Jeder will was anderes und ich stelle mich darauf ein und mache ihn glücklich – aber nur, wenn mir der Mann zusagt. Wenn nicht, dann lass ich es.“ Anders sei der Job nicht erträglich. Und zuhause – kann da der Sex auch genossen werden? „Obwohl man in den gleichen Stellungen Verkehr hat, ist es anders. Sex ist toll. Sex ist geil. Sex aus Liebe ist einfach schön.“ Und die Liebe sei bekanntlich nicht käuflich. ▪ Matthias Clever

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