Okko Herlyn beweist ein waches Auge

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Schalksmühle - Auch das lebendigste Gemeindeleben hat seine Tücken: Leerlauf in der Liturgie? Fromme Floskeln ohne Botschaft? Salbungsvolle Worte ohne Saft und Kraft? Okko Herlyn, ehemaliger Gemeindepfarrer in Duisburg und Hochschullehrer in Bochum, Schriftsteller und Kabarettist, kennt seine Kirche von innen. In der mit rund 80 Besuchern gut gefüllten Heedfelder Kirche bekannte er nah an den Worten eines anderen berühmten Protestanten: „Hier stehe ich, ich kann auch anders“.

Doch bevor Okko Herlyn zentrale theologische Fragen von der Prädestination bis zur Zwei-Reiche-Lehre ein für alle Mal klärte, begab er sich in das wilde Gemeindeleben, wo Pfarrer Herkenrath mit sich und seinem Gott um den Sinn eines außerordentlich schweren Textes rang – kaffeeschlürfend, Cracker vertilgend und Bleistifte zerkauend. 

Hilft ein altes keltisches Märchen oder doch lieber die jüdische Legende dabei, den Schäfchen die mit kleinen Kabinettstückchen angereicherte Botschaft schmackhaft zu machen? Sie sollen doch beseelt nach Hause gehen: „Sie haben wieder sehr schön gepredigt, Herr Pfarrer. Wir haben fast alles verstanden.“ Ein weiterer Geistlicher zeigte seine Fähigkeiten, einen eher ungewöhnlichen bildlichen Vergleich in die Kirche zu tragen und weitgehend sinnfrei auf den daraus resultierenden Flachsinn zu reagieren: „Was hat dieser Reißverschluss hier in der Kirche zu suchen? „Warum ist denn bloß der liebe Gott so einfallslos?“ war das nicht so ganz passende Lied zum Thema. 

Und dann war da noch die berühmte Freiheit eines Christenmenschen: Welche Rolle spielt sie im Umgang mit etwas so fest Definiertem wie der Liturgie? Man muss die Gottesdienstordnung gut kennen, um so milde und liebevoll über die kleinen, aber feinen Abweichungen lästern zu können. Schmunzeln ließ auch die Stippvisite beim Kirchenchor, an dessen Stimmübungen sich die Besucher rege beteiligten: „Mamemimomu“ klang es kraftvoll durch das Kirchenschiff, bevor die kalte Hundeschnauze, Bienenstich, Donauwelle und der Heedfelder Mürbekrapfen in Sicht kamen: „Martha möchte morgen manchmal Marmorkuchen machen“, klang es immer wieder durch die Kirche. 

Es dauerte eine Weile, bis sich Chorleiter Okko Herlyns strenges Gesicht endlich aufhellte: „Geht doch!“ Übrigens war der Heedfelder Mürbekrapfen nicht allein: Auch in vielen anderen Zusammenhängen bewies der Kirchenkabarettist ein waches Auge für den Ort seines Auftritts. So bot er sogar Auskünfte zum Thema „Feindesliebe - ein völlig neuer Zugang zum Umgang mit dem Finanzamt Lüdenscheid“ an. Eher im Halse stecken blieb das Lachen auf der Zielgeraden des Programms: Da nahm Okko Herlyn jene Leute auf’s Korn, die genau wissen, dass sie „die Dinge doch etwas differenzierter sehen“. Jene, die das edle Polenmädchen und den edlen Neger von ihren ethnischen Zugehörigkeiten abkoppeln möchten. 

Einen bösen Kommentar erntete auch ein Standortgeistlicher bei der Bundeswehr, der seinen Jungs attestierte, „nicht über das normale Maß hinaus ausländerfeindlich zu sein“. Am Ende gab es noch wertvolle Hinweise dazu, was den guten Christen für eine Aufnahme in den Himmel empfiehlt: Die feinsinnige Rede von Theologen und Thealoginnen? Die Lektüre der Bibel in gerechter Sprache? Das Beten mit Legosteinen im Haus Nordhelle? Gott reagierte auf seine Weise: Die persönliche Rechtfertigung eines guten Menschen ließ ihn schlicht und einfach einschlafen.

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