André Welzholz und Claudia Brinker-Börsch kämpfen nach Unfall für Entschädigung

Die Unterlagen des Unfalls beschäftigen das Paar André Welzholz und Claudia Brinker-Börsch beinahe täglich. ▪

SCHALKSMÜHLE ▪ Ein Knall. Schnell. Schneller. Das Herz schlägt. Adrenalin schießt durch die Adern – schaltet den Verstand aus und die Kräfte ein. Wie ferngesteuert steigt Claudia Brinker-Börsch aus dem Auto und versucht ihren eingeklemmten Lebensgefährten André Welzholz aus dem Wagen zu befreien. Rauch strömt aus der Lüftung.

Vier Monate später sitzen Claudia Brinker-Börsch und André Welzholz auf ihren Sofa in der Siedlung Im Strücken. Solange ist es her – eines der einschneidendsten Erlebnisse im Leben der Schalksmühler: ein Verkehrsunfall. Ordner und Mappen liegen auf dem Tisch – Schreiben von Versicherungen, Anwälten, Ärzten und Gutachtern. Das Paar führt einen Krieg – einen Papierkrieg, den es nie führen wollte.

Es ist ein sonniger, warmer 1. Oktober. Die 41-Jährige fährt in ihrem VW Polo über die B54 in Richtung Brügge. Neben ihr sitzt André Welzholz. Das Paar schmiedet Pläne für diesen Samstag. Spazieren? Spielen? Egal. Hauptsache zusammen – als Familie. Es ist kurz vor elf Uhr. In einer Kurve bei Stephansohl schleudert plötzlich ein Auto auf sie zu. „Was macht der da?“, ruft André Welzholz zu seiner Freundin, die bereits eine Vollbremsung macht. „Zieh rüüüüb...“ Es knallt, bevor der 40-Jährige den Satz beenden kann.

Innerhalb weniger Sekunden hat sich der sonnige 1. Oktober im vergangenen Jahr in den dunkelsten Tag des Lebens des Paares verwandelt. „Wir hatten aber Glück“, meint Claudia Brinker-Börsch, während sie den Zeitungsartikel über den Unfall in der Hand hält. „Wir hatten nicht einen, wir hatten eine ganze Kompanie von Schutzengeln“, fügt André Welzholz hinzu. Ursprünglich sollte der neunjährige Sohn mitfahren – doch im letzten Moment blieb er Zuhause, um das Zimmer aufzuräumen. Auch beim Aufprall hätte es anders kommen können: Durch die Vollbremsung und das Einlenken Richtung Standstreifen schleuderte der Wagen des Unfallverursachers – ein 19-jähriger Hagener – gegen die Motorhaube auf der Beifahrerseite und flog von dort aus, wie durch eine Rampe in die Volme.

Auch so waren die Folgen für André Welzholz schwerwiegend: Prellungen, Brustbeinbruch und eine Schädigung der Wirbelsäule. „Es hat beim Aufprall richtig geknackt. Seit dem habe ich höllische Rückenschmerzen“, sagt er. Doch die Versicherungen schieben die Verantwortlichkeiten hin und her, nennen eine Vorschädigung – einen Bandscheibenvorfall – als Grund, um nicht zu zahlen. André Welzholz kann seit dem Unfall seiner Arbeit im Versand eines Lüdenscheider Unternehmens nicht mehr nachgehen. Die körperlichen Anstrengungen sind zu hoch. Eine private Unfallversicherung hat er nicht. Seine Krankenkasse sagte ihm, dass der Kfz-Versicherer des Unfallverursachers zuständig sei – der blockt ab. Daher lebt das Paar derzeit vom Einkommen von Claudia Brinker-Börsch, das sie in einem Mini-Job verdient. Doch nicht nur körperlich und finanziell haben die Schalksmühler mit den Folgen zu kämpfen. Auch psychisch hat der Unfall Spuren hinterlassen.

Nach dem Knall versucht Claudia Brinker-Börsch ihren Lebensgefährten durch die Beifahrertür zu retten. Erfolglos. Die Tür hat sich verkeilt. Über den Fahrersitz zieht die zierliche Altenpflegerin André Welzholz aus dem Wagen und bringt ihn zum Seitenstreifen: „Ich weiß nicht wie, aber ich habe es geschafft.“ Dennoch plagen sie Schuldgefühle – immer wieder die Frage: „Was hätte ich anders machen können?“ Auch der Hagener hat den Unfall überlebt – bis heute haben weder er noch seine Familie sich bei den Schalksmühlern gemeldet und nach dem Wohlbefinden erkundigt oder sich entschuldigt. „Das wäre das mindeste, den er war laut Polizei viel zu schnell und eindeutig am Unfall schuld.“

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